La détresse au Biafra était immense. À l’époque, on représentait sou
vent en groupe les personnes qui avaient besoin d’aide.
La détresse au Biafra était immense. À l’époque, on représentait sou
vent en groupe les personnes qui avaient besoin d’aide.

Wie der Hunger ins Schweizer Bewusstsein kam

Es waren Bilder von grossen Hungersnöten, die der Schweizer Öffentlichkeit vor über 50 Jahren die weltweiten Ungerechtigkeiten vor Augen führten.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie diese Krisen den Beginn der Auslandhilfe prägten. Sie führten auch dazu, dass sich die Caritas entwicklungspolitisch zu engagieren begann.

Dies ist ein Artikel aus unserem Jubiläumsmagazin zum 125-Jahr-Jubiläum der Caritas Schweiz im September 2026.

«Benötige dringend sehr grosse Mengen Serum zur Verhütung einer sich anbahnenden Masernepidemie. Bitte um sofortige Rückmeldung, wie viele Einheiten momentan verfügbar sind.» So funkte ein Caritas-Katastrophenhelfer im November 1968 aus dem Krisengebiet von Biafra. Die Szene aus der Sendung «Rundschau» des Schweizer Fernsehens illustriert, wie damals humanitäre Hilfe organisiert werden musste.

Biafra: Meilenstein und Krise für die Caritas

Fabian Saner, Historiker und Leiter der Fachstelle Bildung bei Caritas Schweiz, hat sich mit der Geschichte des Ausland Engagements der Caritas vertieft befasst.

«Die Hilfsaktion für Biafra in Nigeria war für die Schweizer Caritas Meilenstein und Krise zugleich»Fabian sanerhistoriker und leiter der fachstelle bildung

Biafra war vom nigerianischen Militär abgeschnürt worden. Daher flogen zwischen 1967 und 1970 kirchliche Organisationen tonnen weise Hilfsgüter nach Biafra. Dies rettete Hunderttausende von Menschen vor dem Tod. Die umfangreiche und komplexe Hilfe war eine neue Dimension für die Auslandarbeit der Caritas. Bis dahin beschränkte sich diese vor allem auf Wiederaufbauhilfe und Unterstützung von katholischen Vertriebenen im kriegszerstörten Europa. Biafra brachte die bisherige Organisationsstruktur an ihre Grenzen und machte eine Professionalisierung des internationalen Engagements unumgänglich

Fotos aus einer ungerechten Welt

Karl Gähwyler war einer der wenigen Fotografen, die nach Biafra reisen konnten. Seine eindrücklichen Bilder, die er im Auftrag von Caritas Schweiz für ihre Spendenaufrufe, aber auch für Schweizer Medien zurückbrachte, prägten die Wahrnehmung dieser Hungersnot mit.
«Biafra wurde geradezu zum Synonym für ‹Hunger›», sagt Fabian Saner.

Fotograf Gähwyler dokumentierte auch die grossen humanitären Krisen der 70er Jahre in Äthiopien oder in Bangladesch. In jenem Jahrzehnt wuchs die Ausland-Abteilung der Caritas stark an. Sie startete über 100 Projekte in Lateinamerika, Asien und Afrika. Der Schwerpunkt verschob sich von der Katastrophenhilfe zur längerfristig ausgelegten «Entwicklungshilfe» in Zusammenarbeit mit lokalen Partnerorganisationen, etwa mit Projekten zur Förderung von Frauen oder im Bereich der Gesundheit.

Hunger entsteht auch durch Ungleichheit

Die 1970er Jahre waren nicht nur eine Zeit der grossen Hungerkrisen. Es wuchs auch das Bewusstsein in der Schweizer Bevölkerung, dass die reichen Länder des Nordens eine Mitverantwortung für die eklatante Ungleichheit haben. Caritas Schweiz öffnete sich für entwicklungspolitische Fragestellungen.

«Für eine Welt ohne Hunger braucht es mehr als Geld und Spendenbereitschaft – es braucht ein Umdenken auch bei uns, und es braucht Massnahmen auf politischer Ebene»zitat aus einer CaritasPublikation aus jener Zeit

In der Folge engagierte sich die Caritas massgeblich für die Petition «Entwicklung braucht Entschuldung». Diese forderte erfolgreich, dass der Bundesrat zum 700-Jahr-Jubiläum der Schweiz 1991 einen Entschuldungsfonds für Länder des Globalen Südens einrichtet.

Schweiz muss Verantwortung übernehmen

Der Balkankrieg und der umfangreiche Wiederaufbau zerstörter Häuser, der Tsunami in Südasien vom Dezember 2004, das Erdbeben in Haiti im Jahr 2010 und der Bürgerkrieg in Syrien sind Beispiele von Krisen und Katastrophen, in denen sich die Caritas mit Nothilfe, Wiederaufbau und der Schaffung von neuen Lebensgrundlagen einsetzte. Mit dem Bei
tritt zu Alliance Sud 1992 verstärkte Caritas Schweiz ihr entwicklungspolitisches Engagement.

Heute steht die internationale Zusammenarbeit im politischen Gegenwind. Die Caritas ist aber überzeugt, dass die Schweiz weiterhin Verantwortung trägt, die globalen Ungerechtigkeiten zu bekämpfen und auch ihre eigene Rolle zu hinterfragen.

Sozialpolitik: Weil Armut kein individuelles Versagen ist

«Die Zahl der Armutsbetroffenen in der Schweiz beläuft sich gemäss einer neuen Schätzung der Caritas auf rund eine Million Menschen.» Obwohl vorsichtig formuliert, schlug ein Mediencommuniqué der Caritas im Jahr 2005 hohe Wellen. Kurz darauf erfolgte ein Antrag aus dem Parlament an den Bundesrat, eine nationale Strategie gegen Armut und einen Aktionsplan umzusetzen. Die später vom Bund veröffentlichten Berichte bestätigten, dass Armut ein ernstzunehmendes Ausmass einnimmt.

Die Caritas hatte schon zuvor die Armutsdebatte in der Schweiz stark mitgeprägt. 1998 rückte ihr Positionspapier «Trotz Einkommen kein Auskommen» das Problem der Working Poor in die öffentliche Wahrnehmung. Kurz darauf erschien der erste Sozialalmanach. Dieses Jahrbuch zur sozialen Lage der Schweiz sich Caritas Schweiz nicht nur direkt für armutserfahrene Menschen – etwa durch Beratung oder mit dem Caritas Markt –, sondern stösst auch regelmässig politische Reformen an.

Die Corona-Pandemie brachte die Verwundbarkeit breiter Bevölkerungsschichten deutlicher zum Vorschein als je zuvor. Die Caritas reagierte mit Direkthilfe für Betroffene. Es war die bisher grösste Inlandaktion ihrer Geschichte. Caritas Schweiz macht sich weiterhin für eine präventive, konsequent auf Armutsbekämpfung ausgerichtete Sozialpolitik stark.

Titelbild: Die Not in Biafra war gross. Damals wurden die Menschen oft als Gruppe Hilfsbedürftiger dargestellt. © Karl Gähwyler