

Venezuela: Wenn sogar die Hoffnung stirbt
Venezuela steckt trotz reicher Rohstoffvorkommen in einer Krise: Die extreme Armut wächst, Millionen verlassen das Land – auch Richtung Europa. Caritas Schweiz gehört zu den wenigen internationalen NGOs, die im autoritär regierten Land tätig sein können. Programmdirektor Rafael Filliger berichtet von den Herausforderungen und der Arbeit im Land.
Rafael Filliger, in Venezuela erzählt man sich folgenden Witz: «Ist die Hauptstadt Caracas immer noch so gefährlich? Nein, sogar die Gangster sind ins Ausland geflohen.» Wie ist die Situation vor Ort?
Viele Menschen, die noch vor wenigen Jahren zur Mittelschicht gehörten, wissen heute nicht mehr, wie sie ihre Familien ernähren sollen. Selbst Lehrerinnen, Polizisten oder das Pflegepersonal in staatlichen Krankenhäusern sind trotz fester Arbeitsstellen auf Unterstützung angewiesen, da ihr Geld massiv an Wert verloren hat. Die politischen Spannungen zwischen den USA und Venezuela verschärfen die Situation zusätzlich. Es herrscht eine Mischung aus Unsicherheit, Angst und Resignation.
Bis vor kurzem haben viele versucht, in die USA auszuwandern. Ist das noch möglich?
Es ist sehr schwierig. Der Fluchtweg geht über viele Länder, und so spielen verschiedene Faktoren hinein. Die Grenze zwischen den USA und Mexiko ist dicht. Darüber hinaus zeigt sich in vielen Ländern Südamerikas ein Rechtsruck, der die Migrationspolitik beeinflusst. So hat etwa Panamas Präsident José Raúl Mulino vor einem Jahr den Darién-Gap geschlossen. Zuvor hatten jedes Jahr Hunderttausende diesen Dschungelübergang auf der Suche nach einem besseren Leben gewählt. Zudem treffen die Deportationen der USA auch tausende Venezolaner, die entweder in Drittländer oder direkt nach Venezuela ausgeschafft werden.
Was bedeutet das für die Fluchtbewegungen aus Venezuela?
Als Alternative zu den USA zieht es stattdessen viele nach Europa. In Spanien bilden Venezolanerinnen und Venezolaner inzwischen die grösste Gruppe an Geflüchteten. Dabei handelt es sich oft um Menschen mit guter Ausbildung und genügend finanziellen Mitteln, sich die Reise leisten zu können. Die Ärmsten hingegen versuchen ihr Glück in Nachbarländern Venezuelas, wie Kolumbien, Peru, Ecuador oder Brasilien. Sie hoffen, dass sie dort Arbeit finden und so ihre Familie ernähren können.

«Ein Schwerpunkt liegt auf der Versorgung unterernährter Babys. Es ist eine dramatische Zuspitzung der Lebenssituation in wenigen Jahren – vom Erdölreichtum zu bitterer Armut.»Rafael FilligerProgrammdirektor Venezuela
Die Lage ist höchst prekär. Wie kann den Menschen geholfen werden?
Organisationen wie die Caritas begleiten Geflüchtete in mehreren Phasen. In den Nachbarländern Venezuelas geht es darum, Nothilfe zu leisten und Perspektiven für ein neues Leben zu schaffen: Sicherheit, Ausbildung, Jobs. Kinder, die auf der Flucht Gewalt erfahren, erhalten psychologische Begleitung und Zugang zu Bildung.
Und in Venezuela? Können Entwicklungsorganisationen dort selbst tätig sein?
Die Lage ist höchst komplex. Hilfswerke werden gehindert, sich offiziell registrieren zu lassen und tätig zu werden. Unsere Partnerorganisation Caritas Venezuela arbeitet über die Strukturen der katholischen Kirche. Die wird in Venezuela sehr respektiert. So ist es möglich, über ein grosses Netz Freiwilliger Nahrung zu verteilen, Familien zuhause zu besuchen, medizinische Grundversorgung anzubieten und sich um Kinder zu kümmern. Ein Schwerpunkt liegt auf der Versorgung unterernährter Babys. Es ist eine dramatische Zuspitzung der Lebenssituation in wenigen Jahren – vom Erdölreichtum zu bitterer Armut.
Sehen Sie eine Chance auf Verbesserung?
Die Venezolanerinnen und Venezolaner sind Überlebenskünstler, sie teilen das Wenige, das sie haben. Aber der Alltag ist wirklich sehr bedrückend. In vielen Gesprächen spürt man eine grosse Hoffnungslosigkeit. Es bräuchte in erster Linie eine Veränderung der politischen und wirtschaftlichen Realitäten. Und die zeichnen sich derzeit nicht wirklich ab. Dass der diesjährige Friedensnobelpreis an die venezolanische Oppositionsführerin María Corina Machado ging, mag die Bevölkerung bestärken, nicht aufzugeben.
Geschrieben von Livia Leykauf, Mediensprecherin Caritas Schweiz
Gerne vermitteln wir Interviews und beantworten Medienanfragen: medien@caritas.ch
Weitere Informationen
Titelbild: Tausende Menschen aus Venezuela fliehen nach Kolumbien und leben unter prekären Bedingungen, wie hier in Maicao. © Reto Albertalli