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Strukturelle Hürden in der Erwachsenenbildung

Vier persönliche Geschichten über Bildung, Barrieren und berufliche Umwege

Bildung gilt als Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe und zur Überwindung von Armut – doch gerade für Erwachsene ist der Weg zu Aus- und Weiterbildung oft mit grossen Hürden verbunden. Strukturelle Barrieren wie Zeitmangel, finanzielle Belastungen oder fehlende Anerkennung erschweren den Zugang. Wir haben vier Menschen getroffen, die von ihren persönlichen Erfahrungen berichten.

Adèle ha dovuto affrontare la stigmatizzazione sin dalla maturità – ora, a 44 anni, riesce finalmente a realizzare il suo sogno di studiare.
«Ohne die Offenheit meiner Sozialarbeiterin hätte ich das Studium gar nicht beginnen dürfen. Die Strukturen sind nicht darauf ausgelegt, dass Menschen wie ich studieren. Es will, dass wir schnell arbeiten, egal wie schlecht bezahlt.» Adèle VilligerStudentin und selbstständige Unternehmerin

Ahmed, Martin, Adèle und Monique erzählen ihre Geschichten:

Adèle Villiger ist 44 Jahre alt, alleinerziehende Mutter und Studentin an der Fachhochschule Basel. Sie studiert Gestaltung und Kunst – und muss jeden Franken doppelt umdrehen. «Ich bin mit zahlreichen Hürden aufgewachsen. Aber ich will zeigen, dass trotzdem viel möglich ist.» 

Kurz vor der Matura brach sie die Schule ab. Nicht wegen schlechter Noten, sondern weil die ständige Diskriminierung durch einen Lehrer sie zermürbte. Für ihn war klar: Für eine, wie sie, komme nur der Reinigungssektor infrage. «Diese Erfahrung hat mein Leben geprägt. Erst heute kann ich den Weg nachholen, der mir damals verwehrt wurde.» 

Adèle hatte seit ihrer Matura mit Stigmatisierung zu Kämpfen - jetzt erfüllt sich die 44-Jährige endlich ihren Traum vom Studium. © zVg

Neben dem Studium leitet Adèle die Kooperative «Flexifeen». Doch die Selbstständigkeit rentiert noch zu wenig und die Regeln der Sozialhilfe machen es ihr nicht leichter. Statt ihre Ausbildung zu fördern, zielen die staatlichen Unterstützungsangebote drauf ab, dass sie möglichst rasch erwerbstätig ist. «Ohne die Offenheit meiner Sozialarbeiterin hätte ich das Studium gar nicht beginnen dürfen. Grundsätzlich sind die Strukturen nicht darauf ausgelegt, dass Menschen wie ich studieren. Es will, dass wir schnell arbeiten, egal wie schlecht bezahlt.» 

Adèle, die sich mitten in der Bachelorarbeit befindet, hat einen grossen Wunsch: einen neuen Laptop. «Was mir fehlt, ist kein Ehrgeiz, sondern die richtige finanzielle Unterstützung, damit ich mein Studium erfolgreich beenden kann.» Ihre Geschichte zeigt: Bildungswünsche scheitern oft nicht am Willen, sondern an strukturellen Barrieren. «Es gäbe so viele Menschen mit Potenzial – aber sie haben keinen Platz im System.» 

Plötzlich ging es schnell. Nachdem Martin – der in Wirklichkeit anders heisst – fast zwei Jahrzehnte im Lager einer Transportfirma arbeitete, wurde er entlassen. Das Unternehmen musste Stellen abbauen, und der 38-jährige Familienvater einen Job finden. Für den gelernten Logistiker eine Herausforderung – denn Schreiben und der Umgang mit digitalen Geräten fallen ihm schwer. «Ich arbeite lieber mit den Händen», sagt Martin. Unterstützung und Beratung erhält er in der LernLounge von Caritas Zentralschweiz und dem Schweizerischen Arbeitshilfswerk Zentralschweiz. Hier darf er auch gegen eine Gebühr von einem Schweizer Franken einen Computer nutzen. «Einen eigenen Laptop könnte ich mir jetzt nicht leisten.» 

Die LernLounge unterstützt die Betroffenen bei Bewerbungsprozessen und stellt elektronische Geräte zur Verfügung. © LernLounge

Martin, der seit fast zweijahrzehnten keine Bewerbung mehr scheiben musste, hat ganz grundsätzliche Fragen: «Was muss im Motivationsschreiben stehen? Wie speichere ich das Dokument korrekt ab? Wie reiche ich die Unterlagen online ein?» Fragen, mit denen Martin keineswegs alleine ist – an diesem Nachmittag besuchen rund 20 Personen die LernLounge. 

Martin ist mit seinem Bewerbungsdossier einen Schritt weitergekommen. Er ist froh um die LernLounge. «Meine Frau hat es auch nicht so mit dem Schreiben. Freunde von mir sagten zwar, ich solle ChatGPT nutzen. Aber davon hab’ ich keine Ahnung – ich wüsste gar nicht, wie ich den bedienen soll. Ich komme lieber hierher, wo mich Menschen beraten.» 

Ahmed hat jahrelang Orthopädie und Physiotherapie an einer Universität in der Türkei studiert. In seiner Heimat Afghanistan gehörte er zu den Besten seines Jahrgangs, ein Stipendium ermöglichte ihm das Studium im Ausland. «Ich wollte immer Menschen helfen, das war mein Traum», sagt er. Doch sein Abschlusspraktikum konnte er nicht mehr absolvieren: Seine Familie konnte ihn finanziell nicht länger unterstützen. Und obwohl Ahmed neben dem Studium arbeitete, reichte das Geld irgendwann nicht mehr aus. 

Der 33-jährige Ahmed ist seit Februar 2022 in der Schweiz und arbeitet aktuell im Nachtdienst - obwohl er einen universitären Abschluss aus der Türkei in Orthopädie und Physiotherapie besitzt. © zVg

Nach einem Aufenthalt in der Ukraine floh der heute 33-Jährige im Februar 2022 aufgrund des Krieges in die Schweiz. Heute arbeitet er in einem Asylzentrum der Caritas – nachts und an Wochenenden. Eigentlich möchte er im Gesundheitsbereich tätig sein. Doch das Anerkennungsverfahren für ausländische Ausbildungen ist kostspielig, kompliziert und schwer zugänglich. 

Ahmeds Fall ist kein Einzelfall: Viele Geflüchtete in der Schweiz stehen vor derselben Herausforderung. Oft fehlt es an konkreter Beratung. Zudem mussten viele Menschen auf der Flucht ihre Unterlagen zurücklassen. So auch Ahmed: Seine Diplome blieben in der Ukraine. Neue hat er bei seiner Universität in der Türkei angefordert, doch bis sie in der Schweiz eintreffen, kann es dauern. 

«Ich habe das Wissen und die Motivation,» so Ahmed, «und genug offene Stellen hätte es auch. Bis ich aber meine Anerkennung erhalte, kann es noch Jahre dauern.» 

«Ich war in einer verletzlichen Situation und arbeitete in der Reinigung, in einem sogenannten prekären Arbeitsverhältnis», erzählt Monique Ngo Tonye. Ihr Juradiplom aus Kamerun wird in der Schweiz nicht anerkannt, weshalb ihr nichts anderes übrigblieb. «Eigentlich würde ich lieber mit Menschen arbeiten. Ich kümmere mich gerne um andere», sagt die alleinerziehende Mutter eines zwölfjährigen Sohnes. 

Prekäre Beschäftigungen bedeuten oft grosse Belastung: tiefe Löhne, unsichere Verträge, kaum Perspektiven. Viele Migrantinnen und Migranten arbeiten in solchen Bereichen. 

Mit Unterstützung von Caritas Vaud absolvierte Monique Ngo Tonye eine Ausbildung zur Pflegehelferin – ein sechsmonatiger Kurs, der Theorie und Praxis verbindet. Im April 2023 erhielt sie ihr Zertifikat. Direkt danach wurde sie im Alters- und Pflegeheim in Vevey angestellt, wo sie zuvor bereits ihr Praktikum absolvierte. «Für diesen Beruf braucht es Herz - das gefällt mir sehr», sagt sie.  

Auch Sophie Grangier, Sozialarbeiterin bei Caritas Vaud, bestätigt: «Eine Ausbildung kann einen positiven Kreislauf auslösen und hilft, sich von prekären Arbeitsverhältnissen zu lösen. Sie ermöglicht es auch, einer sinnvollen und erfüllenden Tätigkeit nachzugehen.» Caritas Vaud bietet eine ganzheitliche Unterstützung für Menschen in schwierigen Lebenslagen, von sozialer Begleitung über administrative Hilfe bis hin zu finanzieller Unterstützung. 

Der 33-jährige Ahmed ist seit Februar 2022 in der Schweiz und arbeitet aktuell im Nachtdienst - obwohl er einen universitären Abschluss aus der Türkei in Orthopädie und Physiotherapie besitzt.

Ahmed hat einen universitären Abschluss im Gesundheitsbereich - doch die Anerkennung seiner Ausbildung ist teuer und aufwändig.

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Titelbild: Mit dem Projekt digitale Unterstützung werden nötige Grundkompetenzen erworben, um in der digitale Arbeitswelt bestehen zu können. © Thomas Plain