«Zwischen den Gastfamilien und den Geflüchteten entsteht etwas Starkes»

Fünf Fragen an Pauline Savelieff, die Gastfamilien begleitet, die ukrainische Geflüchtete aufnehmen - Mediendienst 05/2022

Pauline Savelieff begleitet Familien im Kanton Genf, die Geflüchtete aus der Ukraine zuhause aufgenommen haben. «Es kommt zu schönen Begegnungen. Etwas Starkes geschieht zwischen den Gastfamilien und den Geflüchteten», sagt sie. Die Sozialarbeiterin von Caritas Genf* unterstützt die Familien, die ihre Türen für die Flüchtlinge öffnen, und beantwortet Fragen, die auf beiden Seiten aufkommen.

Worin besteht Ihre Aufgabe?

Ich stehe Familien im Kanton Genf zur Seite, die bereit sind, vor dem Krieg geflüchtete Menschen aus der Ukraine zu beherbergen. Ich besuche sie, beantworte ihre Fragen und spreche mit ihnen über ihre Erwartungen. Auch für die Geflüchteten bin ich Ansprechpartnerin für alle Fragen. 

Was sind die häufigsten Fragen von beiden Seiten, die Ihnen dabei begegnen?

Gerade bei den Behördengängen gibt es sehr viel Klärungsbedarf. Die Gastfamilien leisten hier eine enorme Arbeit. Zumindest anfangs übernehmen sie auch einen Grossteil der Kosten für Nahrungsmittel und Hygieneartikel. Sie haben dafür Anspruch auf eine pauschale monatliche Entschädigung von 250 Franken. Sobald die Sozialhilfe greift, können die Flüchtlingsfamilien finanziell einigermassen auf eigenen Füssen stehen. Ich erkläre den Geflüchteten auch, dass medizinische Kosten übernommen werden und dass sie einen Termin vereinbaren können, um Unterstützung zu erhalten, wenn sie nach all dem Erlebten körperliche oder psychische Schwierigkeiten haben. Manchmal muss man Vorurteile abbauen und gegen festgefahrene Vorstellungen ankämpfen, gerade wenn es um psychologische Hilfe geht. Andere Fragen drehen sich zum Beispiel um Sprachkurse oder den Schulunterricht der Kinder. 

Und es gilt, die gegenseitigen Erwartungen in Einklang zu bringen…

Genau. Ein Vertrag über das Zusammenleben hilft, die Dinge zu klären. Ein solcher Vertrag legt fest, wie lange man unter einem gemeinsamen Dach lebt und was den Geflüchteten zur Verfügung gestellt wird. In jedem Fall hilft es, sich im persönlichen Gespräch über die gegenseitigen Erwartungen auszutauschen: Wann wird zum Beispiel gegessen, wer kocht wann? Wir versuchen auch zu klären, ob die Gäste ihre Sachen und ihre Nahrungsmittel an einem separaten Ort verstauen können. Wir prüfen ausserdem, ob die Unterkunft angemessen ist und den Mindestanforderungen entspricht. Wie ist zum Beispiel der Zugang zu Toiletten und Badezimmer? Hat die Wohnung oder das Haus genug Zimmer? Und wir verlangen, dass kein Mitglied der Gastfamilie vorbestraft ist. Damit soll Missbrauch vorgebeugt werden. Bei unseren Besuchen geben wir den Geflüchteten auch einen Flyer mit einer kostenlosen Telefonnummer, falls es beispielsweise Hinweise auf Menschenhandel geben sollte. 

Welches Fazit können Sie nach diesen ersten Wochen ziehen? 

Die Gastfamilien sind sehr engagiert und leisten enorme Unterstützung. In den meisten Fällen bieten sie beeindruckend gute Bedingungen für die Gäste. Wir erhalten oft die Rückmeldung, dass die Resilienz und Kraft, mit der sich die Gäste aus der Ukraine an die neue Situation anpassen, erstaunlich seien. In der Regel stehen die Geflüchteten relativ schnell auf eigenen Füssen. Ein Grund ist sicher, dass die meisten über ein hohes Bildungsniveau verfügen. In der Ukraine arbeiteten sie als Ingenieurinnen und Ingenieure, Anwältinnen und Anwälte, Lehrpersonen, manche führten sogar ein Unternehmen. 

Ich würde sagen, dass in 90% der Fälle alles gut läuft. Natürlich kann es auch zu Schwierigkeiten kommen. Auch dann stehen wir Familien und Flüchtlingen mit Rat und Tat zur Seite. Manchmal führen die Sprachbarrieren zu Missverständnissen. Oder unterschiedlichen Erwartungen. Die Bedürfnisse sind sehr verschieden. So brauchen manche Menschen zum Beispiel Ruhe und Erholung nach dem Erlebten, andere dagegen lechzen regelrecht danach, aktiv zu werden und etwas zu tun. 
Eine Mediation kann helfen, die Herausforderungen klar zu benennen und auf dieser Grundlage einen Konsens zu bilden. Bei schwerwiegenderen Problemen können wir die Geflüchteten umplatzieren, falls es noch «freie» Gastfamilien gibt. Flüchtlinge, deren Aufnahme aufgrund ihrer besonders schwierigen Situation die Gastfamilie überfordern könnten, werden in einer Gemeinschaftsunterkunft untergebracht.  

Wie empfinden Sie persönlich diese Erfahrungen? 

Es bereichert mich sehr, diese Begegnungen miterleben zu dürfen. Zwischen den aufnehmenden Familien und ihren Gästen passiert oft etwas sehr Starkes. Die gelebte Solidarität der Gastfamilien berührt mich zutiefst.  
Ich beobachte, dass die Geflüchteten oft sehr kontrolliert sind und nur wenig Gefühle zeigen. Manchmal hat sich jedoch bereits ein starkes Vertrauensverhältnis zu den Gastfamilien entwickelt. In solchen Fällen sprechen sie über ihr Leid und ihre Trauer und zeigen zumindest ansatzweise auch ihre Gefühle. Das Mitgefühl der Gastfamilien ist sehr wertvoll. Doch sie haben keinerlei Ausbildung im Umgang mit posttraumatischen Belastungsstörungen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass sie die Unterstützungsangebote kennen, die gerade bei solchen Aspekten in Anspruch genommen werden können.  


* Seit März begleitet Caritas Genf im Mandat des Kantons Gastfamilien und Flüchtlinge aus der Ukraine, die bei diesen Familien wohnen. Auch in den Kantonen Zug, Glarus und Aargau ist die Caritas für diese Begleitung mandatiert. Ein weiterer Kanton in der Romandie und zwei in der Deutschschweiz könnten dieses Mandat ebenfalls bald dem Caritas-Netzwerk übertragen.

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