

Wasser, Reis und Zukunft sichern
In den Dörfern im Nordwesten Kambodschas leben viele Familien vom Reisanbau. Doch die unsichere Wasserversorgung und zunehmende Wetterextreme bedrohen ihre Ernte. Gemeinsam mit einem starken Netzwerk gestalten Bäuerinnen und Bauern ihre Landwirtschaft neu – vom Anbau bis zum Verkauf.
Zwischen Gurken-Ranken und Pak-Choi-Blättern gehen Sophea Phoeurn (48) und ihr Mann Romodol Lin (49) ihrer täglichen Arbeit nach. Vorsichtig pflücken sie das knackige Gemüse, das sie später in der Nachbarschaft verkaufen. Noch vor wenigen Monaten lag hier ein staubiger Acker. Heute gedeiht von Auberginen bis Wassermelonen alles bunt, in Reih und Glied.
«Das neue Wissen über Anbau, Bewässerung und Pflanzenschutz hat uns die Augen geöffnet», sagt Sophea und wischt sich über die Stirn. Seit drei Monaten nehmen sie an den Schulungen des Caritas-Partners East-West Seed Knowledge Transfer teil. Dort lernen sie, Setzlinge selbst zu ziehen, Beete besser vorzubereiten, Schädlinge früh zu erkennen und eine einfache Buchhaltung zu führen. «Die Kurse verändern die Art, wie wir unser Gemüse hegen und pflegen.» Mit den zusätzlichen Einnahmen konnten Sophea und Romodol ihre Schulden abbauen, etwas sparen – und sogar eine neue Idee umsetzen: Romodol züchtet seit Kurzem nebenbei Frösche und Schnecken, um sie zu verkaufen.

Wenn Reis nicht mehr zum Leben reicht
«Früher konnten wir vom Reisanbau leben», sagt die Bäuerin. Dieser war einst das Rückgrat vieler Bauernfamilien im Nordwesten Kambodschas, doch er sichert schon lange kein stabiles Einkommen mehr. Zu unregelmässig fällt Niederschlag, zu oft bedrohen Starkregen oder Schädlinge die Ernte. «Unsere Felder liegen zu weit vom Wasserkanal entfernt», erklärt Sophea weiter. Dieser würde die Bewässerung in der Trockenzeit und damit eine zweite Ernte ermöglichen. «Deshalb pflanzen wir jetzt vermehrt Gemüse – das braucht weniger Wasser.»
«Neben dem Reis bauen wir auch Gemüse an – das benötigt weniger Wasser.»
Viele Bäuerinnen und Bauern müssen gar ihre Dörfer verlassen und in Städten oder in Thailand nach Arbeit suchen. Sie sind oft monatelang getrennt von ihren Kindern und finden sich auch dort in prekären Lebensbedingungen wieder. Das Projekt «Nurture» von Caritas Schweiz und HEKS setzt hier an: Mit effizienter Bewässerung, neuem Wissen und besserem Marktzugang können viele Menschen wieder in ihrer Heimat leben und ein Einkommen erwirtschaften, das zum Leben reicht.
Die Organisationen unterstützen die Gemeinden in vier Provinzen an der Grenze zu Thailand – jeweils dort, wo der Bedarf am grössten ist. Während das Dorf, in dem Sophea und Romodol leben, vor allem auf Gemüse setzt, optimieren Kon Piseth und seine Nachbarschaft den Reisanbau und die Wasserverteilung. Nun steuert dort ein Wasser-Nutzungs-Komitee die Landwirtschaft nach einem festen Kalender. «Früher haben hier alle nach Gutdünken gesät und getränkt», erzählt Kon und schüttelt den Kopf. «Heute planen wir Anbau und Bewässerung gemeinsam und sorgen dafür, dass das Wasser für alle reicht.»
Weniger Kosten, mehr Ernte
Doch selbst wer genug Wasser hat, steht vor den Herausforderungen von stark schwankenden Marktpreisen und hohen Produktionskosten. Um Saatgut und Dünger zu kaufen, nehmen viele Bauernfamilien sogar Kredite auf, die sie selbst nach der Erntezeit kaum zurückzahlen können.

Deshalb setzen die Bäuerinnen und Bauern, die am Projekt teilnehmen, vermehrt auf alternative Methoden: Sie verwenden Asche gegen Schädlinge, pflanzen Nutzhanf, um den Boden zu stärken, und setzen auf organischen Dünger. So senken sie ihre Kosten, während die Qualität der Produkte steigt. «Das Klima verändert sich – die Trockenzeit wird immer länger», fasst Kon nachdenklich zusammen. «Darauf müssen wir uns einstellen.»
Damit die neuen Ideen auch langfristig tragen, braucht es Koordination – Menschen wie Vanchet Sey, die Familien, Behörden und Organisationen in den Dörfern zusammenbringen.
Ein starkes Netzwerk bringt Sicherheit
Wenn Projektkoordinator Vanchet durch die Reisfelder streift, wird er überall gegrüsst. Der 30-Jährige kennt fast jede Familie in den sechs Gemeinden, die er begleitet. Mal sitzt er mit einem Bauern wie Kon unter einem Palmendach, mal verhandelt er im Büro einer lokalen Behörde über die Reparatur eines Wasserkanals. «Meine Aufgabe ist es, Menschen an einen Tisch zu bringen», sagt er. «Nur so finden wir die richtigen Lösungen für die Zukunft.» Er und elf weitere Projektmitarbeitende organisieren die Zusammenarbeit zwischen den Bauernfamilien, Behörden, landwirtschaftlichen Kooperativen und Unternehmen.
«Wenn die Menschen von Anfang an einbezogen werden, wächst ihr Vertrauen.»
So entsteht Schritt für Schritt ein dichtes Netzwerk, das den Bäuerinnen und Bauern Sicherheit gibt. Die Wirkung zeigt sich klar: In mehreren Gemeinden haben Familien ihre Anliegen direkt in die Verwaltung eingebracht. So wurde die jahrelang aufgeschobene Sanierung eines Wasserkanals durch beharrliche Verhandlungen ins offizielle Budget aufgenommen. «Wenn die Menschen von Anfang an einbezogen werden, wächst ihr Vertrauen – und die Ansätze passen wirklich zu ihrem Alltag», versichert Vanchet.
Solarpumpen und Wetterstationen gegen die Unberechenbarkeit
Um sich auch in Zukunft gegen klimatische Veränderungen und unberechenbare Wetterextreme wappnen zu können, testen Vanchet und sein Team mit den Bauernfamilien innovative Lösungen. In Peam pumpt eine Solaranlage der lokalen Firma EGE Cambodia Energy Solutions Wasser aus dem Fluss über einen Kanal auf die Felder. So können die Bäuerinnen und Bauern ihre Reispflanzen auch in Trockenperioden bewässern und eine zweite Ernte pro Jahr erwirtschaften. Einige Dörfer weiter messen drei Wetterstationen neuerdings Werte wie Temperatur und Niederschlag. Sie liefern wertvolle Daten für eine gezieltere Landwirtschaft – ein System, das die Caritas in Tadschikistan bereits erfolgreich nutzt (siehe Box). Vanchet zeigt auf ein Feld mit Cherry-Tomaten: «Hier testen wir, ob die Pflanzen besser gedeihen, wenn wir die Bewässerung auf Basis der Wetterdaten steuern.»

Vom Feld auf den Markt – und nach Europa
Wer vom Gemüse- und Reisanbau gut leben will, muss seine Produkte auch verkaufen können. Darum unterstützt die Caritas lokale Märkte, Start-ups und Kooperativen mit kleinen Beiträgen. Händlerinnen und Händler können dadurch mehr regionale Produkte anbieten und ein Bioladen kann sein Sortiment erweitern. Eine ehrgeizige landwirtschaftliche Kooperative wagt sogar den Schritt nach Europa: Sie schult ihre Mitglieder, um die nötigen Export-Standards zu erfüllen. Der erste Reis hat alle Tests bestanden und hat das Lager bereits Richtung Westen verlassen. Für diese Familien ist das ein Meilenstein: Ihr Reis, aus kleinen Parzellen in Kambodscha, schafft den Sprung auf die Weltmärkte.
Wenn Vanchet von den Erfolgen erzählt, klingt er überzeugt. «Am wichtigsten ist die Nähe zu den Menschen. Wir müssen zuhören, ihre Sorgen ernst nehmen – und dann gemeinsam Zukunftslösungen entwickeln.» Diese Haltung prägt das Projekt: Nicht eine Organisation gibt den Weg vor, sondern ein Netzwerk aus vielen Menschen und Institutionen gestaltet ihn zusammen.
Vor fünf Jahren hat Caritas Schweiz in Zusammenarbeit mit Partnern wie MeteoSchweiz in Tadschikistan einen ausgeklügelten Wetter-Wasser-Klima-Dienst (WWCS) eingeführt. Das Ziel: die Landwirtschaft den veränderten klimatischen Bedingungen anpassen und nach dem Wetter ausrichten.
Heute erfassen dort mehr als 300 Stationen Daten wie Temperatur, Feuchtigkeit, Wind und Bodenklima. Die Bäuerinnen und Bauern erhalten per Nachricht auf ihr Mobiltelefon täglich Empfehlungen für Aussaat, Bewässerung und Ernte sowie Warnungen vor Extremwetter.
Der Erfolg überzeugt. Er soll sich nun in Kambodscha wiederholen: Gemeinsam mit dem Team aus Tadschikistan haben Vanchet und andere lokale Mitarbeitende bereits drei Wetterstationen installiert. Derzeit wird das System auf die tropischen Bedingungen angepasst. So sollen auch hier die Bauernfamilien rechtzeitig mit verlässlichen Informationen versorgt werden – damit sie ihre Ernte schützen und verbessern können.
Weitere Informationen
Titelbild: Das veränderte Klima stellt den wasserintensiven Reisanbau im Norden Kambodschas auf die Probe. Es wird immer schwieriger, davon zu leben – neue Lösungen müssen her. © Nicolas Honoré