

Internationale Zusammenarbeit: kurzfristiges und langfristiges Engagement wirken zusammen
Krisen sind heute komplexer, langwieriger und stärker miteinander verflochten. Klimawandel, bewaffnete Konflikte und Ressourcenknappheit verstärken sich gegenseitig. Der Bundesrat will in diesem Kontext die Internationale Zusammenarbeit noch stärker auf kurzfristige humanitäre Interventionen fokussieren. Dafür will er öffentliche Gelder für die langfristige Entwicklungszusammenarbeit streichen. Caritas Schweiz beunruhigt diese Neuausrichtung. Gerade die jüngsten Erdbeben in Venezuela zeigen, wie wichtig ein Zusammenspiel von humanitären Interventionen mit einem längerfristigen Engagement ist.
Im Vergleich zur humanitären Hilfe wird die Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit und Friedensförderung häufig unterschätzt. Dabei zeigen Erfahrungen und Studien, dass gerade das Zusammenspiel all dieser Instrumente entscheidend dazu beiträgt, Armut nachhaltig zu reduzieren, Resilienz zu stärken und die Voraussetzungen für Stabilität zu schaffen. Trotzdem möchte der Bund mit der IZA-Strategie von 2029 bis 2032 Mittel aus der Entwicklungszusammenarbeit in die humanitäre Hilfe umleiten. Konkret sollen bei den langfristigen Projekten ab 2029 jährlich rund 300 Millionen Franken eingespart werden.
Der Bundesrat gibt vor, dass es sich bei dieser Priorisierung der humanitären Hilfe lediglich um eine Mittelverschiebung handelt. Tatsächlich steht dahinter aber die Absicht, die Gelder für die Internationale Zusammenarbeit insgesamt zu kürzen. Weil in der Vergangenheit das Budget für die humanitäre Hilfe nicht ausgereicht hat, um auf anhaltende oder neu auftretende Krisen zu reagieren, hat das Parlament mehrmals humanitäre Nachtragskredite bewilligt. Damit soll in Zukunft Schluss sein. Bei neuauftretenden Krisen wird die Schweiz somit keine zusätzlichen Gelder zur Verfügung stellen.
Die Erfahrung der Caritas im Umgang mit Mehrfachkrisen
Caritas Schweiz kritisiert diesen Entscheid. Gemeinsam mit anderen Organisationen fordert sie, dass in der IZA Strategie stattdessen integrierte Ansätze gestärkt und die notwendige finanzielle Flexibilität geschaffen werden sollte, damit humanitäre Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit und Friedensförderung wirksam zusammenspielen können.
Die Erfahrungen von Caritas zeigen, dass Krisen in vielen Ländern so dauerhaft und vielschichtig sind, dass humanitäre Interventionen und langfristige Entwicklungsprojekte parallel stattfinden müssen. Nur so lassen sich Grundbedürfnisse decken und gleichzeitig Zukunftsperspektiven schaffen. Zusätzlich ist eine gezielte Friedensförderung notwendig, um den sozialen Zusammenhalt zu stärken und somit Konflikte einzudämmen und zu vermeiden.

«Wer die Bedürfnisse armutsbetroffener und vulnerabler Menschen ins Zentrum stellen will, darf den Fokus nicht auf kurzfristige Nothilfe verengen. Auch die strukturellen Ursachen von Armut müssen angegangen werden.»Martina WeberLeiterin Bereich Internationale Zusammenarbeit der Caritas Schweiz
Der sogenannte Triple Nexus-Ansatz – die Verbindung von humanitärer Hilfe, bilateraler Entwicklungszusammenarbeit und Friedensförderung – setzt genau hier an. Er zielt darauf ab, akute Bedürfnisse zu decken und gleichzeitig jene Systeme zu stärken, die Menschen langfristig tragen: sozialer Zusammenhalt, wirtschaftliche Perspektiven und friedensfördernde Strukturen. Caritas Schweiz arbeitet eng mit lokalen Akteuren zusammen. So entstehen Projektstrukturen, die in den örtlichen Realitäten und Prioritäten verankert sind und auch nach Projektende vor Ort weitergeführt werden.
Ein Blick nach Venezuela
Auch bei Naturereignissen wie den verheerenden Erdbeben in Venezuela ist ein längerfristiges Engagement unerlässlich. Sauberes Wasser, Nahrung, Zelte und psychosoziale Unterstützung sind dringend nötig, reichen aber nicht aus. Das Erdbeben hat vielerorts bestehende Verwundbarkeiten weiter verschärft.

«Es braucht längerfristige Partnerschaften der Entwicklungszusammenarbeit in Kontexten wie Venezuela, um die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung zu stärken und sie auf Extremereignisse vorzubereiten – beziehungsweise zu verhindern, dass die bereits hohe Armutsbetroffenheit durch solche Ereignisse noch prekärer wird. Lebensgrundlagen müssen gestärkt und Arbeitsmöglichkeiten geschaffen und erhalten werden. Dafür greift die humanitäre Hilfe alleine zu kurz.»Rafael FilligerProgrammdirektor Venezuela der Caritas Schweiz
Im April 2026 wies die DEZA darauf hin, dass in Kontexten wie Venezuela kaum Anzeichen einer raschen Verbesserung der Armutsbetroffenheit bestehen. Deshalb seien Strategien notwendig, die nicht auf humanitäre Hilfe, sondern auf Prävention, Vorbereitung und Widerstandsfähigkeit fokussieren. Der Schweizer Kooperationschef der DEZA in Venezuela, Beat von Däniken, lobte noch im September 2025 die Rolle der Schweiz als zuverlässige Partnerin. Trotzdem will sich die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit nun aus ganz Lateinamerika zurückziehen, wie der Bundesrat mit seinen Plänen für die IZA-Strategie von 2029 bis 2032 angekündigt hat.
Caritas kritisiert diesen widersprüchlichen Entscheid. Denn die aktuelle humanitäre Notlage in Venezuela zeigt exemplarisch, dass es nun nicht nur Symptombekämpfung braucht, um die dringendsten Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, sondern auch langfristige Projekte, um ihre Resilienz zu stärken und sie auf zukünftige Naturereignisse und andere Krisen besser vorzubereiten.
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Titelbild: Épaulée par des bénévoles, Caritas Venezuela apporte des secours d’urgence aux victimes des récents tremblements de terre. © Caritas Venezuela