Frauenarmut hat strukturelle Ursachen

Der Sozialalmanach der Caritas beleuchtet die Frauenarmut in der Schweiz - Mediendienst 01/2022

Frauen tragen mit ihrer hohen Erwerbsbeteiligung massgeblich zum Wohlstand der Schweiz bei. Doch sie selbst können ihre eigene Existenz oft nicht oder kaum sichern. Um diese geschlechtsspezifische Armut zu bekämpfen braucht es existenzsichernde Arbeitsmodelle, eine Umverteilung der Sorgearbeit sowie ein nachfragedeckendes Kinderbetreuungsangebot. 

Wenn das Bundesamt für Statistik BFS jeweils anfangs des neuen Jahres die neuen Armutszahlen veröffentlicht hält es fest, welche Gruppen seit Jahren am stärksten von Armut betroffen sind: Alleiner­ziehende, Menschen ohne nachobligatorische Bildung, Alleinlebende, Erwerbslose und ausländische Personen. Das Geschlecht wird nur selten thema­tisiert, obwohl deutlich mehr Frauen von Armut betroffen sind als Männer. Frauenarmut hat zwei dominierende Ursachen: die oftmals prekären Arbeitsverhältnisse und deren Folgen für die soziale Absicherung sowie das Ausblenden der unbezahlten Sorgearbeit, die immer noch zum grössten Teil von Frauen geleistet wird.

Prekäre, nicht existenzsichernde Arbeitsbedingungen

Achtzig Prozent der Frauen im erwerbsfähigen Alter in der Schweiz sind berufstätig. Dies ist im internationalen Vergleich ein hoher Wert. Oftmals arbeiten Frauen jedoch in schlecht bezahlten Berufen im Gesundheits- und Sozialwesen, im Verkauf, im Hotel- und Gaststättengewerbe oder in der Reinigung. Gerade während des Lockdowns in der Corona-Krise ist das Paradox sichtbar geworden, dass gerade diese menschenzentrierten Tätigkeiten besonders schlecht abgegolten werden.

Insgesamt erhalten doppelt so viele Frauen wie Männer nur einen Niedriglohn. Mehr als ein Drittel der erwerbstätigen Frauen erhält ein Nettogehalt unter 3000 Franken, was eine zu geringe soziale Absicherung zur Folge hat. Das zeigt sich später darin, dass jede siebte Rentnerin auf Ergänzungsleistungen angewiesen ist. Auf dem flexibler werdenden Arbeitsmarkt werden die Bedingungen immer prekärer: Anstellungen in kleinen Teilzeitpensen, auf Stundenbasis und auf Abruf. Aufgrund solcher Arbeitsbedingungen sind Frauen dreimal häufiger unterbeschäftigt als Männer. Mehr als jede zehnte Frau möchte ihr Pensum erhöhen, um wenigstens ihre Existenzgrundlage zu sichern. Im Falle einer Scheidung, die inzwischen fast jedes zweite Paar betrifft, führt eine schlecht entlöhnte Erwerbssituation direkt in die Armut, denn nun muss das Haushaltseinkommen für zwei Haushalte reichen. Alleinerziehende – in den meisten Fällen die Mütter – sind darum besonders oft arm.

Unbezahlte Sorgearbeit wird ausgeblendet

Spätestens nach der Geburt des ersten Kindes reduzieren vornehmlich die Frauen, deren Lohn oft tiefer ist als jener ihres Partners, ihr Arbeitspensum und verrichten stattdessen umso mehr unbezahlte Haus- und Betreuungsarbeit. So wenden Mütter mit Partner und jüngstem Kind unter 15 Jahren trotz kleiner Fortschritte in der Arbeitsteilung immer noch fast doppelt so viel Zeit für Haus- und Betreuungsarbeit auf wie die Väter (30,2 Stunden gegenüber 17 Stunden). Bei der Kinderbetreuung investieren Mütter rund die Hälfte mehr Zeit als die Väter (22,3 Stunden gegenüber 14,7 Stunden pro Woche). Oft kommt noch die Betreuung älterer Angehöriger dazu, die ihr Leben so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden verbringen möchten.

Eine Studie der Berner Fachhochschule zeigt am Beispiel des Kantons Bern, dass lediglich zwölf Prozent der erwerbstätigen Paare ein egalitäres Doppelversorgermodell praktizieren. Dies liegt auch an einem lückenhaften Angebot an bezahlbaren Kitas und Tagesschulen. Die Kosten für die externe Betreuung von Kindern sind in der Schweiz so hoch wie in keinem anderen OECD-Staat. Mancherorts fehlen finanziell stark subventionierte Plätze für Haushalte mit niedrigen Einkommen. So verwundert es nicht, dass im Schweizer Durchschnitt lediglich knapp vierzig Prozent der Haushalte mit Kindern unter zwölf Jahren eine institutionelle Kinderbetreuung in Anspruch nehmen. Fehlende bezahlbare Betreuungsmöglichkeiten, aber auch Öffnungszeiten, die sich an Bürozeiten orientieren, tragen dazu bei, bestehende sozioökonomische Ungleichheiten zu zementieren. Sie erschweren insbesondere vielen Frauen eine autonome Einkommenssicherung. 

Was ist zu tun?

Prekäre Arbeitsmodelle schaffen Armut und haben keine Zukunft. Lohnarbeit muss existenzsichernd sein. Da die soziale Sicherheit in der Schweiz vorwiegend an die Erwerbstätigkeit gekoppelt ist, muss auch dafür gesorgt werden, dass die Menschen ein Recht auf eine existenzsichernde und würdige Arbeit haben. Dass menschenzentrierte Tätigkeiten wie Pflege und Betreuung viel schlechter abgegolten werden als etwa solche in der Finanzbranche, darf nicht sein.

Ausserdem bedarf es Arbeitsmodelle, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fördern. Die Wirtschaft kann hier eine wichtige Vorreiterrolle übernehmen in der Einführung von Elternzeit und tieferen Wochenarbeitszeiten für Arbeitnehmende mit tieferem Lohn und Betreuungsaufgaben. Dazu muss das Angebot an familienexterner und schulergänzender Kinderbetreuung die Nachfrage decken. Für armutsbetroffene Familien müssen die Angebote kostenlos sein.

Bild: Caritas Schweiz

Sozialalmanach 2022