Un homme distribue des crackers aux enfants.
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«Humanitäre Hilfe verhindert in letzter Konsequenz, dass Menschen verhungern»

Flüchtlingslager im Südsudan und Uganda: Weltweite Kürzungen von Hilfsgeldern deutlich spürbar

Der Krieg im Sudan hat zu einer der weltweit grössten humanitären Krisen geführt. Livia Leykauf, Leiterin Kommunikation von Caritas Schweiz, hat kürzlich Flüchtlingslager im Südsudan und in Uganda besucht. Sie berichtet, wie die weltweiten Kürzungen der Budgets für die Humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit sich ganz konkret und folgenschwer auswirken.

Livia Leykauf, Sie haben vor Kurzem Flüchtlingslager im Südsudan und Uganda besucht. Wie haben Sie die Situation vor Ort erlebt?

Im Gorom-Camp im Südsudan leben Menschen, die vor dem Bürgerkrieg im Sudan geflüchtet sind. Manche sind schon bis zu drei Jahre in diesem Lager, aber es treffen täglich neue Flüchtlinge ein. Im Bidibidi-Camp in Uganda ist die Situation etwas anders: Viele der Menschen leben schon fast seit zehn Jahren dort. Sie sind einst vor dem Krieg im Südsudan oder im Kongo geflohen. Gemeinsam haben die Menschen in beiden Camps, dass sie in ihrem Flüchtlingsstatus gefangen sind und es derzeit keine Option auf eine Rückkehr gibt.

Wie geht es den Menschen, die Sie getroffen haben?

Nicht gut. Die Sicherheitslage ist höchst angespannt. Im Südsudan herrscht ein offener Machtkonflikt zwischen dem Präsidenten Salva Kiir Mayardit und Vizepräsident Riek Machar. Immer wieder kommt es zu Gewaltausbrüchen zwischen den beiden Lagern. Das fragile politische Gleichgewicht ist erschüttert. Darüber hinaus sind in verschiedenen Teilstaaten noch weitere lokale, militarisierte Gruppen in die Kämpfe involviert. Viele befürchten, dass der Südsudan erneut in einen Bürgerkrieg abrutscht. Die Kriege im Sudan und Kongo gehen unvermindert weiter.

Wie gut können die Bedürfnisse der geflüchteten Menschen unter diesen Voraussetzungen abgedeckt werden?

Es ist eine enorme Herausforderung. Während die Zahl der Geflüchteten wächst, nehmen die zur Verfügung stehenden Mittel ab. Das Gorom Camp war auf 1’500 Personen ausgelegt. Heute wohnen hier bereits 22'000 Menschen. Neuankömmlingen wird ein kleines Stück Land zugeteilt, 30 auf 30 Meter pro Familie. Zudem erhalten sie eine Plane und einfaches Baumaterial, mit der sie sich eine einfache Hütte bauen können und eine Grundausstattung mit Haushaltsgegenständen.

Wie ist die Versorgungslage insgesamt?

Sehr schlecht. Weltweit werden Gelder für die Entwicklungszusammenarbeit und die humanitäre Hilfe gekürzt. Auch die Schweiz hat in mehreren Schritten Kürzungen bei der Internationalen Zusammenarbeit beschlossen, wenn bisher auch in weniger starkem Ausmass als zum Beispiel die USA. Diese Entwicklung spüren die Menschen vor Ort direkt. Mit wem ich auch sprach, alle haben die Kürzung der Hilfsleistungen beklagt. Zuvor erhielten sie von UN-Organisationen Lebensmittelpakete. Diese fielen den Einsparungen zum Opfer. Jetzt bleibt – wenn überhaupt – nur noch Bargeldhilfe. Aber die Beträge sind so gering, dass es kaum zum Nötigsten reicht. Mütter klagten darüber, dass ihre Kinder schwach sind infolge von Mangelernährung. Viele Menschen sind verschuldet und müssen das Bargeld zuerst dafür nutzen, ihre Schulden abzuzahlen. Der Druck ist enorm.

Die Schweiz hat im November mit einem Nachtragskredit zusätzliche 50 Millionen für die Humanitäre Hilfe im Sudan und in der Region gesprochen. Was kann mit solchen Beiträgen erreicht werden?

Radikal zu Ende gedacht verhindern sie, dass Menschen verhungern. Dabei kann mit wenig wirklich viel bewirkt werden. Ich traf eine Frau, die früher Handel mit Reis betrieb und so ein kleines Einkommen erzielte. Heute kann sie nur noch Reis für den Bedarf der Familie einkaufen, wodurch ihre Einkommensquelle versiegt ist. Berührt hat mich auch die Geschichte einer jungen Frau: Sie stand in der sudanesischen Hauptstadt kurz vor ihrem Studienabschluss, als sie zur Flucht vor dem Bürgerkrieg gezwungen wurde. Sie hätte alle Voraussetzungen, ihren Weg im Leben zu gehen, aber jetzt sitzt sie ohne Perspektiven im Flüchtlingslager fest. Denn hier gibt es nicht einmal geeignete Schulen für die Kinder, geschweige denn Möglichkeiten für eine höhere Bildung. Gelder für die Internationale Zusammenarbeit sind ein Hebel, solche Situationen zum Besseren zu wenden, so dass Menschen eine Chance erhalten, etwas zu erarbeiten und sich ein eigenständiges Leben aufzubauen.

Was leistet Caritas Schweiz in den Flüchtlingslagern?

Im Gorom Camp, das ich besucht habe, leisten wir durch unseren Partner Caritas Juba einen Beitrag zur medizinischen Grundversorgung. Neben der regulären Sprechstunde gibt es eine Apotheke, ein Labor, eine Beratung für Schwangere, einen Gebärraum. Daneben können je 12 Frauen und Männer stationär aufgenommen werden, zum Beispiel wegen Malaria. In einem geschützten Raum begleiten wir Frauen, die Gewalterfahrungen erlitten haben. Auch für Kinder bieten wir die Möglichkeit, ein paar Stunden unbeschwert Kind zu sein. Eine Frau hat sich mit den Worten bedankt: «Noch nie zuvor ist jemand gekommen, und hat uns gefragt, wie es uns geht.»

Geschrieben von Stefan Gribi, Verantwortlicher politische Kommunikation, Caritas Schweiz

Gerne vermitteln wir Interviews und beantworten Medienanfragen: medien@caritas.ch

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Titelbild: Ein Caritas-Mitarbeiter verteilt Crackers im Gorom-Flüchtlingslager im Südsudan. © Kenyi Moses