

Neue Perspektiven für Binnenvertriebene in der Ukraine
Die bereits drei Jahre andauernde Invasion Russlands in der Ukraine hat starke negative Konsequenzen auf die wirtschaftliche Situation der Menschen, von Unternehmen und auf jene des ganzen Landes. Ein neues Projekt der Caritas soll nun den Marktzugang verbessern und die wirtschaftliche Selbstbestimmung der Projektteilnehmenden fördern.
Wie sich das Projekt schon heute ganz konkret auf das Leben von Ukrainerinnen und Ukrainern auswirkt, zeigen die Geschichten von Oleksandr, Wolodymyr und Oksana.
Der Krieg trifft die Wirtschaft schwer. Die ukrainischen Unternehmen - insbesondere kleine und mittelgrosse - haben enorme Verluste erlitten. Manchen ist es aber trotz schwierigster Verhältnisse gelungen, ihr Geschäft nicht nur am Laufen zu halten, sondern es sogar auszubauen. Dazu ist besondere Anpassungsfähigkeit gefragt.
Oleksandr aus Mykolajiv weiss aus Erfahrung, wie wichtig es ist, sich den immer neuen Situationen anzupassen. Fast 20 Jahre lang hat er in seinem Unternehmen Dekorplatten hergestellt - bis zum Jahr 2022. Da wurde seine Heimatstadt Mykolajiv unter Beschuss genommen. Wie sollte er unter den ständigen Bombardements sein Geschäft weiterführen? Er sah keine andere Möglichkeit als die Stadt zu verlasssen.
Oleksandr und seine Familie liessen sich im Oblast Lwiw nieder, im Westen der Ukraine. Die Region wurde seltener angegriffen. Der Handwerker entschied sich, dort eine neue Produktionsstädte aufzubauen. Er suchte Räumlichkeiten, mietete sie an, transportierte das Material und machte sich an die Personalsuche. «Aber», erinnert er sich, «anfangs hatte ich kein Geld um Mitarbeitende zu bezahlen. So stellte ich mich selbst wieder an die Maschinen.»
Oleksandr erfuhr, dass Unternehmer wie er, die wegen des Krieges ihren Produktionsstandort verlegen mussten, bei der Caritas in Lviv einen Förderantrag stellen konnten. Über das Projekt ELIS (ein Vorprojekt von REMARKET) erhielt er finanzielle Unterstützung. So konnte er fünf Personen einstellen und wirtschaftlich wieder auf die Füsse kommen. Oleksander hat den Mut in dieser erdrückenden Situation nicht verloren. Mit Hilfe der Caritas konnte er nicht nur sich und seiner Familie ein gesichertes Einkommen verschaffen, sondern auch seinen neuen Mitarbeitenden.

Als er sein eigenes Unternehmen im Jahr 2007 in Mariupol gründete, war Wolodymyr kaum 20 Jahre alt. Seine Liebe zum Kaffee war zwar schon lange geweckt, doch dass daraus Mal eine Kaffeehauskette entstehen würde, konnte der junge Ukrainer damals noch nicht erahnen.
Die Leidenschaft zur braunen Bohne war stark und bewog ihn dazu, mutig erste Schritte als Unternehmer zu wagen: «Ich kaufte mir mit meinen Ersparnissen eine einfache Kaffeemaschine und absolvierte voller Neugierde die Ausbildung zum Barista», so Wolodymyr. Der Start in die Selbständigkeit war für den Ukrainer aber nicht leicht. Nur dank harter Arbeit und minutiöser Planung über mehr als zehn Jahre hinweg, entstand Schritt für Schritt ein immer grösseres Unternehmen. «Kurz vor der Invasion führte ich in Mariupol eine ganze Kaffeehauskette», erzählt er stolz und wehmütig.
Dann kam das Jahr 2022, das für Wolodymyr und seine Familie alles veränderte. Vom einen auf den anderen Tag waren sie, wie Millionen Menschen in der Ukraine, gezwungen, alles aufzugeben. Die Familie verliess Mariupol und rettete sich aus dem Kriegsgebiet nach Dnipro, wo sie ein neues Zuhause fanden.
Vor ein paar Monaten entschied sich Wolodymyr schliesslich, sein Unternehmen in Dnipro neu zu gründen. Gemeinsam mit seiner Ehefrau möchte er an den Erfolg in Mariupol anknüpfen und die Kaffeehauskette auch hier wieder aufbauen. Als Arbeitgeber kooperiert er bereits heute mit Caritas Donetsk in Dnipro und freut sich darauf, die gute Zusammenarbeit weiter auszubauen.

Oksana hat das Tortenbacken im Blut. Schon ihre Mutter war Konditorin und sie liebten es, miteinander in der Backstube zu stehen. Später bot Oksana mit der Caritas in Kolomyja Backkurse für bedürftige Kinder an. «Die Mädchen und Buben lernten, Kuchen herzustellen und gleichzeitig konnte ich sie bei ihren Problemen unterstützen», erklärt Oksana.
Während der Zusammenarbeit mit der Caritas erfuhr sie vom Projekt ELIS (einem Vorprojekt von REMARKET). Darüber erhielt sie finanzielle Unterstützung und konnte vier Personen einstellen. Es war der Beginn ihres eigenen kleinen Unternehmens. «Wenn man nicht alleine arbeitet, sondern sich auf ein Team verlassen kann, wird alles einfacher», schildert die zufriedene Unternehmerin.
Die Zusammenarbeit mit der Caritas hörte da aber noch nicht auf. Sie bewarb sich um einen weiteren Kredit. Damit hat die mutige Unternehmerin Räume angemietet und ausgebaut, ihr Produktspektrum erweitert und weitere Personen angestellt. Alle in ihrem Dorf kennen die Bäckerin und ihre kleine Firma. Mitten im Krieg ermöglicht Sie ihren Mitarbeiterinnen ein sicheres Einkommen und schenkt ihnen und ihren Familien Hoffnung.

Dem Projekt zugrunde liegen umfassende Analysen verschiedener Wirtschaftszweige, die unser Team in der Ukraine gemeinsam mit der niederländischen Nonprofit-Organisation SPARK durchführt: Welche Märkte haben in der Ukraine das grösste Wachstumspotenzial? Wie kann dieses Potenzial genutzt werden? Und in welcher Branche herrscht Personalmangel? Antworten auf diese Fragen und weitere helfen uns dabei, die Massnahmen zielgenau auszurichten.
- Unternehmerinnen und Unternehmern werden in Form von Lohnzuschüssen während drei Monaten finanziell unterstützt und entlastet.
- Verschiedene Aktivitäten tragen dazu bei, neue Berufsleute für die identifizierten Branchen auszubilden und zu qualifizieren.
- Dank massgeschneiderten Darlehen für Binnenvertriebene, Rückkehrende und die Aufnahmegemeinschaften wird die Finanzierung von Klein- und Mittelunternehmen (KMU) verbessert.
- Durch das Einschiessen neuer finanzieller Mittel werden Marktaktivitäten in den ausgewählten Branchen gefördert.
- Gemeinsam mit SPARK und ukrainischen Banken planen wir ein neues, innovatives Finanzinstrument.
Durch die Kombination der verschiedenen Aspekte und Perspektiven können wir nachhaltige positive Veränderungen auf dem ukrainischen Arbeitsmarkt anstossen, Unternehmen stärken und zur wirtschaftlichen Stabilität des Landes beitragen.
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Titelbild: Einblick in das Projekt REMARKET in der Ukraine, Bäckerin Oksana erhält Unterstützung © Caritas Ukraine