

Von der katholischen Fürsorge zur Stimme gegen Armut
Was als Wunsch begann, christliche Nächstenliebe besser zu organisieren, wurde in 125 Jahren zu einer sozialpolitischen NGO – mit dem Ziel, armutsbetroffene und geflüchtete Menschen wirksam zu unterstützen.
Dies ist ein Artikel aus unserem Jubiläumsmagazin zum 125-Jahr-Jubiläum der Caritas Schweiz im September 2026.
Er muss in jeder Hinsicht eine Erscheinung gewesen sein: mit «starker Gesundheit, […] einem lebhaften, rasch arbeitenden, übersprudelnden Geiste und einer feurigen energischen Seele». So beschrieb ein Nachruf in der Zeitung «Vaterland» Rufin Steimer – jenen Kapuziner pater, der nach deutschem Vorbild auch in der Schweiz eine Caritas etablieren wollte. Am 23. September 1901 versammelte sich der schweizerische Katholikenverein im Nidwaldner Dorf Beckenried, und Steimer vertrat Punkt sieben der Traktandenliste: die Gründung eines Verbands zur «planmässigen Förderung der christlichen Nächstenliebe».
Steimer, selbst Halbwaise und bekannt als charismatischer Volks-Seelsorger, kannte die Nöte der Menschen. Die Soziale Frage stellte sich immer drängender. Staatliche Strukturen zur sozialen Absicherung gab es kaum. Steimer pochte seit Jahren darauf, dass die katholischen Kreise ihr karitatives Engagement besser koordinierten. An diesem Herbsttag stimmte der Katholikenverein endlich zu – der Schweizerische Caritas
verband war geboren.
Fürsorge, geprägt von Frauen
Rufin Steimer war ohne Zweifel die treibende Kraft bei der Gründung der Caritas. Doch ebenso wichtig waren die unzähligen Frauen, die bereits seit den 1850er Jahren in Erziehungsanstalten, Heimen oder Mütterorganisationen die «Nächstenliebe» gelebt hatten. «Auf welcher Seite das Weib steht, da steht der Sieg!», hiess es denn auch an einer Caritas-Sitzung 1908.
Es waren Frauen, die den Erfolg der ersten eigenen Initiative der Caritas massgeblich mitverantworteten. Um dem Pflege-Notstand auf dem Land entgegenzuwirken, regte Steimer 1903 die Gründung einer Schule für Krankenpflegerinnen in Sarnen an. Geführt wurde sie vom Ärztepaar Julian und Berta Stockmann, später von deren Tochter Dora mit ihren Schwestern. Dora Stockmann setzte sich für die eidgenössische Anerkennung der Schule ein und wurde zur Pionierin des Sozialwesens in Obwalden. Sie baute als erste kantonale Fürsorgerin in allen Gemeinden Anlaufstellen für Menschen in finanzieller Not auf und initiierte weitere Beratungsstellen.
Die Sarner Pflegerinnenschule bildete unter verschiedenen Namen Tausende Pflegerinnen aus, bis sie 2010 in der Spitex Obwalden aufging. Ihre Entstehungsgeschichte zeigt beispielhaft die Caritas-Arbeit im Sozialwesen bis in die späten 60er Jahre. Gemeinsam mit karitativen Werken, engagierten Einzelpersonen, Pfarreien und Zweigstellen – darunter
heutigen regionalen Caritas-Organisationen – setzte sich die Caritas ein für die Versorgung und Beratung von Kindern und Familien, Arbeitslosen, Menschen mit Behinderung, der Bergbevölkerung, Kranken oder Betroffenen von Naturkatastrophen.
Von Anfang an war auch die Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit Teil der Mission der Caritas. Mitarbeitende von Heimen und anderen Institutionen wurden fachlich und bis in die 60er Jahre katholisch weltanschaulich begleitet.
Im Einsatz für Geflüchtete
Ab Mitte der 30er Jahre kam der Caritas eine bis heute zentrale Aufgabe zu. Nach Hitlers Machtergreifung flohen immer mehr Menschen in die Schweiz. Die Caritas verteilte Lebensmittel und Kleiderpakete, organisierte Unterkünfte oder unterstützte Weiterreisen. Für kriegsbetroffene Kinder und Jugendliche organisierte sie «Erholungs-Aufenthalte» in der
Schweiz. 1945 erreichte die Zahl der von der Caritas betreuten Geflüchteten mit 18 000 Personen einen ersten Höchststand – alle waren sie katholisch. Da die Flüchtlingswerke damals konfessionell ausgerichtet waren, unterstützte die Caritas nur «die Ihren».
Auch an anderer Stelle entsprach das damalige Handeln nicht heutigen humanitären Grundsätzen: Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Caritas Mitinitiantin eines Aussiedlungsprojekts für sogenannte «Donauschwaben» nach Brasilien. Ziel war der Aufbau einer landwirtschaftlichen Siedlung in einer ethnisch geschlossenen ungenügend geprüft: Unter den 2446 Beteiligten befanden sich 16 ehemalige Angehörige der Waffen-SS. Zudem wurde die lokale Bevölkerung in Brasilien enteignet. Heute anerkennt die Caritas die Versäumnisse dieser Zeit.
Dies verdeutlicht, wie sich das Verständnis von Flüchtlingshilfe im Laufe der Zeit verändert hat. Seit den 70er Jahren und dem Eintreffen von Menschen aus dem Globalen Süden engagiert sich die Caritas für alle Migrierten – unabhängig ihrer Konfession. Heute prägt sie auch die
Ausgestaltung der schweizerischen Asyl praxis aktiv mit.
Moderne Armutsbekämpfung, hin zur Sozialpolitik
Generell markierten die 70er Jahre den Beginn einer neuen Ära der Inlandarbeit. Mit dem Erstarken des Neoliberalismus, der Globalisierung und verschiedener Emanzipationsbewegungen wurde die Welt eine andere. Die ab 1991 stark ansteigende Arbeitslosigkeit machte die systemische Dimension von Armut sowie strukturelle Ungleichheiten in der Schweiz sichtbarer.
Die Caritas öffnete sich für diese Themen. Statt «barmherziger Hilfe» waren nun Unterstützung auf Augenhöhe und anwaltschaftliches Engagement gefragt. So bot Caritas Schweiz zusammen mit den regionalen Caritas-Organisationen nicht nur Einzelfallhilfe oder Beschäftigungsmöglichkeiten für Arbeitslose. Sie schuf in den 90er Jahren auch neue Angebote zur strukturellen Armutsbekämpfung wie die Caritas-Märkte oder die KulturLegi, welche Selbstbestimmung ermöglichen und fehlende gesellschaftliche Teilhabe als wichtige Dimension von Armut anerkennen.
«Caritas kann nicht soziale Not lindern helfen, ohne sich gleichzeitig um die gesellschaftlichen Verhältnisse zu kümmern, die selber für das Entstehen und Andauern dieser Not verantwortlich sind.»Caritas-Jahresbericht 1977
In den 90er Jahren entwickelte sich die Caritas definitiv zur politisch engagierten NGO.Es gehört zu den wichtigsten Erfolgen dieser Arbeit, dass Armut in der Schweiz heute weniger als individuelles Versagen oder einfaches «Zu-wenig-Geld-Haben» gesehen wird, sondern als strukturelles und gesellschaftliches Problem.
Solidarität mit Menschen in Not – damals wie heute
2021 wurde Dora Stockmann in einer nationalen Ausstellung zum 50-Jahr-Jubiläum des Frauenstimmrechts als eine von über 150 mutigen Frauen gewürdigt. Die Matura-Klasse, die sie für die Ausstellung ausgewählt hatte, beschrieb ihr Engagement so: «Wenn mä ä schwierigi Ziit hed und Hilf bruicht, sett ä Alaifstell für Rat und Tat zur Verfüägig staa.» Dieser Gedanke leitet das Wirken von Caritas Schweiz bis heute.
Titelbild: Caritas-Hilfe nach dem 2. Weltkrieg (undatierte Aufnahme): Mit umfangreichen Materiallieferungen wurden vor allem Menschen in Flüchtlingslagern unterstützt. © Caritas Schweiz