Armut in der Schweiz

Armut ist in der reichen Schweiz kaum sichtbar, aber dennoch weit verbreitet. Rund 700'000 Menschen in der Schweiz gelten als arm. Wesentlich mehr Menschen haben nicht genug Geld zum Leben. Die Folgen können für die Betroffenen schwerwiegend sein. 

Inhalte

Armutskonzepte

Wann sprechen wir von Armut?

Arm zu sein heisst, zu wenig Geld zu haben, um über die Runden zu kommen. Aber nicht nur: Armut schränkt die Betroffenen auch sonst stark ein, etwa bei der Bildung, der Gesundheit oder beim Wohnen. In diesem Kapitel erläutern wir, wie Armut definiert werden kann.

Armut ist mehr als ein Mangel an Geld 

Wann ist jemand von Armut betroffen? Die finanzielle Situation ist ein wichtiger Indikator, um diese Frage beantworten zu können. Wie viel Geld einer Person zur Verfügung steht, entscheidet nicht zuletzt darüber, ob jemand Zugang zu Sozialleistungen wie Sozialhilfe, Wohnbeihilfen oder Ergänzungsleistungen hat. Finanzielle Faktoren sind wichtig, um Armut zu beschreiben. Sie geben aber nicht direkt Auskunft darüber, wie es den betroffenen Menschen tatsächlich geht und in welchen Bereichen sie mit Einschränkungen leben müssen. Deshalb wird in der sozialen Arbeit auf Armutskonzepte zurückgegriffen, die neben den finanziellen Aspekten auch andere Dimensionen einer Lebenssituation berücksichtigen.

Wenn Handlungsmöglichkeiten fehlen 

Das am meisten verwendete Armutskonzept ist der Capability Approach (Deutsch: Befähigungsansatz oder Verwirklichungschancenansatz). Gemäss diesem Konzept bedeutet Armut vereinfacht gesagt fehlende Handlungsmöglichkeiten: Eine armutsbetroffene Person kann ihr Leben nicht frei gestalten, sie ist stark eingeschränkt in ihren Entscheidungen.

Nehmen wir beispielsweise einen Hilfsarbeiter, der seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt mit einer Weiterbildung deutlich verbessern möchte. Er kann sich aber die Kurskosten nicht leisten und auch sein Pensum nicht reduzieren, weil er bereits am Existenzminimum lebt. Er ist von Armut betroffen. Eine gutverdienende Buchhalterin kann hingegen aus einer Vielzahl von Kursen wählen – wenn sie denn möchte. Sie kann frei entscheiden, ob und wann sie eine Weiterbildung machen und ihr Pensum reduzieren möchte, und ist nicht von Armut betroffen.

Auch der Bund stützt sich im nationalen Armutsmonitoring, das die Armutssituation in der Schweiz beschreibt, auf ein an den Capability Approach angelehntes mehrdimensionales Armutskonzept.

Armut messen

Wie lässt sich Armut messen? 

Wenn das Bundesamt für Statistik (BFS) einmal im Jahr berechnet, wie viele Personen in der Schweiz von Armut betroffen oder bedroht sind, berücksichtigt es dabei vor allem deren finanzielle Situation. Doch einzelne Kennzahlen geben auch Auskunft über Einschränkungen in anderen Bereichen. Erfahren Sie in diesem Kapitel mehr darüber, mit welchen Indikatoren Armut in der Schweiz gemessen wird und was diese genau aussagen.

Indikatoren für die Armut in der Schweiz 

Wie wissen wir, wie viele Menschen in der Schweiz arm sind? Armut wird in der Regel anhand von finanziellen Indikatoren gemessen. Im Zentrum steht also das Geld, das jemand verdient, zur Verfügung hat und ausgeben kann. Einerseits, weil die finanziellen Ressourcen sehr entscheidend sind für die Handlungsmöglichkeiten eines Menschen. Und andererseits, weil die Messung der nicht-finanziellen Armutsdimensionen sehr anspruchsvoll ist. Basis für die meisten Indikatoren, die in der Schweiz durch das Bundesamt für Statistik (BFS) ausgewiesen werden, bildet die europaweit koordinierte Erhebung über die Einkommen und Lebensbedingungen (SILC). Die folgende Auflistung geht genauer auf die einzelnen Indikatoren ein.

Zahlen zur Armut in der Schweiz

Wie viele Menschen sind von Armut betroffen?

Wie viele Menschen in der Schweiz leben am oder unter dem Existenzminimum? Welche Bevölkerungsgruppen sind besonders betroffen? Hier finden Sie die aktuellen Zahlen mit unseren Erläuterungen.

Wichtige Kennzahlen

Jedes Jahr berechnet das Bundesamt für Statistik das Ausmass der Armut in der Schweiz anhand der unter «Wie wird Armut in der Schweiz gemessen?» erläuterten Indikatoren. Hier ein Überblick über die wichtigstem Zahlen:

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Menschen

sind von Armut betroffen.

(2023)

0

Menschen

sind armutsgefährdet.

(2023)

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Menschen

sind trotz Erwerbstätigkeit armutsgefährdet.

(2023)

0

Kinder

sind armutsgefährdet.

(2023)

708'000 Menschen oder 8,1 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz sind von Armut betroffen. Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer. Seit 2014 (6,7 Prozent) hat die Armut in der Schweiz zugenommen.

Etwa doppelt so viele Menschen, 16,1 Prozent der Bevölkerung, sind armutsgefährdet. Das sind alle Personen, die armutsbetroffen sind plus jene, die nur knapp über der Armutsgrenze leben. Der Anteil der Gesamtbevölkerung, der von Armut bedroht ist, hat seit 2014 (13,5 Prozent) ebenfalls zugenommen.

Arbeit reduziert das Armutsrisiko zwar deutlich, ist aber längst kein garantierter Schutz. 8,3 Prozent aller Erwerbstätigen sind von Armut betroffen oder bedroht (armutsgefährdet), das entspricht rund 336’000 Personen. Zu bedenken ist, dass vom Einkommen dieser Personen häufig ein ganzer Haushalt abhängt, sprich Kinder und Partnerin oder Partner. Insgesamt leben 789'000 Menschen in einem Working Poor Haushalt.

Jedes Fünfte Kind in der Schweiz ist von Armut betroffen und bedroht. Das entspricht vier bis fünf Kindern pro Schulklasse.

Weitere Zahlen und Grafiken finden Sie auf der Vertiefungsseite «Zahlen und Fakten».

Ursachen und Folgen von Armut

Warum sind Menschen arm?

Armut kann alle treffen. Die Ursachen sind vielfältig und komplex. Dieses Kapitel zeigt auf, wie der familiäre Hintergrund, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, aber auch bestimmte Übergänge oder plötzliche Ereignisse im Verlauf des Lebens das Armutsrisiko eines Menschen prägen.

Wie entsteht Armut?

Armut ist weder individuelles Versagen noch lässt sie sich auf eine einzelne Ursache zurückführen. Meist sind Menschen armutsbetroffen, weil individuelle Umstände und ungünstige gesellschaftliche Rahmenbedingungen zusammenspielen. Um diese Komplexität zu verstehen, eignet sich der sogenannte Capability Approach.

Persönliche Risiken treffen auf strukturelle Hürden

Nach diesem Verständnis sind für Menschen in Armut die Möglichkeiten eingeschränkt, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten. Diese begrenzten Handlungsmöglichkeiten entstehen, weil individuelle Risiken wie ein fehlender Bildungsabschluss, Gesundheitsprobleme oder ein unsicherer Aufenthaltsstatus auf strukturelle Hürden treffen. Zu diesen strukturellen Herausforderungen gehören etwa die fehlende Vereinbarkeit von Familie und Beruf, der begrenzte bezahlbare Wohnraum oder atypische und prekäre Arbeitsverhältnisse wie etwa Arbeit auf Abruf oder befristete Anstellungen. Auch plötzliche Lebensereignisse können in eine finanzielle Notlage führen, beispielsweise die Flucht in ein anderes Land, eine Scheidung oder eine schwere Erkrankung.

Armut ist kein persönliches Versagen

So ist Armut eine Folge von Umständen, die Betroffene kaum beeinflussen können. Die verschiedenen Faktoren verstärken sich häufig gegenseitig und erschweren ein Entkommen aus der Armutsfalle. Als Beispiel: Eine Person mit körperlichen Beschwerden und ohne Berufsausbildung gerät rascher in finanzielle Not als eine gesunde Person mit Tertiärbildung. Eine Aus- oder Weiterbildung ist nicht möglich, wenn keine existenzsichernden Stipendien zur Verfügung stehen und gleichzeitig hohe Behandlungskosten anfallen.

Armut hat schwerwiegende Folgen

Für die betroffenen Personen führt Armut in der Regel zu sozialer Ausgrenzung, Stigmatisierung, fehlenden Perspektiven sowie einer schlechten Wohn- und Gesundheitssituation. Armutsbetroffene haben auch häufiger nur schwer Zugang zu (Weiter-)Bildung und tragen ein hohes Verschuldungsrisiko. Auch die Gesellschaft spürt die verheerenden Auswirkungen von Armut. Armut und Ungleichheit können den sozialen Zusammenhalt gefährden, das Vertrauen in Institutionen senken sowie die wirtschaftliche Leistung eines Staates schwächen.

Armutsrisiken im Verlauf eines Lebens

Die Armutsrisiken unterscheiden sich je nach Lebensphase. Das folgende Modell zeigt diese Risiken in sechs Lebensphasen: Die Geburt und Kindheit, die schulische Ausbildung, die Jugend mit der beruflichen Ausbildung, das Erwerbsleben, die Familienphase und das Leben nach der Pensionierung. Die Übergänge zwischen den einzelnen Lebensphasen bringen besonders hohe Armutsrisiken mit sich. Das gilt vor allem dann, wenn es an Geld, Zeit oder an sozialer Unterstützung fehlt.

Aber nicht nur die geplanten Übergänge im Leben stellen kritische Momente dar. Auch unvorhergesehene Ereignisse wie der Abbruch einer Lehre, ein Jobverlust, eine Trennung oder ein Unfall können eine Abwärtsspirale auslösen.

Vor allem die frühen Lebensphasen sind entscheidend dafür, ob jemand im weiteren Verlauf des Lebens armutsgefährdet ist. Wer in jungen Jahren aufgrund seiner sozialen Herkunft benachteiligt ist und keine gezielte Unterstützung erhält, hat es langfristig deutlich schwerer. Diese Personen geraten in späteren Lebensphasen häufiger in prekäre Situationen.

Armut im Alltag

Wie wirkt sich Armut im Alltag aus?

«Ich musste entscheiden, ob ich das Kind zum Zahnarzt schicken oder die Handy-Rechnung bezahlen soll.» Anhand von Einzelbeispielen erfahren Sie in diesem Kapitel, was ein Alltag mit Armut konkret bedeutet. Zudem erzählen Armutsbetroffene in eigenen Worten von ihrer Situation.

Leben mit wenig Geld

Claudia Schwarz lebt in der Schweiz und war jahrzehntelang von Armut betroffen. In diesem Video erzählt sie offen von ihrem Alltag, den Sorgen um Geld – und davon, was es bedeutet, in einem wohlhabenden Land dennoch nicht über die Runden zu kommen.

Beispiele prekärer Lebenssituationen

Jede Armutssituation ist anders. Diese sechs konkreten Einzelfälle aus den Caritas-Sozialberatungen illustrieren einzelne Aspekte und Herausforderungen eines Lebens in Armut.

Armut ist immer noch ein Stigma in der Schweiz. Alle Namen, Orte und andere Fakten, welche Rückschlüsse auf die Identität der Personen zulassen würden, sind daher geändert.

© Caritas Schweiz

Interaktiver Armutsparcours

Leben an der Armutsgrenze - wie entscheiden Sie?

Jeden Rappen umdrehen, täglich schwierige Entscheidungen treffen und oft aus dem sozialen und gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen sein: Das sind nur einige der Herausforderungen, mit denen armutsbetroffene Menschen konfrontiert sind. Wie würde es Ihnen ergehen? Machen Sie sich auf den Weg.

Ein Leben an der Armutsgrenze

Schicke ich mein Kind mit den Zahnschmerzen zum Zahnarzt oder lasse ich den Kühlschrank reparieren? Mache ich eine Weiterbildung oder ernähre ich mich gesund und ökologisch? Für viele Menschen in der Schweiz gehören solche Entscheidungen zum Alltag. Obwohl die Schweiz zu den reichsten Ländern der Welt zählt, leben auch hier zahlreiche Menschen in prekären finanziellen Verhältnissen.

Wie würden Sie mit einem so knappen Budget zurechtkommen? Finden Sie es in diesem Parcours heraus und erhalten Sie einen Eindruck davon, wie sich ein Leben an der Armutsgrenze auf den Alltag auswirkt.

In Arbeit - Link folgt in Kürze

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