Caritas Schweiz

Mehrdimensionale Armutskonzepte

Der Blick der Forschung auf Einschränkungen in verschiedenen Lebensbereichen

Armut wird in der Regel mit finanziellen Indikatoren gemessen. Wer von Armut betroffen ist, hat aber meist nicht nur zu wenig Geld, sondern ist auch in anderer Hinsicht eingeschränkt. Um die Einschränkungen in verschiedenen Lebensbereichen aufzuzeigen, die von Armut betroffene Menschen erleben, werden in der Forschung mehrdimensionale Armutskonzepte verwendet. Vier Beispiele stellen wir hier vor.

Capability-Approach

Der Capability Approach (Deutsch: Befähigungsansatz oder Verwirklichungschancenansatz) ist weltweit eines der am meisten verwendeten Armutskonzepte. Der Kerngedanke des Konzepts ist: Die Verwirklichungschancen eines Menschen ergeben sich aus dem Zusammenspiel von individuellen Potenzialen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Ob eine Mutter zum Beispiel in der Schweiz eine gute Arbeitsstelle findet, hängt einerseits davon ab, welche Ausbildung und Sprachkenntnisse sie mitbringt. Andererseits werden ihre Chancen auch durch die Lage auf dem Arbeitsmarkt, durch familienpolitische Massnahmen und durch gesellschaftliche Vorstellungen der Mutterrolle beeinflusst.

Gemäss dem Capability-Konzept bedeutet Armut, dass eine Person nicht die Möglichkeit hat, ein Leben zu führen, für das sie sich «erstens frei und mit guten Gründen entscheiden (konnte) und welches zweitens die Grundlagen der Selbstachtung nicht in Frage stellt» (Sen, Ökonomie für den Menschen, 2000, S. 29). Wichtig sind die Möglichkeiten, die einer Person offenstehen: Wenn jemand kein Bedürfnis hat, sich weiterzubilden, dann ist das eine freie Entscheidung. Wenn jemand das Bedürfnis, aber nicht die Möglichkeit hat, weil die Weiterbildung zu teuer ist und eine Reduktion des Arbeitspensums nicht in Frage kommt, dann ist diese Person von Armut betroffen.

Der Capability Approach geht auf den indischen Ökonomen und Nobelpreisträger Amartya Sen zurück und wurde von Martha Nussbaum für die UNO weiterentwickelt.

Lebenslagenansatz

Der Lebenslagenansatz betrachtet Armut nicht nur als Mangel an Geld, sondern als Folge von Benachteiligungen in verschiedenen Lebensbereichen, zum Beispiel bei Einkommen, Bildung, Gesundheit, Wohnen oder sozialer Teilhabe. Eine Person gilt demnach als «depriviert», wenn sie in einem oder mehreren dieser Bereiche unterversorgt ist. Einschränkungen in verschiedenen Bereichen wirken häufig zusammen und verstärken sich gegenseitig. So kann sich die Lebenssituation dauerhaft verschlechtern. Wer beispielsweise ein sehr knappes Budget hat, kann sich seltener eine Weiterbildung leisten oder zögert aus Kostengründen den Arztbesuch hinaus.

Der Lebenslagenansatz wurde in den 1970er und 1980er Jahren vor allem in Deutschland entwickelt. Ziel war es, die tatsächlichen Lebensverhältnisse der Betroffenen besser zu erfassen und zu verstehen. Dieses Konzept zeigt auch, dass Armut oft nicht sofort erkennbar ist. Eine Person mit hohem Einkommen kann durch plötzliche Ausgaben für medizinische Behandlungen in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Auch wenn das Budget statistisch über der Armutsgrenze liegt, reicht es aufgrund der notwendigen Ausgaben möglicherweise nicht aus. Zudem lassen sich manche Lebensumstände nicht nur durch mehr finanzielle Ressourcen lösen, was mit dem Lebenslagenansatz ebenfalls aufgezeigt werden kann. Wer lange in Armut lebt, kämpft häufiger auch mit psychischen Belastungen, sozialer Isolation oder gesundheitlichen Problemen.

Die verborgenen Dimensionen von Armut

Die internationale Bewegung ATD Vierte Welt hat in Zusammenarbeit mit der Universität Oxford in einem partizipativen Forschungsprojekt über mehrere Jahre die sogenannt verborgenen Dimensionen von Armut herausgearbeitet. In sechs Ländern entwickelten armutserfahrene Menschen sowie Fachleute aus der Praxis und Wissenschaft gemeinsam ein multidimensionales Verständnis von Armut.

Die Teilnehmenden identifizierten neun zentrale Armutsdimensionen, die sich in drei Bereiche aufteilen lassen. Der erste Bereich umfasst materielle Entbehrungen und Benachteiligungen, also eher bekannte Dimensionen von Armut: Mangel an menschenwürdiger Arbeit, unzureichendes und prekäres Einkommen sowie materielle und soziale Benachteiligung.

Der zweite Bereich betrifft die Beziehungsdynamik, also die Art und Weise, wie Menschen in Armut von anderen behandelt werden. Hierzu zählen die drei Dimensionen soziale Misshandlung, institutionelle Misshandlung und nicht anerkannte Kompetenzen und Beiträge. Diese Ausprägungen der Armut bleiben in vielen politischen Debatten unsichtbar. Die fehlende Anerkennung, Ausgrenzung und Diskriminierung haben aber tiefgreifende Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl und die gesellschaftliche Teilhabe der Armutsbetroffenen.

Der dritte Bereich ist der Erlebnisbereich, der das emotionale und psychische Erleben von Armut beschreibt. Menschen in Armut berichten von ständiger Angst, Kontrollverlust, Leid sowie dem täglichen Kampf um Würde und Selbstbestimmung. Die drei identifizierten Dimensionen fassen dieses Erleben zusammen: Der Entzug von Handlungsmacht (Disempowerment), das Leiden in Körper, Geist und Herz sowie der stetige Kampf und Widerstand.

Die neun Armutsdimensionen sind eng miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig. Wie sich Armut auf das Leben des Einzelnen auswirkt, hängt zudem von weiteren Faktoren wie Lebensort, Lebensalter, Dauer der Armut oder soziale Identität ab. Auch Umweltfaktoren wie Klimawandel, Umweltverschmutzung oder mangelhafte Infrastruktur spielen eine Rolle und können Armut verschärfen. Das Forschungsprojekt zeigt deutlich, wie Armut die Menschenwürde verletzt.

Mehrdimensionales Armutskonzept des Bundes

Wie wird Armut betrachtet?

Für das nationale Armutsmonitoring hat der Bund gemeinsam mit der Oxford Poverty and Human Development Initiative ein eigenes Modell entwickelt, das einem mehrdimensionalen Armutsverständnis mit finanziellem Kern entspricht. Dabei wird untersucht, wie finanzielle Armut mit Einschränkungen in den sechs weiteren Dimensionen Bildung, Erwerbsarbeit, Gesundheit, Wohnen, soziale Beziehungen und politische Teilhabe zusammenhängt. Für jede dieser sechs Dimensionen wurden jeweils drei Indikatoren aufgestellt. Weist mindestens ein Indikator einen kritischen Wert auf, gilt eine Person in diesem Bereich als arm.

Dieses Konzept ist eine Ergänzung zum Indikator «materielle und soziale Deprivation» (Themenseite Armut in der Schweiz, Kapitel 2), den das Bundesamt für Statistik jährlich berechnet.

Der Befund ist klar: Finanzielle Armut tritt selten allein auf. Die meisten Menschen, die von Einkommensarmut betroffen sind, erleben auch in anderen Lebensbereichen Einschränkungen und Nachteile. Konkret leben rund 85 Prozent der einkommensarmen Menschen in der Schweiz in einem Haushalt, der in mindestens einer weiteren der sechs untersuchten Dimensionen belastet oder eingeschränkt ist.

Was ein multidimensionalen Armutsverständnis für die Armutspolitik bedeutet

Aus armutspolitischer Perspektive ist es zentral, Armut in all ihren Dimensionen zu betrachten und mangelnde oder eingeschränkte Verwirklichungschancen zu identifizieren. Die Armutspolitik kann sich nicht darauf beschränken, finanzielle Unterstützungsleistungen auszurichten. Sie muss auf mehreren Ebenen ansetzen und etwa Zugangshürden zu Bildung und Gesundheitsleistungen abbauen und die soziale Teilhabe von Menschen mit geringen finanziellen Ressourcen fördern. Gleichzeitig sollen die individuellen Bedürfnisse und Potenziale der Menschen anerkannt und gestärkt werden.

Das Armutsverständnis der Caritas

Nach dem Verständnis der Caritas hat Armut drei Dimensionen:

  • Wer von Armut betroffen ist, lebt in einem Haushalt, dessen Einkommen nicht für den minimalen Lebensunterhalt ausreicht. Mit «minimalem Lebensunterhalt» meinen wir einerseits die Deckung der materiellen Grundbedürfnisse, andererseits aber auch die Möglichkeit, zumindest teilweise am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben (beispielsweise dass Kinder einer Freizeitaktivität nachgehen können).
  • Wer von Armut betroffen ist, lebt in einer prekären Situation, die nicht nur von einem Mangel an finanziellen Mitteln geprägt ist. Armutsbetroffene leben oft in zu kleinen, lärmbelasteten Wohnungen, kämpfen mit gesundheitlichen Einschränkungen, können keine berufliche Ausbildung absolvieren, haben keine sichere Arbeitsstelle und ziehen sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. Der konstante finanzielle Druck kann auch Beziehungen innerhalb der Familie belasten.
  • Wer von Armut betroffen ist, dem oder der mangelt es an konkreten Handlungsperspektiven und Lebenschancen. Ein knappes Budget hat weitreichende Folgen in verschiedenen Lebensbereichen. Beispielsweise verzichten viele Menschen mit wenig Geld auf Arztbesuche, obwohl sie ernsthaft krank sind. Das kann zu einer Chronifizierung von gesundheitlichen Leiden führen. Und umgekehrt haben Einschränkungen in nicht-finanziellen Bereichen Auswirkungen auf die Fähigkeit, den eigenen Lebensunterhalt zu sichern. Personen ohne nachobligatorischen Schulabschluss finden zum Beispiel oft nur eine prekäre Arbeitsstelle mit einem tiefen Lohn.