La situation financière personnelle est déterminante pour le sentiment d'équité en Suisse.
La situation financière personnelle est déterminante pour le sentiment d'équité en Suisse.

Wenn Gerechtigkeit zur Frage des Einkommens wird

Wer wenig hat, erlebt die Schweiz zunehmend als ungerecht

Gerechtigkeit wird in der Schweiz vermehrt auf Grundlage der eigenen Finanzen beurteilt. Je nach Einkommen unterscheiden sich die Wahrnehmungen deutlich, wobei sich ärmere Personen besonders benachteiligt fühlen, wie das kürzlich publizierte Gerechtigkeitsbarometer zeigt. Prekär ist namentlich die Situation von Familien mit Kindern.

Die eigene finanzielle Lage beeinflusst die Wahrnehmungen der Gerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft zunehmend. Dies zeigt der aktuelle Gerechtigkeitsbarometer, eine repräsentative Umfrage der GFS Bern im Auftrag des Beobachters in Kooperation mit Coop Rechtschutz. Während sozioökonomisch besser gestellte Personen eine höhere Zufriedenheit in vielen Bereichen angeben, fühlen sich die ärmsten Gruppen der Bevölkerung zusehends benachteiligt.

Besonders aufsehenerregend: Mehr als die Hälfte aller Teilnehmenden ist der Ansicht, dass die Schweiz im Allgemeinen «eher nicht gerecht» oder «überhaupt nicht gerecht» ist. Im Jahr 2024 teilten noch deutlich weniger Personen diese Einschätzung.

Auch zwischen den Generationen driften die Meinungen auseinander: Das drängendste Problem für die meisten 16- bis 39-Jährigen sind die ansteigenden Differenzen zwischen Lohn und Lebenshaltungskosten. 18 Prozent teilen diese Einschätzung. Bei den ältesten Befragten sind dagegen nur 4 Prozent dieser Auffassung. Gemäss den Zahlen des Bundesamtes für Statistik sind die jüngeren Jahrgänge tatsächlich vulnerabler: Rund 22 Prozent der 25- bis 49-Jährigen können eine unerwartete Ausgabe von 2500 Franken innerhalb eines Monats nicht bewältigen. Bei Menschen im Pensionsalter sind es nur halb so viele. Die unterschiedliche Priorisierung gesellschaftlicher Probleme, die im Gerechtigkeitsbarometer zum Vorschein kommt, ist demnach ein Ausdruck der materiellen Realitäten der Menschen.

Familien besonders oft in prekärer Situation

Was bedeutet es für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, wenn die eigene finanzielle Situation zunehmend die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Verhältnisse prägt? Dass das Gefühl, die steigenden Lebenshaltungskosten nicht mehr tragen zu können, weit über die Armutsbevölkerung hinaus geht, zeigt sich besonders deutlich bei Familien. Dies legen auch Umfragen wie beispielsweise der Familienbarometer von Pro Familia und Pax dar. Die Hälfte der befragten Familien erlebt die Krankenkassenprämien als das drängendste Problem, gefolgt von den steigenden Lebenshaltungskosten generell. Auf die Frage, was ihr Familienleben am meisten verbessern würde, antworten fast 60 Prozent der Befragten mit «mehr finanzielle Ressourcen».

Wieso gerade Familien den finanziellen Druck stark spüren, illustriert eine Untersuchung der Berner Fachhochschule und Caritas aus dem Jahr 2021: Im finanziell prekären Bereich knapp über der Armutsgrenze sind Paarhaushalte mit Kindern im Vergleich zu ihrem Anteil in der Gesamtbevölkerung massiv überrepräsentiert. Einelternhaushalte hingegen sind unterhalb der Armutsgrenze überproportional vertreten. Damit lebt ein grosser Teil der Familien in diesem Land quasi von der Hand in den Mund und hat keine Möglichkeit zu sparen.

Caritas fordert mehr Unterstützung für Familien

Diesen Entwicklungen muss man entgegenwirken. Ausserordentlich belastend für diese Haushalte sind die im internationalen Vergleich hohen Betreuungskosten. Um die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familienzeit zu fördern, braucht es Investitionen in die familienergänzende Kinderbetreuung. Die Zugänglichkeit und Bezahlbarkeit müssen dabei im Fokus stehen.

Des Weiteren braucht es mehr bezahlbaren Wohnraum für einkommensschwache Haushalte. Eine Entlastung muss auch bei den steigenden Ausgaben für die Gesundheit stattfinden. Es sind vor allem Familien mit Kindern, deren Budgets aufgrund der Krankenkassenprämien nicht mehr aufgehen. Nachhaltig verbessert werden kann ihre Gesamtsituation durch Familien-Ergänzungsleistungen. Fünf Kantone setzen dieses Instrument zur Bekämpfung der Armut von Familien erfolgreich ein. Sie dienen der Existenzsicherung der Haushalte und helfen ihnen, schwierige Phasen zu meistern, ohne auf Sozialhilfe zurückgreifen zu müssen.

Geschrieben von Nada Milinovic, Fachstelle Sozialpolitik, Caritas Schweiz

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Titelbild: Die eigene finanzielle Situation ist entscheidend für das Gerechtigkeitsempfinden in der Schweiz. © Thomas Plain