Prima di iniziare la carriera musicale, la cantante Anna Rossinelli si occupava di bambini disabili in una casa di cura.
Prima di iniziare la carriera musicale, la cantante Anna Rossinelli si occupava di bambini disabili in una casa di cura.

«Wir dürfen nicht wegschauen»

Caritas-Patenschaftsprojekte Kinder: Interview mit Anna Rossinelli

Als Sängerin erreicht Anna Rossinelli ein grosses Publikum – diese Reichweite nutzt sie, um auf soziale Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen. Im Interview erzählt die 37-jährige Baslerin vom Einfluss ihrer Mutter, von berührenden Begegnungen und prägenden Momenten während ihrer Lehre.

Anna Rossinelli, Sie engagieren sich schon lange für Kinder in Not, etwa als Botschafterin beim SOS-Kinder- dorf oder bei UNICEF. Wieso liegen Ihnen Kinder so am Herzen?

Kinder sind der Anfang von allem. Ich wünschte mir, dass alle eine schöne Kindheit erleben dürfen. Doch die Realität ist leider eine andere. Als Sängerin habe ich die Möglichkeit, meine Stimme für andere zu erheben oder mit meiner Musik die Sorgen für einen Moment vergessen zu lassen. Wenn ich auch nur etwas Kleines bewirken kann, hat sich mein Engagement schon gelohnt.

Zu Ihrem Engagement gehören auch Gratiskonzerte für schwerkranke Kinder. Was lösen solche Begegnungen in Ihnen aus?

Sie sind extrem bewegend. Seit der Geburt meiner Tochter vor zwei Jahren kann ich mir noch besser vorstellen, wie schwer die Situation für die Eltern sein muss. In solch belastenden Momenten kann Musik etwas bewirken: Musik ergreift den Kern des Menschen und löst Emotionen aus. Man darf jubeln, lachen, weinen oder einfach auch mal traurig sein.

«In der Musikbranche sehe ich noch viel Luft nach oben bei der Gleichberechtigung.»Anna rossinelli

Was inspiriert Sie für Ihre Songs?

Ich greife Themen aus dem Alltag auf – Sachen, die ich selbst erlebt habe oder die mich beschäftigen: Beziehungen, Gefühle, Liebe oder das Weltgeschehen. «Together we Stand» handelt beispielsweise vom Krieg in der Ukraine. Ich benenne das Leid und die Verursacher nicht explizit, aber für mich ist das Lied eine Form, um mit dieser Ungerechtigkeit um- zugehen.

Häufig nennen Sie Probleme aber beim Namen – Sie prangern bei- spielsweise immer wieder öffentlich die Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern an. Woher kommt das?

Mein Vater ist früh verstorben, meine Mutter hat mich alleine grossgezogen. Das hat mein Bild von Frauen in der Gesellschaft geprägt. Gerade in der Musikbranche sehe ich hier noch viel Luft nach oben. So stehen Frauen nach wie vor seltener auf der Bühne als Männer. Deshalb mache ich mich zum Beispiel bei Veranstaltungen dafür stark, dass ich eine weibliche Vorband habe. Zudem arbeite ich gezielt mit anderen Frauen zusammen, etwa bei Fotoshootings.

In Interviews werden Sie häufig auf Ihre Rolle als Mutter angesprochen. Nervt das manchmal?

Diese Rolle gehört zu meinem Leben, aber ich möchte nicht darauf reduziert werden.

Dann erlaube ich mir folgende Frage: Wie hat sich Ihr Blick auf Kinderarmut verändert, seit Sie selbst Mutter sind?

Darüber zu hören oder zu lesen, ist für mich noch schlimmer geworden. Ich muss mich manchmal davor schützen, nicht alles aufzusaugen. Gleichzeitig ist es wichtig, dass wir nicht wegschauen, Notlagen ansprechen und tätig werden.

© Sarah Ly

Wie nehmen Sie das Thema notleidende Kinder in der Schweiz wahr?

Wenn man mit offenen Augen durchs Leben geht, wird man schon damit konfrontiert. Dann realisiert man, dass nicht nur in anderen Ländern Kinder in Not leben. Persönlich habe ich das während meiner Lehre erfahren müssen.

Wie das?

Ich habe meine Ausbildung als Fachfrau Betreuung in einem Pflegeheim für Menschen mit Behinderung absolviert. Wir betreuten viele Kinder, die zu Hause vernachlässigt wurden. Ihre Eltern konnten ihnen aus unterschiedlichsten Gründen nicht die Chance bieten, Kind zu sein und ihr Potenzial auszuschöpfen. Das hat mich bedrückt.

Zum Schluss noch eine ganz andere Frage: Was können wir Erwachsene von Kindern lernen?

Puh, da gibt es so viel! Wir sollten unsere kindliche Seite nicht verlieren, die ungefilterte Ehrlichkeit, die Emotionen, das Staunen und Bewundern von allem. Wir Erwachsene müssen aber auch gute Vorbilder sein. Das beginnt mit unserem eigenen Verhalten: Meiner Tochter will ich wichtige Werte nicht erklären müssen, sondern sie vielmehr im Alltag selber vor- leben.

Sängerin mit vielen Talenten

Bereits mit 13 Jahren machte Anna Rossinelli ihre erste Bühnenerfahrung. Seit 2008 ist die Baslerin mit Manuel Meisel und Georg Dillier unterwegs. 2011 nahmen sie am Eurovision Song Contest in Deutschland teil, kurz darauf folgte das erste Album «Bon Voyage» mit einer ausgedehnten Tour. In diesem Jahr steht die Veröffentlichung ihres mittlerweile fünften Albums an.

Weitere Bekanntheit erlangte Anna Rossinelli durch ihre Auftritte im Fernsehen, sei es bei «The Voice of Switzerland», der Schweizer Krimikomödie «Tschugger» oder bei «Sing meinen Song».

Weitere Informationen

Titelbild: Sängerin Anna Rossinelli: Bevor sie die Musik zu ihrem Beruf gemacht hat, betreute sie Kinder mit körperlicher und geistiger Beeinträchtigung in einem Pflegeheim. © Sarah Ly