

Auf die Hölle in Gaza folgt ein herzlicher Empfang in Genf
Die Schweiz hat vier Familien aus dem Gazastreifen evakuiert und ihnen medizinische Behandlung ermöglicht. Auch die Caritas war in diese humanitäre Aktion involviert: Während vier Monaten haben Freiwillige die Familien eng begleitet.
Zwischen Ende Oktober und Ende November 2025 sind vier Familien aus dem Gazastreifen im Rahmen einer medizinisch-humanitären Evakuierung in Genf aufgenommen worden. Die Aktion wurde vom Bund und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) koordiniert und von Ärzte ohne Grenzen unterstützt.
Ausgewählt wurden die Familien aufgrund des dringenden medizinischen Versorgungsbedarfs von vier Kindern, die im Universitätsspital Genf behandelt werden. Auch mehrere Geschwister und Elternteile hatten Kriegsverletzungen erlitten und leiden an gesundheitlichen Problemen, die im Gazastreifen nicht behandelt wurden. Insgesamt evakuierte die Schweiz 17 Kinder und 8 Erwachsene – das jüngste Kind war bei seiner Ankunft drei Monate alt.
Wohnungen und Betreuung durch Freiwillige
Auch die Caritas hat sich an der humanitären Aktion beteiligt. Caritas Genf wurde gemeinsam mit anderen Partnern beauftragt, Unterkünfte bereitzustellen und die Familien während den ersten Monaten zu begleiten. Dank des Engagements vieler Freiwilliger aus der arabischsprachigen Gemeinschaft in Genf und der finanziellen Unterstützung von Caritas Schweiz konnte das Hilfsprojekt innert Kürze umgesetzt werden.
Insgesamt engagierten sich neun sogenannte Ansprechpersonen für die Menschen aus Gaza. Nora Mansell koordinierte das Projekte bei Caritas Genf. Sie sagt: «In Genf wurde aussergewöhnliche Arbeit geleistet. Dank dieses Programms konnten die Menschen mit offenen Armen empfangen werden.»
Über Jordanien in die Schweiz
Die Familien wurden aus dem Gazastreifen evakuiert, weil die medizinische Einrichtungen in dem schmalen Küstenabschnitt weitgehend zerstört wurden und Behandlungen nicht mehr gewährleistet werden können. Die vier aufgenommenen Familien gehören zu den wenigen, die in der Schweiz aufgenommen wurden. Ende Oktober 2025 schätzte die WHO, dass noch fast 16'000 Personen, darunter 3'800 Kinder, auf eine Evakuierung zur Notfallbehandlung im Ausland warteten.
Die vier Familien verliessen den Gazastreifen über Jordanien. Dort wurden sie von Ärzte ohne Grenzen betreut und bestiegen das Flugzeug in Richtung Schweiz. «Diese Menschen sind traumatisiert vom Krieg, und die meisten von ihnen haben Gaza noch nie verlassen dürfen», erklärte Nora Mansell, die sie auf dem Flughafen Genf empfing.
Als Erstes versuchten die arabischsprachigen Freiwilligen deshalb, die Familien, die plötzlich in einer für sie völlig neuen Umgebung ankamen, zu beruhigen. Die evakuierten Personen hatten von der israelischen Regierung die Erlaubnis erhalten, den Gazastreifen zu verlassen – allerdings einzig mit einem Plastiksack, in dem sich ihr Telefon und ihre Ausweispapiere befanden.
Medizinische Versorgung für alle
Nach ihrer Ankunft in Genf hatte die medizinische Versorgung höchste Priorität. Bei der Evakuierung standen zwar die vier Kinder (zwischen 3 Monaten und 12 Jahren) im Vordergrund, doch waren auch die Angehörigen auf medizinische Unterstützung angewiesen. «Diese Menschen benötigen hochspezialisierte medizinische und chirurgische Behandlungen sowie psychologische Unterstützung», so das Universitätsspital Genf.
Während die kranken oder verletzten Kinder vom Flughafen direkt ins Spital gebracht wurden, konnten die Familien Unterkünfte beziehen, die von Caritas Genf frisch eingerichtet und möbliert wurden. «Der Kühlschrank war gefüllt und die Freiwilligen hatten ein palästinensisches Gericht gekocht. Wir haben alles darangesetzt, ihnen einen menschlichen Empfang zu bereiten», berichtet Nora Mansell, die selbst Schweizerin und Palästinenserin ist und seit 2003 in Genf wohnt.
Darüber hinaus erhielten die Familien vom Genfer Sozialamt eine Bezahlkarte für Essen sowie Gutscheine für die Kleiderausgabestelle «Vestiaire social», die unter anderem von Caritas Genf betrieben wird.
In den darauffolgenden Tagen begleiteten die «Ansprechpersonen» die Familien bei ihren ersten Besuchen im Krankenhaus, im Supermarkt, in den Caritas‑Lebensmittelläden und der Kleiderausgabestelle sowie zu ihren ersten administrativen Terminen beim Sozialamt oder beim Kantonalen Amt für Bevölkerung. Dies war eine enorme Aufgabe und bald wurde klar, dass das Freiwilligenteam erweitert werden musste. «Es gab so viele Aufgaben, so viele Termine, insbesondere medizinische. Der Einsatz war deutlich umfassender, als wir erwartet hatten», räumt Nora Mansell ein.
Kinder sind eingeschult
Mittlerweile hat sich die Lage stabilisiert. Inzwischen wurden alle schulpflichtigen Kinder eingeschult, und die Familien werden immer selbstständiger. Alle evakuierten Personen verfügen über eine Aufenthaltsbewilligung N (Asylsuchende) und befinden sich in einer Übergangsphase. Es war von Anfang an geplant, die Unterstützung durch die Freiwilligen zeitlich zu begrenzen. Nora Mansell erklärt: «Zwischen den Freiwilligen und den Familien hat sich eine sehr enge Beziehung entwickelt. Deshalb bleiben wir in Kontakt und unterstützen sie weiterhin.»
Laut Katia Hechmati, Co-Leiterin der Sozialen Dienste bei Caritas Genf, zeigt diese Erfahrung einmal mehr, dass die Caritas sehr rasch und flexibel auf Notsituationen reagieren kann. «Wir konnten bei diesem Projekt all jenen menschliche Fürsorge zukommen lassen, die sie am dringendsten brauchen – nicht nur den geflüchteten Personen, sondern auch den Freiwilligen, die sich bedankten, dass wir sie alle wie eine Familie zusammengebracht haben.»
Geschrieben von Mario Togni, Leiter Kommunikation Caritas Genf
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Titelbild: Endlich in Sicherheit: Familien aus Gaza bei ihrer Ankunft am Flughafen Genf am 28. November 2025. © Alex Kühni