Gazastreifen: Es fehlt an Wasser, Nahrung, Strom – und Spenden
Das Leid der Menschen im Gazastreifen ist aus den Schlagzeilen verschwunden. Die humanitäre Situation bleibt kritisch, auch nach der vereinbarten Waffenruhe zwischen der israelischen Regierung und der Hamas. Punktuelle Verbesserungen sind jedoch zu verzeichnen.
Wer meint, im Gazastreifen herrsche Aufbruchsstimmung und Optimismus, täuscht sich. Der Grossteil der Häuser in dem Küstenstreifen ist durch Kampfhandlungen zerstört. Rund zwei Drittel der Bevölkerung hausen weiterhin in provisorischen Unterkünften.
«Weil dieser Winter ausgesprochen regenreich und kalt ist, halten sich die Menschen mehr im Inneren auf», berichtet Wael Darwish, Landesdirektor Programm Mittlerer Osten bei Caritas Schweiz. «Dadurch steigen die Spannungen und die häusliche Gewalt. Es trifft besonders jene, die sowieso schon verwundbar sind: Menschen mit Beeinträchtigung und Kinder, Frauen.»
Wer bereits in seine eigene Wohnung zurückkehren konnte, führt Darwish aus, «lebt oft in beschädigten Gebäuden ohne Fenster, ohne Strom und ohne zuverlässigen Zugang zu sauberem Wasser». Die Menschen suchen in Trümmern nach Brennmaterial und setzen sich dabei der Gefahr von nicht explodierten Kampfgeschossen aus.
Lieferung von Hilfsgütern wird verzögert
Seit der Waffenruhe im Herbst 2025 erreichen mehr Hilfsgüter das Gebiet, aber immer noch viel zu wenig, um den Bedarf zu decken. Es kommen zu wenig Transporte in die Region und oft verzögern sich diese Lieferungen auch noch.
Dafür gibt es laut Darwish zwei wesentliche Gründe: Israel blockiert weiterhin die Grenzübergänge und verschleppt den Genehmigungsprozess. Die «Transitverzögerungen» dauern manchmal so lange, dass die Waren verderben. Hinzu kommt, dass die Infrastruktur im Krieg schwer beschädigt wurde. Somit halten die Strassen bei tagelangem Dauerregen den schweren Lastwagen kaum stand.
«Keine stabile Sicherheitslage»
«Trotz einer formellen Waffenruhe kommt es weiterhin zu Luftangriffen, Beschuss und Explosionen», berichtet Wael Darwish. Seit Inkrafttreten des mehrstufigen Friedensplans wurden laut Angaben vor Ort mindestens 590 Zivilpersonen getötet. Die israelische Armee kontrolliert weiterhin mehr als 50 Prozent des Gazastreifens. Entlang einer sogenannten Pufferzone – häufig als «Gelbe Linie» bezeichnet – bestehe akute Gefahr, so Darwish. Wer sich dieser Zone nähert, «riskiert beschossen zu werden. Von einer stabilen Sicherheitslage kann daher nicht gesprochen werden.»
Im Vergleich zu Zeiten der kompletten Abriegelung ist der Handlungsspielraum für Organisationen wie die Caritas etwas grösser, erläutert Darwish. Der Zugang zu sauberem Wasser und Nahrungsmitteln verbessert sich leicht. Nach über einem Jahr wurde Anfang Februar der Grenzübergang Rafah wieder eröffnet, in erster Linie für medizinische Evakuierungen. Doch nur ein Bruchteil der Menschen mit akutem Behandlungsbedarf konnte nach Ägypten gebracht werden.
Der Bedarf ist enorm
Die Partnerorganisationen von Caritas Schweiz können unter dem Dach der Kirche ihre Arbeit im Gazastreifen fortführen. Ein zentrales Instrument der Nothilfe durch die Caritas sind derzeit Bargeldtransfers, da Märkte teilweise wieder funktionieren und gewisse Waren verfügbar sind. So können die Menschen kaufen, was sie für ihre Lebenssituation besonders nötig haben.
Im Ramadan, der vor wenigen Tagen begonnen hat, steigt der Bedarf an Lebensmitteln massiv – und wohl auch die Preise. Weiterhin angeboten wird psychosoziale Unterstützung. Darwish betont: «Der Bedarf ist enorm, die verfügbaren Mittel sind begrenzt. Da Gaza nicht mehr im medialen Fokus steht, sind die weltweiten Spenden deutlich zurückgegangen.»
Lage im Westjordanland verschärft sich
Im Westjordanland verschlechtern sich laut unserem Partner vor Ort die Lebensbedingungen kontinuierlich. Neue Siedlungen werden genehmigt, die Gewalt durch jüdische Siedler nimmt zu. Checkpoints und Bewegungseinschränkungen erschweren den Zugang zu Arbeit, medizinischer Versorgung und grundlegenden Dienstleistungen.
Auch Einrichtungen der UNO sind betroffen: Büros wurden zerstört, Wasser- und Stromversorgung teilweise unterbrochen, selbst in Schulen und Gesundheitszentren in den Fl üchtlingslagern im Westjordanland. Wael Darwish unterstreicht: «Bei allen bedrückenden Fakten ist klar, dass unsere Arbeit vor Ort für die Menschen einen grossen Unterschied macht. Wir dürfen sie nicht im Stich lassen.»
Geschrieben von Livia Leykauf, Mediensprecherin Caritas Schweiz
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Titelbild: Hilfe unmittelbar nach der Waffenruhe im Herbst 2025: Ein Mitarbeiter von Caritas Jerusalem verteilt Babynahrung. © Caritas Jerusalem