Schnappschuss aus einem Projekt in Bolivien. Kinder, die Opfer von Menschenhandel, Gewalt und sexueller Ausbeutung wurden, erhalten dort Schutz und Perspektiven.
Schnappschuss aus einem Projekt in Bolivien. Kinder, die Opfer von Menschenhandel, Gewalt und sexueller Ausbeutung wurden, erhalten dort Schutz und Perspektiven.

Mädchen und Frauen weltweit stärken

Fokusthema: Women Empowerment

Armutsbekämpfung geht nur Hand in Hand mit Gleichstellung. Doch noch immer sind Frauen und Mädchen weltweit stark benachteiligt. Sie haben einen begrenzten Zugang zu Bildung, verdienen für die gleiche Arbeit weniger als Männer, werden bei wichtigen Entscheidungen aussen vor gelassen und leisten den Grossteil der unbezahlten Pflegearbeit.

Nur wenn die Kluft zwischen den Geschlechtern geschlossen wird, kann Armut nachhaltig und für alle reduziert werden.

«Geschlechtergleichstellung erreichen und alle Frauen und Mädchen zur Selbstbestimmung befähigen» ist eines der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung, der sogenannten Sustainable Development Goals (SDG), der UNO. Trotz Fortschritten in der Beseitigung von Ungleichheiten in den letzten Jahrzehnten sind wir weit davon entfernt, die Gleichstellung der Geschlechter bis 2030 – in nur noch sieben Jahren – zu erreichen.

Der globale Geschlechtergraben

Das World Economic Forum (WEF) misst mit dem Global Gender Gap Report jährlich die Kluft zwischen den Geschlechtern in Bezug auf den Zugang zu Bildung und Arbeit, die Entlöhnung und weitere Parameter. Hätten wir vollständige Geschlechtergleichstellung, wäre diese Kluft zu 100 Prozent geschlossen. Aktuell misst sie jedoch weltweit noch über 30 Prozent. Auch die Schweiz hat sie erst zu 79,5 Prozent geschlossen und steht damit im internationalen Vergleich auf dem 13. Rang.

RankCountryScore 2022 (0-1)Veränderung seit 2021
1Island0,908+ 0,016
2Finnland0,860- 0,001
3Norwegen0,845- 0,004
4Neuseeland0,841+ 0,001
5Schweden0,8220,000
6Ruanda0,811+ 0,006
7Nicaragua0,810+ 0,015
8Namibia0,807- 0,002
9Irland0,804+ 0,005
10Deutschland0,801 + 0,005
11Litauen0,799 - 0,004
12Costa Rica0,796+ 0,010
13Schweiz0,795- 0,003
14Belgien0,793+ 0,004
15Frankreich0,791+ 0,007
Weltweiter Durchschnitt0.681+ 0,004
Quelle: Global Gender Gap Report 2022, WEF. Bei der Erhebung dieser Zahlen werden jeweils die wichtigsten Aspekte bezüglich Geschlechtergleichheit berücksichtigt, aber bei weitem nicht alle Bereiche mit Ungleichheiten.

Mit dem aktuellen Tempo der Fortschritte wird es noch mindestens 132 Jahre dauern, bis der Gendergraben weltweit komplett geschlossen ist. Um die Gleichstellung der Geschlechter zu erreichen und den Graben zu verkleinern, müssen Frauen auf der ganzen Welt gestärkt werden. Entscheidungen sowohl auf privater als auch auf öffentlicher Ebene dürfen nicht länger hauptsächlich von Männern getroffen werden.

Die Grafik zeigt auf, wie langsam sich die Welt bei der Schliessung des Gendergrabens seit Jahren bewegt. © Global Gender Gap Report 2022, WEF

Frauen stärken, Armut bekämpfen

Durch die Stärkung des weiblichen Geschlechts nehmen Frauen eher am Erwerbsleben teil, erzielen ein Einkommen, haben mehr Kontrolle über Ressourcen und Entscheidungen und investieren in die Gesundheit und Bildung ihrer Familien. Dies trägt zu einer nachhaltigen Entwicklung aller bei.

Durch ihr selbständiges Einkommen werden Frauen in Äthiopien gestärkt und gefördert. © Genet Professional Studio

Bei Caritas Schweiz tragen wir mit diversen Projekten in Lateinamerika, Afrika, Asien, im Nahen Osten und Europa zu mehr Geschlechtergerechtigkeit bei. Es spielt dabei keine Rolle, ob wir

  • Migrierende in Kolumbien unterstützen,
  • die negativen Auswirkungen des Klimawandels in Tadschikistan mildern,
  • ein Nothilfeprojekt in Syrien umsetzen oder
  • ein langfristiges Entwicklungsprojekt in Burkina Faso durchführen.

Wir inkludieren Frauen und Mädchen und berücksichtigen ihre geschlechtsspezifischen Bedürfnisse und Erfahrungen. So tragen wir in unserer täglichen Arbeit zum «Women Empowerment» bei.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Es ist wichtig, dass Männer und Frauen den gleichen Zugang zu und Kontrolle über Ressourcen wie Holz oder Wasser haben. Dies gehen wir beispielsweise in der Grenzregion zwischen Uganda und Südsudan an: Viele Menschen aus dem Südsudan fliehen wegen den bewaffneten Konflikten nach Uganda. Dort brauchen sie Holz, um zu kochen und neue Häuser zu bauen.

Aufgrund der starken Abholzung in der Region und den knappen Ressourcen müssen Frauen immer längere Distanzen zurücklegen, um Holz, Wasser und Nahrung zu beschaffen. Dadurch sind sie vermehrt sexualisierter Gewalt und Übergriffen ausgesetzt. Um sich zu ernähren, landen viele Frauen in der Prostitution, Mädchen werden früh verheiratet. Mit Schulungen für Behörden und andere lokale Akteure zu Gender und geschlechtsspezifischer Gewalt wollen wir Frauen einen besseren und sichereren Zugang zu Ressourcen ermöglichen und sie vor sexualisierter Gewalt und Übergriffen schützen.

Frauen brauchen die gleiche Beteiligung, Vertretung und Entscheidungsbefugnis wie Männer. Beispielsweise durch den gleichberechtigten Zugang zum Arbeitsmarkt in Äthiopien. Wenn Frauen selbst ein Geschäft haben und ihr eigenes Geld verdienen, führt dies zu ihrer wirtschaftlichen Stärkung. Sie werden zudem mehr in Entscheidungen einbezogen und haben eine bessere Kontrolle über ihr eigenes Leben.

Für Geschlechtergleichheit braucht es auch die Freiheit von Gewalt und das Recht auf Wahrung der körperlichen und seelischen Unversehrtheit. In Kambodscha, Bolivien und weiteren Ländern setzen wir uns dafür ein. Wir arbeiten mit vom Menschenhandel und von Zwangsprostitution betroffenen Mädchen und Frauen. Zum Beispiel in Kambodscha unterstützen wir sie mit Schutzmassnahmen, stehen ihnen bei ihrer Wiedereingliederung bei und sensibilisieren Migrantinnen und Migranten über die Risiken einer unsicheren Migration.

Frauen und Männer sollen vor dem Gesetz gleich sein, dies ist jedoch nicht überall der Fall oder es mangelt an der Umsetzung. Wir betreiben Advocacy-Arbeit und stehen so für Frauen ein, führen Gespräche mit lokalen Behörden und veranstalten Weiterbildungskurse. Wir stärken Männer und Frauen dabei, ihre Bedürfnisse kundzutun und sich für die Rechte der Frauen aktiv und gemeinsam einzusetzen.

In Bolivien arbeiten wir mit Justizbehörden und politischen Ämtern zusammen: Wir sensibilisieren und orientieren die Mitarbeitenden, damit staatliche Massnahmen eine bessere Wirkung erzielen. So unterstützen und schützen wir Mädchen, die Opfer von Gewalt, kommerzieller sexueller Ausbeutung oder Menschenhandel wurden.

Wir fördern gesellschaftliche Werte und Normen, die nicht auf patriarchalischen Machtverhältnissen, Denk- und Verhaltensweisen beruhen: Beispielsweise durch Schulungen, die Sensibilisierung von Männern und Jungen, die Anstellung von Frauen und ihre Integration in den Arbeitsmarkt. Auch der Einbezug von Frauen bei wichtigen Entscheidungen wird gefördert. Advocacy-Aktivitäten mit lokalen Behörden wie der Polizei ergänzen die Bestrebungen.

In einem Projekt in Kosovo fördern wir die Teilnahme von Frauen in der Landwirtschaft. Wir beraten Frauen ausführlich darüber, wie sie ihr eigenes Unternehmen registrieren können und wie sie eine aktive Rolle in der Entscheidungsfindung einnehmen können. Im Projektteam vor Ort arbeiten zudem mehrere lokale Frauen. Auch werden die sozialen Medien für die Sensibilisierung der Öffentlichkeit eingesetzt.

Mit Überzeugung folgen wir einem gesamtgesellschaftlichen Ansatz, der alle Geschlechter sowie Akteurinnen und Akteure mit einbezieht.

Gemeinsam mit unseren lokalen Partnerorganisationen kämpfen wir täglich für eine Welt ohne Armut. Dieses Ziel können wir nur dann erreichen, wenn alle Menschen – Frauen und Männer – uneingeschränkt teilhaben und ihr Potenzial ausschöpfen können.

Mali
Südsudan

Weitere Informationen

Titelbild: Schnappschuss aus einem Projekt in Bolivien. Kinder, die Opfer von Menschenhandel, Gewalt und sexueller Ausbeutung wurden, erhalten dort Schutz und Perspektiven. © Pablo Quiroga/Yamil Antonio