

Ursachen und Folgen von Armut
Armut ist kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem. Sie ist meist das Resultat äusserer Umstände, die Betroffene kaum beeinflussen können. Oft verstärken sich individuelle und gesellschaftliche Faktoren gegenseitig und verhindern so ein Ausbrechen aus der Armutsfalle. Die Folgen sind für die Gesellschaft und die Betroffenen gleichermassen schwerwiegend.
Die folgende Grafik bildet die Ursachen und Folgen von Armut und das komplexe Zusammenspiel von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und individuellen Faktoren ab:
Grafik folgt
Ursachen von Armut
Das Armutsrisiko eines Menschen ist besonders gross, wenn einschränkende individuelle Merkmale – zum Beispiel eine psychische Krankheit – auf systemische Hürden auf dem Arbeitsmarkt, im Sozial- und Bildungssystem treffen.
Gesellschaftliche Rahmenbedingungen
Unsichere Arbeitsverhältnisse und Erwerbsdruck
In der Schweiz ist Erwerbsarbeit zentral für die Existenzsicherung. Doch das Versprechen, dass ein Lohn zum Leben reicht, gilt nicht für alle. Dazu tragen atypische und prekäre Arbeitsverhältnisse wie Arbeit auf Abruf, befristete Verträge und Temporärarbeit bei. Sie bieten nur wenig arbeitsrechtlichen Schutz und sind in Niedriglohnbranchen wie der Reinigung, dem Einzelhandel, der Gastronomie, im Baugewerbe oder der Pflege weit verbreitet.
Gleichzeitig verändert sich die Arbeitswelt rasant. Der technologische Wandel, der Wettbewerbsdruck sowie veränderte Kundenbedürfnisse schaffen neue Berufe, während andere verschwinden. Die Qualifikationsanforderungen an die Arbeitnehmenden steigen. Manche sind vom Tempo der Veränderungen überfordert und riskieren, den Anschluss zu verlieren. Das gilt besonders für Menschen mit fehlenden Grundkompetenzen oder ohne berufliche Qualifikationen.
Die Diskrepanz zwischen den Anforderungen des Arbeitsmarktes und den Qualifikationen von Arbeitnehmenden ist eine von mehreren Ursachen für Arbeitsmangel, das heisst Erwerbslosigkeit und Unterbeschäftigung. Als unterbeschäftigt gelten Personen, die unfreiwillig in einem Teilzeitpensum arbeiten. Sowohl Erwerbslosigkeit wie auch Unterbeschäftigung gehen häufig mit prekären finanziellen Situationen einher.
In der Schweiz lassen sich Beruf und Familie nach wie vor schwer vereinbaren. Die Schweiz investiert im Vergleich mit den umliegenden Ländern wenig in eine familienfreundliche Politik. Die Kinderbetreuung ist vielerorts teuer, nicht flächendeckend verfügbar und unzureichend subventioniert. Viele Eltern (vor allem Mütter) reduzieren deshalb ihr Arbeitspensum oder steigen ganz aus dem Berufsleben aus.
Ungleiche Chancen im Bildungssystem
In der Schweiz hängt der Bildungserfolg stark vom Einkommen und Bildungsniveau der Eltern ab. Kinder aus bescheidenen Verhältnissen haben von Geburt an begrenzte Chancen. Enge Wohnverhältnisse und fehlende Mittel für Freizeitaktivitäten, Nachhilfe oder Unterstützung beim Lernen hemmen ihre Entwicklung. Zudem besuchen armutsbetroffene Kinder aufgrund der hohen Kosten seltener eine Kita. Dadurch fehlt ihnen eine wichtige Sprach- und Sozialförderung. Diese Benachteiligungen lassen sich während der Schulzeit kaum mehr ausgeglichen, sondern verfestigen sich. Auch die frühe Einteilung der Schülerinnen und Schüler in verschiedene Leistungsniveaus nach der Primaschule bedroht die Chancengerechtigkeit im Bildungssystem. Das hat fatale Folgen: Das Armutsrisiko ist für Menschen mit tiefer Bildung besonders hoch.
Fragmentiertes Sozialsystem
Das System der sozialen Sicherheit in der Schweiz ist lückenhaft. Einige Risiken und Arbeitsformen sind nur schlecht oder gar nicht abgesichert. Das führt zu einer ungenügenden Existenzsicherung im Erwerbsalter und später zu tiefen Renten. Betroffen sind vor allem Menschen in prekären Jobs, Personen ohne Schweizer Pass und Mütter. Gleichzeitig liegt die Existenzsicherung im engeren Sinne in der Kompetenz der Kantone und teilweise der Gemeinden. Das führt dazu, dass je nach Wohnort unterschiedliche Leistungen bestehen. Die Ausgestaltung der Sozialhilfe (Höhe, Leistungen, Bedingungen) beispielsweise unterscheidet sich je nach Kanton oder gar Gemeinde.
Armutspolitik ist in der Schweiz eine klassische Querschnittsaufgabe. Sie muss auf allen Staatsebenen und in sehr vielen Politikbereichen ansetzen. Das macht die Armutsbekämpfung komplex und führt zu fehlender Kohärenz. Seit 2014 gibt es immerhin eine nationale Koordinationsplattform, welche den Austausch und die Vernetzung zwischen den verschiedenen Staatsebenen und Politikbereichen fördert.
Mangel an bezahlbarer Grundversorgung
Bezahlbarer Wohnraum und medizinische Versorgung werden immer unerschwinglicher. Beides ist zum Leben notwendig. Doch genau bei diesen Fixkosten gibt es kaum Sparmöglichkeiten. Dadurch sind Menschen mit knappem Budget gezwungen, in anderen Lebensbereichen Abstriche zu machen. Die Wohnungsnot hat sich in den vergangenen Jahren verschärft, günstige Wohnungen sind selten. Wer umziehen muss, findet kaum eine bezahlbare Wohnung. Auch die Gesundheitskosten belasten das Budget. Die Prämien sind stark gestiegen, Löhne und Prämienverbilligungen konnten bei weitem nicht Schritt halten. Arztbesuche oder Medikamente müssen oft zuerst selbst bezahlt werden, bevor die Krankenkasse übernimmt. Die hohen Gesundheitskosten sind eines der grössten Verschuldungsrisiken.
Individuelle Risikofaktoren
Finanzielle Ressourcen
Wer nicht genug Geld hat, kann Grundbedürfnisse wie Wohnen, Essen oder Mobilität kaum decken. Zudem fehlen Handlungsspielräume, um sich an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen.
Soziale Herkunft
Der familiäre Hintergrund hat einen grossen Einfluss auf die Chancen im Erwachsenenalter. Kinder aus einkommensschwachen Familien haben schlechtere Aussichten auf einen erfolgreichen Bildungsweg. Ein Beispiel mit Zahlen für 2025: 13 Prozent der Jugendlichen aus der einkommensschwächsten Gruppe verleiben ohne nachobligatorischen Abschluss. Sie haben später auch eher mit finanziellen und gesundheitlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Bei den Jugendlichen aus den einkommensstärksten Haushalten liegt dieser Anteil bei 5 Prozent.
Gesundheit
Wer körperlich oder psychisch eingeschränkt ist, kann oft nicht oder nur eingeschränkt arbeiten und trägt hohe Behandlungskosten. Patientinnen und Patienten müssen trotz obligatorischer Grundversicherung bei einem Unfall oder einer Krankheit einen grossen Teil der Gesundheitskosten bezahlen: bis zu 2500 Franken Franchise und weitere 700 Franken Selbstbehalt. Betroffene stehen somit rasch vor der schwierigen Entscheidung: Gehe ich zum Arzt und verschulde mich? Oder verzichte ich darauf und riskiere eine Verschlechterung meines Gesundheitszustands? Haushalte mit den tiefsten Einkommen müssen im Schnitt rund 20 Prozent ihres Budgets für Gesundheitskosten und Krankenkassenprämien aufwenden. Das ist mehr als doppelt so viel wie im Durchschnitt aller Haushalte, wo dieser Anteil bei rund 9 Prozent liegt.
Geschlecht
Frauen sind in der Schweiz häufiger von Armut betroffen oder bedroht als Männer. Das ist kein Zufall. Sie arbeiten öfter in mehreren Jobs gleichzeitig oder auf Abruf. Und sie arbeiten häufiger Teilzeit, nicht immer freiwillig. Hinzu kommen grosse Lohnunterschiede. Im Jahr 2022 verdienten Frauen in der Schweiz gut 16 Prozent weniger als Männer. Nur die Hälfte dieser Differenz lässt sich durch objektive Faktoren wie Ausbildung, Branche oder berufliche Stellung erklären. Schliesslich erschwert die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine Erwerbstätigkeit. Kita-Plätze sind nicht nur teuer, es gibt an vielen Orten auch zu wenige oder sie entsprechen nicht dem Bedarf. Frauen reduzieren deshalb mehrheitlich ihr Arbeitspensum und leisten den Grossteil der unbezahlten Haus- und Betreuungsarbeit.
Alter
Kinder und Jugendliche sind besonders oft von Armut betroffen oder bedroht. Das hängt eng damit zusammen, dass Familien in der Schweiz zu wenig unterstützt werden und häufiger finanzielle Schwierigkeiten haben als vergleichbare Haushalte ohne Kinder.
Wer mit über 50 Jahren die Stelle verliert, hat oft Mühe, eine neue Anstellung zu finden. Das liegt unter anderem an höheren Lohnkosten, Sozialabgaben oder nicht mehr nachgefragte Qualifikationen. Zum Teil kommen gesundheitliche Probleme hinzu.
Auch im Rentenalter kann es finanziell eng werden, wenn die Rente aus AHV und Pensionskasse nicht reicht und gleichzeitig zu wenig Vermögen vorhanden sind.
Aufenthaltsrecht
Personen mit Migrationshintergrund sind auf dem Arbeitsmarkt oft benachteiligt. Ausländische Diplome werden teilweise nicht anerkannt und Diskriminierung bei Bewerbungen ist keine Seltenheit. Besonders betroffen sind Menschen ohne gesichertes Aufenthaltsrecht, darunter Geflüchtete mit vorläufiger Aufnahme oder Personen mit einer F-Bewilligung. Sie finden kaum eine Anstellung, da viele Arbeitgeber Personen mit unsicherem Aufenthaltsstatus meiden. Auch Sans-Papiers, also Menschen ohne offizielles Aufenthaltsrecht, sind besonders verletzlich. Sie arbeiten meist ohne Vertrag in prekären Verhältnissen.
Familienkonstellation
Das Armutsrisiko kann je nach Haushaltsform variieren. Dabei kommt der Elternschaft eine besondere Rolle zu, da sie tendenziell finanzielle und zeitliche Einschränkungen mit sich bringt. Mit Kindern steigen die Ausgaben für Essen, Kleider, Versicherungen und das Wohnen. Gleichzeitig sinkt häufig das Haushaltseinkommen, weil ein Elternteil (meist die Mutter) weniger arbeitet, um sich der unbezahlten Betreuung zu widmen. Oder es geht viel Geld für die Kinderbetreuung weg.
Nach einer Scheidung oder Trennung erhöht sich das Armutsrisiko, wenn ein Elternteil allein für die Kinder sorgt. Viele Alleinerziehende (meist Mütter) können trotz Erwerbsarbeit nicht von ihrem Lohn leben. Alimente sind vorgesehen, doch diese hängen vom Einkommen des unterhaltspflichtigen Elternteils ab. Liegt dieses unter dem betreibungsrechtlichen Existenzminimum, entfallen die Zahlungen. Bleibt dann das Einkommen der Alleinerziehenden knapp, muss meist das Sozialamt einspringen.
Folgen von Armut
Das oben skizzierte Zusammenspiel von systemischen und persönlichen Faktoren wirkt sich nicht nur auf die individuelle Lebenssituation und -qualität der Betroffenen aus, sondern auch auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Wirtschaftsleistung in der Schweiz.
Individuelle Folgen
Soziale Ausgrenzung und Stigmatisierung
Armutsbetroffene sind häufiger einsam, haben weniger soziale Kontakte und nehmen seltener an gesellschaftlichen Aktivitäten teil. Denn ihr Budget lässt das schlicht nicht zu. Auch die begrenzte Zeit ist eine Hürde. Fehlende soziale Kontakte bedeuten auch, dass wichtige Unterstützungsnetzwerke fehlen. Wenn beispielsweise das Kind einer alleinerziehenden erwerbstätigen Mutter erkrankt, steht niemand für die Kinderbetreuung zur Verfügung.
Menschen am oder unter dem Existenzminimum ziehen sich aus Angst vor Stigmatisierung oft weiter zurück. In der reichen und leistungsorientierten Schweiz gilt eine schwierige finanzielle Lage häufig als selbstverschuldet, was bei Betroffenen Scham auslösen kann. Besonders Kinder leiden darunter, wenn etwa das Geld für den Fussballverein oder Ausflüge fehlt.
Prekäre Wohnverhältnisse
Einkommensschwache Haushalte werden bei Sanierungen oder Neubauten häufig verdrängt. Weil es an bezahlbarem Wohnraum fehlt, müssen sie meist auf zu kleine oder abgelegene Wohnungen ausweichen. Diese sind teils auch gesundheitlich belastend, zum Beispiel wegen Schimmel oder fehlender Isolierung.
Gesundheitliche Probleme
Belastende Lebens- und Arbeitsbedingungen wie schlechte Wohnverhältnisse, harte körperliche Arbeit, wenig Erholung und Dauerstress wirken sich negativ auf die körperliche und psychische Gesundheit aus. Auf diese Weise entsteht eine Negativspirale, in der sich Armut und Krankheit gegenseitig verstärken und langfristig verfestigen. Laut Bundesamt für Statistik berichtet ein Drittel der Menschen, die finanziell (sehr) schlecht über die Runden kommen, von mittlerer bis hoher psychischer Belastung. Bei Personen ohne Geldnot sind es lediglich 12 Prozent.
Finanzieller Druck und Verschuldung
Der finanzielle Druck und die Gefahr der Verschuldung oder Überschuldung steigen für Armutsbetroffene. Um laufende Rechnungen wie Miete und Krankenkasse zu bezahlen, machen sie in anderen Bereichen wie der Ernährung oder der Freizeit Abstriche. Aus Angst vor Kosten wird auf Arztbesuche verzichtet. Unerwartete Ereignisse wie eine Scheidung oder ein Unfall können das ohnehin knappe Budget zusätzlich belasten. Fehlen die finanziellen Reserven, steigt das Verschuldungsrisiko.
Erschwerter Zugang zu (Weiter-)Bildung und Arbeitsmarkt
Armutsbetroffene haben weniger Zugang zu (Weiter-)Bildung, obwohl sie ihre Chancen auf eine existenzsichernde Erwerbsarbeit mittels Bildung oft nachhaltig verbessern könnten. Die Herausforderungen sind vielfältig: Für den Kursbesuch fehlen Zeit und Geld, günstige Kita-Angebote und existenzsichernde Stipendien sind nur selten verfügbar. Zudem fördern Arbeitgeber eher Arbeitnehmende mit umfangreichem Bildungsrucksack und höherem Einkommen.
Gesellschaftliche Folgen von Armut
Schwächung des gesellschaftlichen Zusammenhalts
Unsere Gesellschaft ist auf ein funktionierendes Miteinander angewiesen. Wächst die soziale Kluft spürbar, werden die Menschen unzufriedener. Dadurch sinkt das Zusammengehörigkeitsgefühl. Menschen in Armut berichten besonders häufig davon, dass ihr Umfeld auf sie herabsieht. Umgekehrt erfahren reiche Menschen eher soziale Wertschätzung.
Sinkendes Vertrauen in Institutionen
Das Paradigma unserer Leistungsgesellschaft ist nach wie vor: Wir sind selbst für unsere finanzielle Lage verantwortlich. Wenn sich Menschen mit wenig Geld nicht eigenständig aus der Armutsfalle befreien können und auf strukturelle Hürden stossen, kann das zu einer Entfremdung von der Gesellschaft und den politischen Institutionen der Schweiz führen. Umfragen zeigen, dass das Vertrauen in politische Institutionen in der Schweiz bei Personen mit niedrigen Einkommen tiefer ist als bei jenen mit höheren Einkommen.
Geringe wirtschaftliche Produktivität
Verschiedene Studien deuten darauf hin, dass soziale und finanzielle Ungleichheit ab einem gewissen Mass die wirtschaftliche Produktivität eines Landes negativ beeinflusst. Das hat verschiedene Gründe: Personen mit kleinem Budget können weniger konsumieren. Das kann das Wirtschaftswachstum bremsen. Gleichzeitig bleibt ihr Potenzial oft ungenutzt, weil der Zugang zu Bildung oder zum Arbeitsmarkt eingeschränkt ist. Und schliesslich führt eine grosse Kluft zwischen Arm und Reich oft zu politischer Instabilität, was ebenfalls die Wirtschaftsleistung hemmt.


