Die vergessene Krise in Syrien

Anhaltende Perspektivlosigkeit und unzureichende internationale Unterstützung

Seit mehr als dreizehn Jahren herrscht in Syrien der Bürgerkrieg. Zwei neue Berichte der Weltbank dokumentieren die anhaltenden negativen Auswirkungen für die Menschen vor Ort. Lokale Mitarbeitende von Caritas Schweiz weisen bereits seit längerem darauf hin: Die Versorgung der Zivilbevölkerung ist katastrophal. Die internationale Gemeinschaft muss mehr finanzielle Hilfe leisten.

Angesichts der brutalen Kriege in Gaza, dem Sudan und der Ukraine geht vielfach vergessen, dass auch in anderen Ländern bewaffnete Konflikte und kriegerische Auseinandersetzungen herrschen. Seit mehr als einem Jahrzehnt sind die Menschen in Syrien vom Bürgerkrieg betroffen. Der Konflikt gilt als einer der tödlichsten dieses Jahrhunderts: Expertinnen und Experten schätzen, dass zwischen 2011 und 2021 mehr als 407'000 Menschen aufgrund der militärischen Auseinandersetzungen getötet worden sind. Die Intensität der Kampfhandlungen haben in den vergangenen Jahren zwar abgenommen, doch der Konflikt dauert bis heute an.

Die Wirtschaft liegt am Boden. Mehr als 90 Prozent der Syrerinnen und Syrer leben in Armut. Schätzungsweise 2 Millionen Menschen sind von extremer Armut betroffen. Die Bevölkerung benötigt dringend mehr Unterstützung.

Über sechs Millionen Syrierinnen und Syrer sind aufgrund des Bürgerkrieges ins Ausland geflüchtet, zum grössten Teil in die benachbarten Staaten. Hinzu kommt eine noch viel grössere Zahl Menschen, die innerhalb Syriens vertrieben worden sind. Neben dem Bürgerkrieg wurde das Land im Februar 2023 zudem von einem verheerenden Erdbeben getroffen, das für weitere Tote und für noch mehr Verwüstung gesorgt hat. Seit dem Ausbruch des Krieges im Gazastreifen ist zudem die Sorge gross, dass noch weitere Teile der Region von militärischen Auseinandersetzungen betroffen sein könnten.

Düstere Einschätzungen der Weltbank

Zwei kürzlich publizierte Berichte der Weltbank zeigen, dass sich die Situation in Syrien im vergangenen Jahr auch wirtschaftlich nicht verbessert hat, im Gegenteil. Das halbjährlich erscheinende Monitoring der Weltbank zur syrischen Wirtschaft beschreibt, dass es 2023 durch die langanhaltenden Folgen des Krieges und durch externe Schocks zu einer weiteren dramatischen Verarmung der syrischen Haushalte gekommen ist. Die Arbeitslosigkeit der Bevölkerung ist aufgrund der desolaten wirtschaftlichen Lage enorm hoch.

Gleichzeitig sind die Preise für Grundnahrungsmittel und andere Güter des täglichen Bedarfs massiv angestiegen. Die Inflation ist weiter angewachsen. In einem zweiten Bericht fasst die Weltbank die langfristigen Folgen von mehr als einer Dekade Bürgerkrieg auf die syrischen Haushalte zusammen. Auch in diesem Dokument zeigt sich die Perspektivlosigkeit und die weitverbreitete Armut, mit der die syrische Gesellschaft konfrontiert ist.

Gegen die Hoffnungslosigkeit vor Ort

Caritas Schweiz leistet in Syrien und im Nachbarland Libanon seit mehr als zehn Jahren humanitäre Hilfe und arbeitet dabei nach dem sogenannten Nexus-Ansatz. Bei diesem Ansatz wird die humanitäre Hilfe mit sogenannten «Early Recovery»-Massnahmen kombiniert, die eine längerfristige und nachhaltige Verbesserung der Situation bezwecken sollen.

Ziel der Projekte ist es, die Lebensbedingungen der Menschen vor Ort zu verbessern und zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit der vom Konflikt betroffenen Gemeinschaften beizutragen. Dazu wird von Caritas Schweiz lebensrettende und lebenserhaltende Hilfe durch Geldtransfers, Bildung und Existenzsicherung geleistet. Obwohl die Lage bereits in den vergangenen Jahren enorm schwierig war, berichten unsere Mitarbeitenden vor Ort, dass sich die Situation der Menschen immer mehr verschlechtert und sich die Hoffnungslosigkeit ausbreitet.

«In dem sich schnell verändernden Kontext müssen wir unsere Projekte vor Ort laufend anpassen, um auf die Bedürfnisse der Zivilbevölkerung reagieren zu können. Die Situation ist derzeit extrem schwierig.»Martin hiltbrunnerProgrammverantwortlicher Syrienkrise

Die grösste Herausforderung für die Caritas besteht darin, dass die Situation der Menschen langfristig verbessert werden kann und sie sich ein eigenes Auskommen sichern können, mit dem sie unabhängig werden von humanitärer Hilfe internationaler Organisationen.

Finanzielle Unterstützung der internationalen Gemeinschaft und der Schweiz

Um die humanitäre Hilfe in Syrien zu stärken und die Grundbedürfnisse der notleidenden Bevölkerung decken zu könnte, reicht das aktuelle finanzielle Engagement der internationalen Gemeinschaft nicht aus. Ende Mai fand in Brüssel erneut eine Geberkonferenz zugunsten der syrischen Zivilgesellschaft statt. Von den teilnehmenden Staaten wurden 7,5 Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Humanitäre Organisationen kritisieren, dass diese Mittel nicht ausreichen, um die dringend notwendige Hilfe zu finanzieren. Mit etwas mehr als einer Milliarden Euro kommt der grösste Beitrag dazu aus Deutschland. Die Schweiz zeigt sich weniger grosszügig und steuert gerade einmal 60 Millionen Franken bei, wie der Bundesrat kommuniziert hat.

«Die reiche Schweiz muss einen bedeutenderen Beitrag leisten, um die vom Bürgerkrieg betroffene Bevölkerung in Syrien und den Nachbarländern zu unterstützen.»Angela LindtFachstelle Entwicklungspolitik

Inwiefern die Schweiz in den kommenden Jahren noch in der Lage sein wird, substanzielle Beiträge für die humanitäre Hilfe und die langfristige Entwicklungszusammenarbeit in krisengebeutelten Ländern wie Syrien zu sprechen, ist fraglich. Der Finanzrahmen für die Internationale Zusammenarbeit (IZA), den der Bundesrat für die Jahre 2025 bis 2028 vorschlägt, ist viel zu knapp, weil für die Ukrainehilfe voraussichtlich keine zusätzlichen Gelder gesprochen werden.

Die verfügbaren Mittel für die Länder in Afrika, Asien und dem Nahen Osten werden deshalb kleiner. In der parlamentarischen Debatte zum IZA-Budget sind zudem weitere Kürzungen zu befürchten. Die Caritas setzt sich dafür ein, dass die Sparpläne des Bundes nicht auf Kosten der Menschen in Ländern wie Syrien gehen. Die Krise in Syrien darf nicht in Vergessenheit geraten.

Autorin

Angela Lindt

Leiterin Fachstelle Entwicklungs- und Klimapolitik

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