Roadmap for Eradicating Poverty beyond Growth was presented and discussed at a UN conference in Geneva on 22 April.
Roadmap for Eradicating Poverty beyond Growth was presented and discussed at a UN conference in Geneva on 22 April.

Neue UN-Roadmap zur Armutsbekämpfung

Die strukturellen Ursachen von Armut national und weltweit angehen

Der UN-Sonderberichterstatter für extreme Armut und Menschenrechte hat einen neuen «Fahrplan zur Beseitigung der Armut jenseits des Wachstums» lanciert. Die Roadmap enthält eine Reihe konkreter politischer Massnahmen und soll die Staatengemeinschaft auf einen neuen Weg bringen bei der Armutsbekämpfung. Caritas Schweiz war bei der Lancierung in Genf dabei und ordnet die Roadmap ein.

Das Ziel der Staatengemeinschaft ist klar: Bis 2030 soll kein Mensch auf der Welt mehr in extremer Armut – das heisst von weniger als umgerechnet 3 US-Dollar pro Tag – leben. So sieht es das erste Ziel der Agenda 2030 für eine nachhaltige Entwicklung vor. Bei der Erreichung dieses Ziels ist die Welt aber nicht auf Kurs. Gemäss Schätzungen der Weltbank leben im Frühjahr 2026 immer noch fast 830 Millionen Menschen oder jede zehnte Person in extremer Armut. Die Klimakrise und die steigende soziale Ungleichheit verstärken das Problem.

Eine neue Roadmap von Olivier de Schutter, dem Sonderberichterstatter für extreme Armut und Menschenrechte bei den Vereinten Nationen, soll uns dem Ziel der Beendigung extremer Armut nun aber einen Schritt näherbringen. Die Roadmap for Eradicating Poverty Beyond Growth wurde in den vergangenen eineinhalb Jahren erstellt unter der Mitarbeit von verschiedenen Gremien der Vereinten Nationen, aus der Wissenschaft und von zivilgesellschaftlichen Organisationen – darunter auch verschiedenen Caritas-Organisationen.

Wirtschaftliches Wachstum reduziert nicht automatisch Armut

Die Roadmap bricht mit der hartnäckigen Vorstellung, dass wirtschaftliches Wachstum automatisch Armut reduziert. Über Jahrzehnte wurde die Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) als verlässlicher Indikator für Fortschritt betrachtet – als Massstab für Entwicklung, Wohlstand und erfolgreiche Armutsbekämpfung. Doch Forschung und die langjährige Praxiserfahrung zivilgesellschaftlicher Organisationen zeigen deutlich: Der erhoffte automatische Wohlstandszuwachs für alle bleibt aus.

Die Roadmap setzt genau hier an und räumt mit der Gleichsetzung von Wachstum und Fortschritt auf. Sie fordert politische Rahmenbedingungen, die Menschenrechte ins Zentrum stellen, Ungleichheiten aktiv abbauen und die planetaren Grenzen einhalten. Armutsbekämpfung soll sich nicht länger an der Höhe des BIP orientieren, sondern an Kriterien wie Gemeinwohl, sozialer Gerechtigkeit und Wohlbefinden. Die wissenschaftliche Evidenz dafür liegt längst vor – was fehlt, ist der politische Wille, diese Erkenntnisse in die Praxis zu übersetzen.

Um Armut und Ungleichheit wirksam zu bekämpfen, ohne auf sozial oder ökologisch schädliches Wachstum angewiesen zu sein, skizziert die Roadmap transformative Massnahmen. Dazu gehören auch tiefgreifende Veränderungen wie eine Beschäftigungsgarantie, das bedingungslose Grundeinkommen oder die steuerpolitische Souveränität aller Staaten. Solche Ansätze eröffnen Wege für eine Wiederbelebung der Werte der Solidarität und des Gemeinwohls: ein erneutes Bekenntnis zum Ziel der Armutsbekämpfung und dem Abbau von Ungleichheiten, das durch das Streben nach endlosem Wirtschaftswachstum untergraben wurde.

Postwachstum – Ausweg aus Klimakrise und Armut?

Beitrag von Caritas Schweiz zum Thema: Der Almanach Entwicklungspolitik 2025 beschäftigte sich mit dem Konzept des Postwachstums und zeigte in verschiedenen Beiträgen auf, wie sich unser gesellschaftliches, wirtschaftliches und politisches Handeln mit den planetaren Grenzen vereinbaren lässt und gleichzeitig Ungleichheiten und Armut abgebaut werden können.

Auch die Sozialhilfe im eigenen Land gehört dazu

Gemäss der Roadmap sind Sozialhilfe und internationale Solidarität zwei Seiten derselben Medaille im Kampf gegen Armut. Staaten müssen intern soziale Absicherung garantieren und extern durch gerechte Wirtschaftsregeln und Finanzpolitik ihre Verantwortung wahrnehmen. Die internationale Zusammenarbeit trägt die Pflicht, durch Schuldenerlasse, faire Handelsregeln, koordinierte Steuerpolitik, gezielte Klimafinanzierung, wirksame Regulierung multinationaler Unternehmen und die Stärkung der ökonomischen Selbstbestimmung des Globalen Südens strukturelle Benachteiligungen zu beseitigen. Ein Paradigmenwechsel weg von ausbeuterischem Wachstum hin zu nachhaltiger, sozial gerechter Entwicklung ist dafür unerlässlich.

Die Roadmap wird im Sommer 2026 dem UN-Menschenrechtsrat vorgestellt und soll danach in die Diskussionen um die Post-2030 Initiative einfliessen, welche die Agenda 2030 in ein paar Jahren ablösen soll. Caritas Schweiz verfolgt diese Prozesse weiter mit, einerseits als aktiv Mitglied der zivilgesellschaftlichen Plattform Agenda 2030 sowie über ihre Vertretung in der Begleitgruppe Agenda 2030 des Bundes.

Weitere Informationen

Titelbild: Der Fahrplan zur Beseitigung der Armut jenseits des Wachstums wurde am 22. April an einer UNO-Konferenz in Genf vorgestellt und diskutiert. © Alioune Ndiaye/ILO