Dans une tente, une femme est assise sur une chaise, un bébé dans les bras, tandis qu'une petite fille court devant elle.
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Rattenplage in Gaza: Caritas-Arzt warnt vor Infektionskrankheiten

Prekäre humanitäre Lage im Gazastreifen

Im Gazastreifen sind seit Anfang Jahr über 70'000 Infektionsfälle registriert worden. Geflüchtete Familien werden im Schlaf von Ratten gebissen, Medikamente fehlen, und ein überlastetes Gesundheitssystem gerät zunehmend an seine Grenzen.

Mitten in der andauernden humanitären Katastrophe im Gazastreifen entsteht eine neue verheerende Gesundheitsnotlage: eine massive Nagetierplage, die Krankheiten verbreitet. Laut der Weltgesundheitsorganisation wurden allein seit Anfang 2026 mehr als 70'000 Fälle von Ektoparasiten-Infektionen und durch Nagetiere übertragene Krankheiten im Gazastreifen gemeldet.

Ein Arzt von Caritas Jerusalem, einer Partnerorganisation von Caritas Schweiz, erzählt im Interview, was er täglich erlebt. Aus Sicherheitsgründen haben wir seinen Namen anonymisiert.

Die Menschen im Gazastreifen leiden unter einer Ratten- und Mäuseplage. Wie zeigt sich das?

Nachts sehe und höre ich immer wieder Ratten, wie sie sich rund um mein Haus zwischen dem Müll und Abwasser bewegen. Wenn unsere Caritas-Gesundheitszentren morgens öffnen, verstecken sie sich im Bauschutt. Nachts laufen die Nagetiere durch die Strassen und zwischen den Zelten umher. Menschen, die gebissen wurden, suchen medizinische Hilfe in den Notaufnahmen. Ein Mitarbeiter eines Krankenhauses berichtete, dass jeden Abend etwa zehn gebissene Patienten kommen.

Wie können die Menschen angesichts der prekären Versorgungslage behandelt werden?

Die Behandlung vor Ort umfasst die Reinigung, lokale und systemische Antibiotika, Verbände, die Tetanusimpfung und Tetanus-Immunglobulin sowie die nachträgliche Behandlung. Es gibt aber nur etwa halb so viele Verbrauchsmaterialien, wie nötig wären. Zu den wichtigsten verfügbaren Medikamenten gehören Antibiotika.

Einfache Bissverletzungen können wir behandeln, aber wir haben Schwierigkeiten bei der Diagnose und Behandlung von Infektionen, die durch Nagetriere übertragen wurden. In Gaza sind weder Tollwut-Serum noch Tollwutimpfstoffe verfügbar. Zudem mangelt es an Laborausrüstung und Reagenzien zur Diagnose. Die Ärzte stützen sich auf klinische Befunde und ihr medizinisches Urteilsvermögen. Auch bei Schlangen- und Skorpionbissen ist zwar Gegengift vorhanden, aber kein spezifisches. PCR-Geräte sind sehr wichtig zur Diagnose mikrobieller Erkrankungen, insbesondere viraler Infektionen, sie stehen im Gazastreifen jedoch nicht zur Verfügung. Deshalb haben wir Schwierigkeiten, Nagetierinfektionen wie Leptospirose und Hantavirus-Fieber zu diagnostizieren.

Abgesehen vom Biss selbst – welches Gesundheitsrisiken stellt ein solch grossflächiger Nagetierbefall für die Bevölkerung dar?

Die Nagetiere nagen sich durch Zelte und kontaminieren Lebensmittelvorräte. Es gibt kaum sichere Lagermöglichkeiten. Familien und Kinder haben nachts zu grosse Angst zu schlafen, aus Furcht, von Ratten gebissen zu werden.

Was braucht es nun, damit sich die Lage nicht weiter verschlimmert?

Die sanitäre Infrastruktur muss verbessert werden, Trümmer beseitigt, Abfall entsorgt, das Abwassersystem saniert, sauberes Trinkwasser bereitgestellt sowie bezahlbare Rodentizide und Pestizide zur Verfügung gestellt. Mäuse und Ratten sollten in den Häusern gefangen werden. Wohnräume müssen gründlich gereinigt und desinfiziert werden und alle möglichen Zugangslöcher sollten versiegelt werden.

Was ist Ihre persönliche Hoffnung für Gaza in der Zukunft?

Vor allem hoffe ich, dass ein strikter Waffenstillstand und Frieden einkehren. Sobald die Waffen schweigen, kann mit der Beseitigung der Trümmer, der Reinigung der Strassen und dem langfristigen Wiederaufbau begonnen werden, den Gaza so dringend braucht. Dieser Wiederaufbau muss ein ernsthaftes Engagement für den Umweltschutz beinhalten: Es braucht nachhaltige Lösungen für Abfälle durch Recycling oder Verbrennung. Auch müssen das Abwassersystem wiederaufgebaut und eine Entsalzungsanlage errichtet werden, um den gesamten Gazastreifen mit Trinkwasser zu versorgen.

Und das Gesundheitssystems?

Das Gesundheitssystem in Gaza muss dringend reformiert werden. Die Kapazitäten des Personals müssen gestärkt, die Anzahl und Qualifikation des Personals in allen Fachbereichen erhöht und zerstörte Gesundheitseinrichtungen wiederaufgebaut oder renoviert werden. Die Kapazitäten der Operationssäle müssen erweitert, Labore wiederaufgebaut, beschädigte Geräte ersetzt und Laborkits bereitgestellt werden. Pathologielabore müssen wieder funktionsfähig werden. Ein PCR-Gerät muss angeschafft, radiologische Dienste wiederhergestellt und eine Strahlentherapieabteilung eingerichtet werden. Nichts davon ist optional – es sind die Grundlagen eines funktionierenden Gesundheitssystems, ohne das vermeidbare Todesfälle weitergehen werden. Und schliesslich, vielleicht am wichtigsten: Ich hoffe auf die Wiederherstellung der Bildung und die Widerstandskraft der Jugend Gazas. Sie sind die Zukunft – und sie verdienen eine.

Geschrieben von Caritas Jerusalem

Gerne vermitteln wir Interviews und beantworten Medienanfragen: medien@caritas.ch

Das Engagement der Caritas im Gazastreifen

Titelbild: In den Flüchtlingslagern in Gaza leben die Menschen auf engstem Raum und sind Mäusen und Ratten schutzlos ausgesetzt. © Trocaire