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Caritas-Forum 2019

Digital heisst noch lange nicht sozial

Die Digitalisierung verändert nicht nur Arbeitsweisen und Jobprofile, sondern die Gesellschaft als Ganzes. Soziale Errungenschaften drohen zu erodieren, wenn dieser Prozess wie bis anhin vor allem technologiegetrieben voran schreitet. Am Caritas-Forum in Bern liessen sich 280 Fachleute aus erster Hand informieren, welche tiefgründigen Veränderungen mit der digitalen Transformation bereits einher gegangen sind und welche Massnahmen es braucht, um diesen Wandel sozialverträglich zu gestalten. 

 

Die Digitalisierung ist ein Dauerbrenner – aber in der Öffentlichkeit dominieren die Diskussionen um die Veränderungen in der Wirtschaft und in der Arbeitswelt. «Umso dringlicher ist es, dass wir die sozialen Auswirkungen der Digitalisierung in den Blick nehmen», betonte Mariangela Wallimann-Bornatico, Präsidentin der Caritas Schweiz, in ihrer Begrüssung. «Wir müssen uns fragen, wie wir den Prozess der Digitalisierung politisch so steuern und gestalten können, dass die gesellschaftliche Solidarität nicht untergraben, sozialer Ausschluss abgewehrt, die demokratische Partizipation nicht geschwächt oder der Missbrauch digitaler Macht durch staatliche oder private Akteure verhindert wird.» Die Situation sei durchaus vergleichbar mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, als staatliche Regulierungsmassnahmen, der Aufbau der Sozialversicherungen oder die Einführung der Sozialpartnerschaft die Arbeiterinnen und Arbeiter absicherten. 

Wie wirkt sich die digitale Transformation bereits heute auf die sozialen Strukturen aus?

Verändert hat sich die Gefahrensituation: Heute stehe die Selbstbestimmung auf dem Spiel, sagte Dirk Helbing, Professor für Computational Social Science der ETH Zürich, in seinem Referat. Die Unmenge an Daten, die Firmen wie Facebook und Google aus dem Nutzerverhalten generieren, bilden das Einfallstor für subtile Manipulationen der öffentlichen Meinung oder gar von Wahlergebnissen. Zugleich bescheren die datengetriebenen Technologien einigen wenigen Firmen exorbitante Gewinne. Helbing geht davon aus, dass sich ohne Gegensteuer diese Machtakkumulation noch beschleunigen wird und einem System der Totalüberwachung Vorschub leistet. Dirk Helbing plädiert deshalb dafür, die digitale Gesellschaft so zu organisieren und einen gesetzlichen Rahmen zu schaffen, dass alle am Wohlstand teilhaben können. Ihm schwebt ein offenes Informations- und Innovations-Ökosystem vor, in dem jeder mit seinen Daten Geld verdienen kann. 

Auf die Gefahren eines einseitig auf Effizienz und Profit ausgerichteten digitalen Kapitalismus machte auch Vania Alleva, die Präsidentin der Gewerkschaft Unia, aufmerksam. Das emanzipatorische Potenzial der Technik können nur genutzt werden, wenn die Mitwirkungs- und Mitbestimmungsrechte der Beschäftigten garantiert seien. 

Den rechtlichen Rahmen aus Sicht der Arbeitnehmenden steckte der Jurist Aurélien Witzig ab. Der wissenschaftliche Mitarbeiter der Universitäten Genf und Neuchâtel zeigte auf, wie sich das Entstehen eines digitalen Prekariates rechtlich verhindern lässt. Der Schutz der Arbeitnehmenden ist gerade im Zeitalter der Digitalisierung kein Selbstläufer - zumal jene, die zeit- und ortsungebunden arbeiten, schwieriger gewerkschaftlich zu organisieren sind. Witzig plädierte unter anderem dafür, auch auf Tarifverträge oder internationales Recht zurückzugreifen. 

 

Die Ausgeschlossenen

Bettina Fredrich, Leiterin Sozialpolitik bei Caritas Schweiz, nahm die Digitalisierung aus der armutspolitischen Perspektive unter die Lupe. So werde häufig ausgeblendet, dass armutsbetroffene Menschen schon heute von den profitablen Entwicklungen weitgehend ausgeschlossen bleiben. Eine gleichberechtigte Gesellschaft setze voraus, explizit Menschen mit ungenügenden Kompetenzen zu fördern und mehr Möglichkeiten zu bieten, Beruf und Familie besser zu vereinbaren, nicht zuletzt für alleinerziehende Mütter. 

Am Nachmittag diskutierten die Social-Media-Expertin Adrienne Fichter und Manuela Specker, Leiterin Bildung bei Caritas Schweiz und Herausgeberin der Sozialalmanachs, über das Internet als Nährboden für Ausgrenzung und Radikalisierung. Verschwörungstheorien, Unwahrheiten und Hasskommentare finden über Social Media eine rasante Verbreitung, gleichzeitig verlieren traditionelle Medien an Deutungshoheit und Einfluss. Verbunden mit der Möglichkeit, User selektiv anzusprechen (Microtargeting), ist dieser Totalumbau des Zugangs zu Information und Wissen eine ernsthafte Gefahr für die Demokratie. In diesem Klima verstärkter Polarisierungen  drohen wichtige sozialpolitische Anliegen unterzugehen, während rechtspopulistische Angstmache und Hassbotschaften immer mehr Raum einnehmen, so das Fazit. 

Eine Digitalisierung, die integriert

Zum Abschluss erfuhren die Forumsteilnehmenden, wie die österreichische Hauptstadt die digitalen Möglichkeiten zum Vorteil ihrer Bürgerinnen und Bürger und zur Schonung der Ressourcen einsetzt. Ulrike Huemer, Chief Information Officer der Stadt Wien, berichtete über den Wandel zur «Smart City». Oberstes Ziel sei, die Lebensqualität angesichts der städtetypischen Herausforderungen wie Mobilität oder Bevölkerungswachstum beizubehalten und auf diesem Weg die gesamte Bevölkerung einzubinden und niemanden zurückzulassen. 

 
 

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