

Eine Praxis für 22 000 Geflüchtete im Gorom-Camp
Im südsudanesischen Gorom-Camp unterstützt die Caritas das einzige Gesundheitszentrum für 22 000 Geflüchtete. Für die Menschen, die durch Krieg und Flucht Schlimmes durchgemacht haben, ist es eine Anlaufstelle für ihre körperlichen Beschwerden und seelischen Verletzungen.
Das Gesundheitszentrum ist eines der ganz wenigen stabil gemauerten Gebäude im Gorom-Flüchtlingslager. Zwischen dem Raum, in dem das Labor untergebracht ist, und den zwei spärlich eingerichteten Sprechzimmern erstreckt sich im Freien der Wartebereich. Schon früh am Morgen harren hier Dutzende Menschen auf den Holzbänken bis zur Öffnung der Klinik. Dafür, dass so viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen, ist es ungewöhnlich still. Alle wirken gedankenversunken. Selbst von den Kindern ist kaum ein Kreischen oder Lachen zu hören.
«Unter diesen Bedingungen zu gebären, ist nicht einfach, weder für die Mütter noch für mich als Hebamme.»Viola AbaliHebamme im gorom Camp
Die erste Station für die Patientinnen und Patienten ist nach der Registration das Sprechzimmer, das Reich von John Lako Michael. Der 28-Jährige ist Clinical Officer, eine Funktion zwischen Pfleger und Arzt. Er sitzt aufrecht an seinem fast leeren Schreibtisch und strahlt natürliche Autorität aus. Deswegen vertrauen ihm die Menschen. John Michael untersucht, diagnostiziert und verschreibt Medikamente. Komplizierte Fälle leitet er an die Ärztin des Projekts weiter, andere überweist er in die Klinik in der Hauptstadt Juba.
Das Zentrum bietet medizinische Grundversorgung. Für die Menschen im Camp ist dieses Angebot, das von Caritas Juba umgesetzt wird, existenziell. Sonst gäbe es nicht einmal Schmerztabletten, Diabetesmittel oder Malariatests, geschweige denn Antibiotika, Wundverbände und Infusionen. Behandlungen und Medikamente ausserhalb des Camps sind für die Geflüchteten unerschwinglich.

Zustände machen krank
Die Untersuchungsmöglichkeiten in der Gesundheitsstation sind beschränkt. «Umso wichtiger ist, genau zu verstehen, was den Menschen fehlt. Ich muss ein offenes Ohr haben und gut zuhören», weiss Michael. Die meisten der Patientinnen und Patienten haben die Grauen des Krieges im Sudan hautnah miterlebt und später auch auf der Flucht Traumatisches durchgemacht. Hinzu kommt: «Die Lebensbedingungen im Gorom-Camp sind alles andere als förderlich für die Gesundheit», erklärt Michael mit seiner sonoren Stimme.
Das Flüchtlingslager war für 2500 Personen konzipiert worden, heute leben dort nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks etwa 22 000 Menschen. Ein grosses Problem ist die Versorgung mit Wasser, die Wasserstellen im Lager sind nur wenige Stunden in Betrieb. Neben den fehlenden Sanitäranlagen führt die Mangelernährung zu Krankheiten. «Manchmal», so der Clinical Officer, «haben die Menschen tagelang nichts zu essen. Das schwächt den Körper, und ein schwaches Immunsystem ist ein Einfallstor für Krankheiten.» Hinzu kommt die Hitze in der Trockenzeit mit oft über 40 Grad oder die Feuchtigkeit in der warmen, regenreichen Zeit - paradiesische Zustände für Malaria-Mücken.
Raum für neues Leben
Wenige Schritte weiter befindet sich die gynäkologische Abteilung. Direkt an der offenen Eingangstür sitzt Viola Abali, eine diplomierte Hebamme. In ein grosses querformatiges Buch schreibt sie die Befunde und Daten der Patientin, die ihr auf der anderen Seite des Türrahmens gegenübersitzt. Einige Tage in der Woche kommt ein Frauenarzt, aber die erste Ansprechpartnerin ist die 23-Jährige.
Das Zimmer - Warte-, Anmelde-, Sprech- und Untersuchungszimmer in einem - ist voll. Drei Frauen hocken am Rand einer Pritsche, auf der eine Hochschwangere liegt. Andere warten auf Plastikstühlen, bis sie an der Reihe sind. Privatsphäre gibt es hier nicht. Am hinteren Ende des Raumes schützt ein Paravent vor Blicken auf die Untersuchungsliege.

Die junge Hebamme zwängt sich zwischen Vorhang und Bett, um mit dem Pinard-Hörrohr auf die Herztöne des Ungeborenen zu horchen. Moderne diagnostische Geräte stehen nicht zur Verfügung. Für Entbindungen gibt es einen Gebärsaal, der nicht schlichter sein könnte: An einer Liege sind zwei Beinstützen angebracht, daneben ein kleines Waschbecken mit fliessendem Wasser. Für Neugeborene steht ein kleines Babybett mit Moskitonetz bereit, daneben eine Waage und ein Beutel zur manuellen Beatmung, falls es zu Komplikationen kommt.
«Unter diesen Bedingungen zu gebären, ist nicht einfach, weder für die Mütter noch für mich», beschreibt Viola Abali ihre Arbeit. «Doch wenn die Babys dann auf der Welt sind, steht die Zeit für einen Moment still.» Erst vor wenigen Tagen hat eine sehr junge Frau entbunden. Sie gab ihrer Tochter den Namen Angel, also Engel. Das sind die hoffnungsvollen Momente in dem sandig-staubigen Camp: neues Leben, ein Zeichen, dass es irgendwie weitergeht, trotz allem.
Liegend im Jeep in die Hauptstadt
Zur Krankenstation im Gorom-Camp gehören neben der Praxis und der gynäkologischen Abteilung ein Labor, eine Apotheke, eine Impfstelle und zwei Zimmer, in denen Patientinnen und Patienten stationär aufgenommen werden können. Ein kleiner Junge mit einer schweren bakteriellen Augenentzündung hockt neben seiner Grossmutter unter einem Tuch, das ihn vor dem Lichteinfall schützt. An einem anderen Bett empfängt ein Mann mit einem externen Fixateur am Bein Besuch, während ein Jugendlicher wegen hohen Fiebers am Tropf hängt.
Im Camp finden die Menschen Sicherheit, aber es bleibt ein Balanceakt zwischen Leben und Überleben.
Es sind die «einfacheren» Fälle wie Malaria oder Typhus, die hier behandelt werden. Patientinnen und Patienten mit komplexen Krankheitsbildern müssen in die Hauptstadt überwiesen werden. Als Krankenwagen dient ein umgebauter Jeep, der die 26 Kilometer ruckelnd und schwankend über die holprige Sandstrasse zurücklegt. Doch leisten könnte sich die Fahrt- und Arztkosten kaum jemand im Flüchtlingslager. Die Überweisungen zu besser ausgestatteten Gesundheitszentren in der Hauptstadt sind deshalb Teil des Projekts der Caritas.
Traditioneller sudanesischer Kaffee gegen Heimweh
Im Camp finden die Menschen Sicherheit, aber es bleibt ein Balanceakt zwischen Leben und Überleben. Diese Spannung ist häufig Thema im Schutzraum für Frauen, der ebenfalls zum Projekt für medizinische Grundversorgung im Gorom-Camp gehört. Mehrmals in der Woche treffen sich dort je um die 50 Frauen, um einen thematischen Impuls zu erhalten oder in Gruppen Themen zu diskutieren. Mit dem psychologisch geschulten Personal können sie sich austauschen über den Umgang mit erlittenen Traumata oder ihre Zukunftsängste wegen der fehlenden Arbeitsmöglichkeiten, über die häusliche Gewalt im Lager oder die schwere Bürde, Kinder allein grossziehen zu müssen, weil der Mann im Krieg umgekommen ist.

Am Ende jedes Treffens wird im Hinterzimmer, in dem sonst die psychologischen Einzelberatungen stattfinden, Kaffee gekocht und nach sudanesischer Tradition mit Gewürzen angereichert. Er wird mit salzigem Popcorn serviert. Für die Frauen ist diese Tasse Kaffee, der ein bisschen nach Heimat schmeckt, ein tröstlicher Luxus im bedrückenden Alltag.
Im Sudan kämpfen die Streitkräfte und die paramilitärische Gruppierung «Rapid Support Forces» seit April 2023 gegeneinander. Millionen von Menschen fliehen und suchen in Nachbarstaaten Schutz, auch im Südsudan.
Doch das Land steht selbst vor enormen wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen. Die Sicherheitslage ist höchst angespannt. Es herrscht ein offener Machtkonflikt zwischen dem Präsidenten Salva Kiir Mayardit und Vizepräsident Riek Machar. Immer wieder kommt es zu Gewaltausbrüchen zwischen den beiden Lagern. Das fragile politische Gleichgewicht ist zutiefst erschüttert. Darüber hinaus sind in verschiedenen Teilstaaten noch weitere lokale, militarisierte Gruppen in die Kämpfe involviert. Viele befürchten, dass der Südsudan erneut in einen Bürgerkrieg abrutscht.
Die Versorgungslage der Geflüchteten im Südsudan hat sich in den letzten Jahren massiv verschärft. Die weltweiten Kürzungen der Finanzmittel für die internationale Zusammenarbeit treffen die Menschen hart, die in Flüchtlingslagern wie dem Gorom-Camp leben. Viele Hilfsorganisationen haben den Ort inzwischen verlassen. Von den Vereinten Nationen erhalten die Bewohnerinnen und Bewohner monatlich etwas Bargeld, um Lebensmittel und das Nötigste zu kaufen. Die Verteilung von Lebensmittelpaketen wurde jedoch eingestellt. Auch im Gesundheitsbereich fehlen die Mittel. Hier setzt das Projekt von Caritas Schweiz an.

Weitere Informationen
Titelbild: Viola Abali misst bei ihren Patientinnen bei jeder Konsultation den Blutdruck. © Kenyi Moses