Entwicklungs­zusammenarbeit - auch heute noch richtig und wichtig

Die Caritas ist überzeugt: Gute Entwicklungs­zusammenarbeit ist heute wichtiger denn je. Wir zeigen Ihnen, warum und laden zur Diskussion ein.

 

In den letzten Jahren hat sich das Leben für unzählige Menschen auf der Welt verbessert. Trotzdem bleiben viele Menschen bitterarm und ohne Perspektiven. Der Hunger ist nicht aus der Welt geschafft und sauberes Wasser bleibt ein Privileg.

Welche Rolle kann die Entwicklungszusammenarbeit in der Armutsbekämpfung und der Herstellung von sozialer Gerechtigkeit spielen? Und inwiefern steht unser Land in der Verantwortung, sich zu engagieren? Solche Fragen beschäftigen die Politik und die Gesellschaft immer mehr. 

Für die Caritas Schweiz ist klar: Es ist gut, dass wir über Entwicklungszusammenarbeit reden! Ja, wir sollten das noch viel häufiger tun. Eine breite Diskussion in der Öffentlichkeit ist wichtig, damit wir die Chancen und Grenzen der Entwicklungszusammenarbeit besser verstehen, und damit sich die Entwicklungszusammenarbeit weiterentwickeln kann.  

Caritas Schweiz gibt Antworten. In einer übersichtlichen Broschüre nehmen wir insgesamt 46 drängende Fragen zur Entwicklungs­zusammenarbeit auf. Zum Beispiel:

 

10 ausgewählte Antworten

 

Braucht es heute wirklich noch Entwicklungszusammenarbeit?

In den letzten Jahren hat sich das Leben für unzählige Menschen auf der Welt verbessert. Doch auf diese positive Meldung folgt eine negative: In den Entwicklungsländern bleiben breite Bevölkerungsteile bitterarm. Der Hunger ist nicht aus der Welt geschafft, sauberes Trinkwasser bleibt ein Privileg. Vielen Menschen fehlt es an der grundlegendsten Bildung, an Rechten und wirtschaftlichen Perspektiven. 

Entwicklungszusammenarbeit leistet einen entscheidenden Beitrag, dass sich die Lebenssituation von besonders armen und benachteiligten Menschen verbessert.

Das heisst zum Beispiel: Jungen Erwachsenen eröffnen sich dank einer Berufsbildung Lebensperspektiven, Kleinbauern ernten auf ihren Feldern mehr und verbessern so ihr Einkommen, immer häufiger besitzen auch Bäuerinnen Land, mittellose Kleinunternehmer erhalten plötzlich Zugang zu einem Kredit. 

 

Entwicklungszusammenarbeit ist also Hilfe im Kleinen?

Nicht nur. Es gibt regionale und globale Probleme und Katastrophen, die einzelne Länder alleine nicht bewältigen können. Hier trägt Entwicklungszusammenarbeit dazu bei, gemeinsame Lösungen zu finden. 

Antworten der Vereinten Nationen (UNO), der Länder und von Hilfswerken braucht es zum Beispiel auf die gegenwärtige Hunger-Katastrophe im östlichen Afrika mit 22 Millionen Betroffenen. Oder auf die grassierende Ebola-Epidemie im Kongo, dem zweitschwersten Ausbruch der gefährlichen Krankheit in der Geschichte. 

Gemeinsame Antworten braucht es auch bei der Bekämpfung von Ausbeutung, Verschleppung und Menschenhandel in der Migration. Oder beim Klimawandel: Der Zyklon in Mosambik zeigt, Naturkatastrophen im Globalen Süden werden immer verheerender. Und in der Sahelzone sehen wir, wie die Erwärmung Konflikte verstärkt und die Ernährungslage verschlechtert.

 

Macht Entwicklungshilfe abhängig?

Gute Entwicklungszusammenarbeit stärkt Menschen so, dass sie ihre Lebenssituation aus eigenen Kräften verbessern können. Sie unterstützt die Menschen darin, selbst für mehr Einkommen und soziale Sicherheit und für bessere Lebensperspektiven vor Ort zu sorgen.

Hilfswerke wie die Caritas sind häufig in ländlichen Gebieten, abgelegenen Dörfern oder Slumquartieren präsent. Dadurch haben sie Zugang zu Menschen, die besonders arm und benachteiligt sind. Diesen Menschen Wege aufzuzeigen, wie sie sich selbst helfen oder Hilfe organisieren können, ist ein Kernanliegen der Entwicklungszusammenarbeit.
 

 

Wirkt Entwicklungshilfe überhaupt?

Ja, sie wirkt, das belegen unabhängige externe Untersuchungen. Sie zeigen, dass die überwiegende Mehrheit der Entwicklungsprojekte von DEZA und SECO ihre Ziele weitgehend erreicht.

85 Prozent der Projekte im Bereich Beschäftigung (Berufsbildung, Aufbau von Wertschöpfungsketten in der Landwirtschaft, verbesserte Arbeitsbedingungen) sind zufriedenstellend bis sehr gut verlaufen. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung von unabhängigen Experten im Jahr 2017. Auch Hilfswerke wie die Caritas unterziehen ihre Projekte regelmässig unabhängigen Wirkungsmessungen. Diese dienen nicht nur der Rechenschaftsablegung. Es geht auch darum, Projekte zu steuern und aus Fehlern zu lernen. Wenn ein Projekt zu wenig an den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung ausgerichtet ist, wird es angepasst oder eingestellt.

 

Weshalb ist Afrika trotz jahrzehntelanger Entwicklungshilfe immer noch arm?

Manche meinen, die Situation in Afrika verbessere sich nicht. Sie sehen dies als Beweis dafür, dass Entwicklungszusammenarbeit nicht wirkt. Aus ungenügenden Fortschritten zu folgern, dass Entwicklungshilfe wirkungslos oder gar schädlich sei, ist jedoch falsch.

Die Gründe der fehlenden Entwicklung in Afrika liegen nicht in einer verfehlten Entwicklungszusammenarbeit, sondern ausserhalb deren Einflussbereich.

Nach wie vor sind international und in der Schweiz viele entscheidende Politikfelder so ausgestaltet, dass sie einer erfolgreichen Entwicklung in Afrika entgegenlaufen.

Die gegenwärtige Rohstoffpolitik führt zum Beispiel dazu, dass der Reichtum rohstoffreicher Länder (Gold, Erdöl, Kupfer usw.) von korrupten Eliten oder Grosskonzernen abgeschöpft wird. Und die Steuerpolitik erlaubt es, dass transnational tätige Unternehmen ihre Gewinne aus Entwicklungsländern in steuergünstige Länder – so genannte Steueroasen – verschieben.

 

Ist nicht jedes Land selbst verantwortlich für seine Entwicklung?

Grundsätzlich trägt jeder Staat selbst Verantwortung für seine Entwicklung. Allerdings sollte man bedenken, dass die Voraussetzungen dafür nicht überall gleich gut sind.

Einige Länder sind vom Handel abgeschnitten oder überdurchschnittlich stark von Klima- und Naturkatastrophen betroffen. Sie leiden unter regionalen Konflikten und gewalttätigem Extremismus oder werden von Grossmächten zerrieben und sind zum Spielball von geopolitischen Interessen geworden.

Hinzu kommt, dass viele Regierungen nicht vom Volk gewählt sind. Selbstherrlich und autoritär lenken sie die Geschicke des Landes. Dabei wenden sie häufig Gewalt gegen die eigene Bevölkerung oder bestimmte Bevölkerungsteile an.

Wo Menschen politisch und gesellschaftlich an den Rand gedrängt werden, stärkt Entwicklungszusammenarbeit die Bevölkerung, indem sie die Rechte und die Menschenwürde schützt. Dadurch erhalten Unterdrückte und Entrechtete eine Stimme. Die Alternative wäre, diese Menschen im Stich zu lassen.

 

Ist die Schweiz zu grosszügig?

Im Jahr 2018 wies der Bund eine «öffentliche Entwicklungszusammenarbeit» von rund 3 Milliarden Franken aus. Das ist vergleichbar mit 2017 und eine halbe Milliarde weniger als 2016.

Die Staatengemeinschaft und die Schweiz haben im Rahmen der UNO vereinbart, dass wohlhabende Länder mindestens 0,7 Prozent ihres Bruttonationaleinkommens für das internationale Entwicklungsengagement bereitstellen sollen. Die Schweiz verfehlt diese Zielmarke bei weitem.

Die Entwicklungshilfe belief sich 2018 auf 0,44 Prozent der schweizerischen Wirtschaftsleistung. Das ist der tiefste Wert seit 2013. Damit liegt die Schweiz unter dem Durchschnitt der Mitglieder der Europäischen Union. Andere Länder stellen 1 Prozent zur Verfügung.

 

Übernehmen wir auf der Welt nicht schon genug Verantwortung?

Obwohl die Schweiz mit ihrem hohen Pro-Kopf-Einkommen zu den reichsten Ländern der Welt gehört, beträgt ihr Anteil an der weltweit geleisteten öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit von über 145 Milliarden US-Dollar lediglich rund 2 Prozent.

Rund zehn Länder stellen über 90 Prozent des Hilfsvolumens weltweit zur Verfügung. Die Schweiz zählt nicht dazu.

Die Agenda 2030 beinhaltet ein übergeordnetes Prinzip: Niemanden zurücklassen. Damit wird der Erfolg der Agenda an den Lebensbedingungen und Perspektiven der Ärmsten und Benachteiligten gemessen – in der Schweiz und im Globalen Süden.

Die Schweiz hat sich verpflichtet, an der globalen Partnerschaft aktiv mitzuwirken. Dazu gehören einerseits mehr Mittel für eine erfolgreiche Internationale Zusammenarbeit. Andererseits müssen alle politischen Aktivitäten des Bundes, die Auswirkungen auf Entwicklungsländer haben, kohärent und zugunsten einer nachhaltigen Entwicklung ausgestaltet werden.
 

 

Löst der Kampf gegen den Klimawandel die Armutsbekämpfung ab?

Die Klimaveränderung bedroht die ärmsten Menschen in Entwicklungsländern bereits heute existenziell. Wegen austrocknenden Wasserquellen und zunehmenden Dürren in Afrika nehmen Konflikte und umweltbedingte Migration zu. Und in Asien werden Regenfälle und Trockenzeiten immer extremer, was zu fatalen Ernteausfällen führt.

Ohne griffige Massnahmen gegen die drohende Klimakrise werden bis ins Jahr 2030 über 100 Millionen Menschen zusätzlich in die Armut rutschen. Gleichzeitig treiben die Folgen der Klimaveränderung immer mehr Menschen in die Flucht.

Der Klimawandel verstärkt beides: die weltweite Armut ebenso wie regionale Vertreibung. Es gilt deshalb, Klimawandel und Armut gleichzeitig und entschieden zu bekämpfen.

Letztendlich geht es um eine «gerechte Klimapolitik» – eine Politik, die berücksichtigt, dass die Klimaerhitzung ausgerechnet jene Menschen am verheerendsten trifft, die kaum Schuld daran tragen. Der Globale Süden zahlt den Preis für den hohen Pro-Kopf-Ausstoss von CO2 in den wohlhabenden Ländern. 

 

Kann Entwicklungszusammenarbeit Migration in Richtung Europa verhindern?

Die Wissenschaft ist sich einig: Der Hauptgrund für Migrationsbewegungen vom Globalen Süden in den Norden sind die enormen internationalen Einkommensunterschiede. Ebenfalls ausschlaggebend sind regionale Konflikte oder grassierende Korruption. Verstärkt durch den fortschreitenden Klimawandel kommen vermehrt Naturkatastrophen, Nahrungsknappheit und Hunger dazu.

Gute Entwicklungszusammenarbeit trägt dazu bei, die Perspektiven vor Ort nachhaltig zu verbessern: Sie schafft Ausbildungsplätze und Arbeitsmöglichkeiten. Sie begünstigt ein Wirtschaftswachstum, das nicht nur den Eliten zugutekommt. Sie setzt sich gegen Korruption ein. Und sie stärkt eine politisch aktive Zivilgesellschaft vor Ort. Letztendlich sinkt dadurch der Druck, zu migrieren.

Sich mit autokratischen Regimes an den Verhandlungstisch zu setzen und ihnen im Tausch gegen Migrationsabkommen Entwicklungsprojekte anzubieten, ist hingegen kontraproduktiv. Anstatt die Zivilgesellschaft zu stärken, werden dadurch gerade jene Regimes gestärkt, die ihrer Bevölkerung eine gerechte Entwicklung verunmöglichen. Dadurch wollen die Menschen ihr Land erst recht verlassen.

 

Quellen und weiterführende Literatur

Agenda 2030 
Alliance Sud 
BAFU 2018: «Klimapolitik der Schweiz»
BAFU 2019: «Klima: Das wichtigste in Kürze»
Deutsche UNESCO-Kommission 2019: «Große Ungleichheiten beim Zugang zu Wasser»
DEZA 2018: «Die internationale Zusammenarbeit der Schweiz, Halbzeitbericht zur Umsetzung der Botschaft 2017 – 2020»
DEZA 2019: «Öffentliche Entwicklungshilfe der Schweiz» 
Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) 2019: «World Food Day»
Global Financial Integrity 2019: «Illicit Financial Flows to and from Developing Countries: 2005-2014»Interdisziplinäres Zentrum für Nachhaltige Entwicklung und Umwelt (CDE) 2019: “Die Schweiz und der Rohstoffhandel»Klima-Allianz Schweiz 2016: «Klima-Masterplan: Erster Schweizer Plan zur Umsetzung des Pariser Abkommens»OECD 2019: «The DAC’s main findings and recommendations. Extract from: OECD Development Co-operation Peer Reviews: Switzerland 2019»OECD 2019: «Development aid drops in 2018, especially to neediest countries» 
Tax Justice Network (2018): «Switzerland, USA and Cayman top the 2018 Financial Secrecy Index
The Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) 2018: «Special Report: Global Warming of 1.5 ºC» 
UNHCR Schweiz (The UN Refugee Agency) 2019: «Statistiken»
United Nations Climate Change (UNFCCC) 2019: «The Paris Agreement»
United Nations Department of Economic and Social Affairs 2017: «Population Facts»
Weltbank 2018: «The number of extremely poor people continues to rise in Sub-Saharan Africa»
Weltbank 2019: «Poverty: Overview»

 

Alle 46 Antworten finden Sie hier

  • Müssen wir überall helfen? Antworten auf drängende Fragen zur Entwicklungszusammenarbeit
    Dateiformat: pdf / 1 MB
    Broschüre mit 46 Fragen und Antworten Download
 

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Die Caritas ist überzeugt: Gute Entwicklungszusammenarbeit ist ein zentrales, unverzichtbares Instrument bei der Bekämpfung von Hunger, Armut, Ungleichheit. Und angesichts der Klimakrise oder der oft menschenunwürdigen Migration ist sie heute wichtiger denn je: Solche globalen Herausforderungen brauchen gemeinsame Lösungen. Nur zusammen können wir sie bewältigen. Was denken Sie? 

 

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