

Als der Berg ihr Zuhause verschluckte
Innert kürzester Zeit musste die Familie Ebener ihr Haus verlassen, in den Händen nur ein paar gepackte Taschen. Tage später begrub der Bergsturz in Blatten ihr gesamtes Hab und Gut. In einer Mietwohnung lebend bewältigt die Familie wieder ihren Alltag – doch etwas Entscheidendes fehlt.
Als Sarah und Oliver Ebener am Freitag mit ihren beiden Buben von den Ferien in Frankreich heimkehrten, sahen sie eine Meldung in der Gemeinde-App: Beim Kleinen Nesthorn habe es Bodenbewegungen gegeben und es sei zu einem Murgang gekommen, die Bevölkerung müsse vorbereitet sein. «Zuerst haben wir uns nicht viele Gedanken gemacht», erinnert sich die 37-Jährige, «wir aus dem Lötschental sind Naturereignisse gewohnt.» Doch bereits am nächsten Tag war klar: Sie müssen ihr Zuhause sofort verlassen.
«Das alles zu verlieren, schmerzt sehr.»
Statt die Kinder am Samstagabend wie geplant ins Bett zu bringen, brachte Sarah sie zur Grossmutter in Ferden. Das Paar hatte anderthalb Stunden Zeit, das Nötigste zu packen. Dabei griffen sie vor allem nach Kleidern. «Wir dachten, es komme vielleicht eine Schlamm-Lawine, und alles, was höher als einen Meter über dem Boden platziert ist, sei sicher», sagt Oliver (35). Ein Irrtum, der schmerzt: Einige Tage später begrub eine gewaltige Geröll-Lawine das ganze Dorf Blatten – und mit ihm alle Erinnerungsstücke der Familie Ebener: die Taufkerzen und ersten Schuhe der Kinder, die Fasnachts-Masken.
Eine Wohnung, aber kein Zuhause
Heute lebt die Familie in Ferden, nur wenige Hundert Meter von Sarahs Mutter entfernt. Sie konnten eine Wohnung beziehen, die einem Paar aus dem Kanton Bern gehört. Ein Glücksfall: genug Platz, vertraute Umgebung, freundliche Vermieter. «Aber es ist nicht unser Zuhause», sagt Sarah. Der ältere Bub fragte einmal, ob es je wieder so riechen werde wie in seinem alten Zimmer. «Wir sind sehr dankbar, doch hier sind wir Gäste.»
Das Haus, das Sarah und Oliver vor sieben Jahren gebaut hatten, war gewachsen: hinzu kamen Spielplatz, Gartenhäuschen, Blumenrabatten. «Das alles zu verlieren, schmerzt sehr», sagt Sarah traurig. Auch für die Kinder ist vieles anders. Früher konnten sie sich auf dem Grundstück austoben, draussen auf der Quartierstrasse spielen, Nachbarskinder treffen. Von einem Moment auf den anderen haben sie ihr Zuhause verloren.

Hilfe kam von überall
In dieser schwierigen Zeit erlebt die Familie grosse Herzlichkeit. Ein Mädchen aus dem Kindergarten schenkte dem jüngeren Sohn eine Gummi-Spielzeugschlange, eine Bekannte brachte Tripp-Trapp-Stühle für die Kinder vorbei, in Gampel wurde eine Sammelaktion organisiert. Auch Caritas Schweiz organisierte umgehend Spendenaufrufe und stellt finanzielle Unterstützung bereit, die auch der Familie Ebener zugutekommt. Doch die Hilfe anzunehmen, fällt nicht leicht. «Manchmal fühlt es sich an wie Betteln», sagt Oliver.
Sehnsucht nach etwas Eigenem
Trotz aller Dankbarkeit bleibt der Wunsch nach Eigenständigkeit. «Wir sind Bergmenschen», so Oliver, «für uns gehört dazu ein Zuhause, das unseres ist – ein Ort, an dem wir bleiben können und unsere Kinder aufwachsen dürfen.» Für die Eltern ist klar: Ihren Söhnen wieder ein eigenes Daheim zu bieten, ist das Wichtigste.
Weitere Informationen
Titelbild: Auch das Haus von Sarah und Oliver Ebener wurde in Blatten verschüttet. © Tamara Bütler