

Hitzewellen treffen Menschen in Armut besonders stark
Einkommensschwache Haushalte leiden mehr als andere unter den Folgen von Hitzeperioden. Es braucht dringend eine nachhaltige und sozial gerechte Energiewende, welche vulnerable Gruppen und deren Bedürfnisse konsequent berücksichtigt. Zentral sind unter anderem (städte-)bauliche Massnahmen, öffentlich zugängliche kühle Orte und angepasste Arbeitszeiten.
Die Häufigkeit und Intensität von Hitzewellen nehmen zu. Diese Entwicklungen treffen Personen, die von Armut betroffen oder bedroht sind, unverhältnismässig stark. Gemäss einer Umfrage der EU lebten 2023 18 Prozent der reichsten Haushalte in Unterkünften, die während des Sommers keine angenehme Kühlung gewährleisteten. Bei dem einkommensschwächsten Fünftel der Bevölkerung betrug dieser Anteil dagegen knapp 35 Prozent. Menschen, die in grossen Wohnblocks oder in Regionen mit hohen Temperaturen und sozioökonomischer Benachteiligung lebten, waren ebenfalls sehr hohen Belastungen ausgesetzt.
Für die Schweiz gibt es bisher nur vereinzelte Erkenntnisse zu diesem Thema. Eine Studie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) im Auftrag des Bundesamts für Wohnungswesen zeigt aber auf, dass auch hierzulande Ungleichheiten bestehen. Einkommensschwache Personen leben oft in sanierungsbedürftigen Wohnungen, die schlecht gegen die Hitze schützen. Nach den notwendigen Sanierungen müssen die Betroffenen in vielen Fällen eine neue Unterkunft suchen, weil die Miete erhöht und somit zu teuer wird. Sie profitieren also nicht von diesen energiepolitischen Massnahmen, die zum Sparen von Energie und zu einer erhöhten Lebensqualität beitragen. Es sind meist sozioökonomisch besser gestellte Schweizerinnen und Schweizer, die sich diese Wohnungen nach der Sanierung leisten können.
Wohlhabendere Familien verfügen darüber hinaus über breitere Handlungsspielräume. Wie ein Beitrag im Magazin Beobachter treffend beschreibt, sind solche Haushalte flexibler, wenn sie ein Eigenheim besitzen und die notwendigen Kosten für (bauliche) Anpassungen gegen Hitze selbst tragen können. Unter anderem ist die Rede von Wärmepumpen, passender Isolation, Klimaanlagen, einem eigenen Pool oder einer Reise zur Zweitwohnung in den Bergen. Armutsgefährdete Menschen haben viele dieser Möglichkeiten nicht. Klimaanlagen können sie sich kaum leisten, und für die Installation sind mindestens auf die Zustimmung des Vermieters angewiesen. Starre Arbeitszeiten oder Tätigkeiten im Freien – wie etwa auf dem Bau – führen dazu, dass diese Gruppen auch während der Arbeit häufiger mit den hohen Temperaturen konfrontiert sind.
Wie kann die Anpassung an die Hitze sozialverträglich erfolgen?
Um diesen Missstand möglichst sozialverträglich anzugehen, sind Massnahmen auf verschiedenen Ebenen notwendig. Die Europäische Union empfiehlt zum Beispiel, bei Sanierungen ineffiziente Gebäude, die oft von Menschen mit geringen Einkommen bewohnt werden, zu priorisieren. Gleichzeitig ist sicherzustellen, dass solche Projekte nicht zu einer zusätzlichen finanziellen Belastung oder der Verdrängung von armutsbetroffenen Haushalten führen.
Ergänzend zu diesen strukturellen Massnahmen gibt es Empfehlungen für eine energieeffiziente und nachhaltige Kühlung. Dabei liegt der Fokus zunächst auf passiven Methoden: Eine zeitgemässe Dämmung, Verschattung und Begrünung von Nachbarschaften tragen dazu bei, den Kühlbedarf der Gebäude merklich zu senken. Wo aktive Kühlung durch Klimageräte erforderlich ist, sollte diese mit erneuerbaren Energien erfolgen.
«Climate Shelters» und Begrünung
Die Schweizerische Energie-Stiftung schlägt zudem vor, durch sogenannte Climate Shelters und begrünte Parkanlagen öffentlich zugängliche Räume ohne Konsumzwang zu schaffen. Von solchen Rückzugsorten profitieren diverse Gruppen, wobei sie vor allem für armutsbetroffene Personen eine der wenigen Möglichkeiten zur Abkühlung sein können. In diesem Kontext wird auch die Begrünung von Gebäuden und das Entsiegeln von öffentlichen Plätzen empfohlen. Solche Massnahmen tragen zur langfristigen Klimaresilienz von Quartieren und Städten bei. Gemäss der Stiftung braucht es ferner eine Anpassung von Arbeits- und Unterrichtszeiten, um besonders gefährdete Arbeitnehmende und Kinder zu schützen.
Geschrieben von Nada Milinovic, Fachstelle Sozialpolitik
Weitere Informationen
Titelbild: Der Hitze im öffentlichen Raum zu entrinnen, ist schwierig. © Caritas Schweiz