«Inside Caritas» mit Pauline Savelieff, Sozialarbeiterin bei Caritas Genf

«Es kommt zu sehr schönen Begegnungen zwischen den Gastfamilien und ukrainischen Geflüchteten.»

Pauline Savelieff begleitet Familien im Kanton Genf, die Geflüchtete aus der Ukraine zuhause aufgenommen haben. «Es kommt zu schönen Begegnungen. Etwas Starkes geschieht zwischen den Gastfamilien und den Geflüchteten», sagt sie. Die Sozialarbeiterin von Caritas Genf unterstützt die Familien, welche die Türen zu ihrem Zuhause so grosszügig öffnen, und beantwortet Fragen, die auf beiden Seiten aufkommen.

 

Pauline, worin besteht deine Aufgabe?

Ich stehe Familien im Kanton Genf zur Seite, die bereit sind, vor dem Krieg geflüchtete Menschen aus der Ukraine zu beherbergen. Ich besuche sie, beantworte ihre Fragen und spreche mit ihnen über ihre Erwartungen. Und auch für die Geflüchteten bin ich Ansprechpartnerin für alle Fragen. 

Gerade bei den Behördengängen gibt es sehr viel Klärungsbedarf. Die Gastfamilien leisten hier eine enorme Arbeit und übernehmen zumindest anfangs auch einen Grossteil der Kosten für Nahrungsmittel und Hygieneartikel.  Sie haben dafür Anspruch auf eine pauschale monatliche Entschädigung von 250 Franken. Sobald die Sozialhilfe greift, können die Flüchtlingsfamilien finanziell einigermassen auf eigenen Füssen stehen.  Ich erkläre den Neuankömmlingen auch, dass medizinische Kosten übernommen werden und dass sie einen Termin vereinbaren können, um Unterstützung zu erhalten, wenn sie nach all dem Erlebten körperliche oder psychischen Schwierigkeiten haben. Manchmal muss man Vorurteile abbauen und gegen festgefahrene Vorstellungen ankämpfen, gerade wenn es um psychologische Hilfe geht. Andere Fragen drehen sich um Dinge wie Sprachkurse oder den Schulunterricht der Kinder. 

 

Und es gilt, die gegenseitigen Erwartungen in Einklang zu bringen…

Genau. Ein Vertrag über das Zusammenleben hilft, die Dinge zu klären. Ein solcher Vertrag legt fest, wie lange man unter einem gemeinsamen Dach lebt und was den Geflüchteten zur Verfügung gestellt wird. In jedem Fall hilft es, sich im persönlichen Gespräch über die gegenseitigen Erwartungen auszutauschen: wann wird gegessen, wer kocht wann. Wir versuchen auch zu klären, ob die Gäste ihre Sachen und ihre Nahrungsmittel an einem Ort verstauen können. Wir prüfen ausserdem, ob die Unterkunft angemessen ist und den Mindest­anforderungen entspricht. Wie ist zum Beispiel der Zugang zu Toiletten und Badezimmer? Hat die Wohnung oder das Haus genug Zimmer? Und wir verlangen, dass kein Mitglied der Gastfamilie vorbestraft ist. Damit soll Missbrauch vorgebeugt werden. Bei unseren Besuchen geben wir den Geflüchteten auch einen Flyer mit einer kostenlosen Telefonnummer, falls es beispielsweise Hinweise auf Menschenhandel geben würde. 

 


Welches Fazit kannst du nach diesen ersten Wochen ziehen? 

Die Gastfamilien sind sehr engagiert und leisten enorme Unterstützung. In den meisten Fällen bieten sie beeindruckend gute Unterbringungsbedingungen. Wir erhalten oft die Rückmeldung, dass die Resilienz und Kraft, mit der sich ihre Gäste an die neue Situation anpassen, erstaunlich seien. In der Regel stehen die Geflüchteten relativ schnell auf eigenen Füssen. Mit ein Grund ist sicher, dass die meisten über ein hohes Bildungsniveau verfügen. In der Ukraine arbeiteten sie als Ingenieurinnen und Ingenieure, Anwältinnen und Anwälte, als Lehrpersonen, manche führten sogar ein Unternehmen. 

Ich würde sagen, dass in 90% der Fälle alles gut läuft. Natürlich kann es auch zu Schwierigkeiten kommen. Auch dann stehen wir Familien und Flüchtlingen mit Rat und Tat zur Seite. Manchmal führen die Sprachbarrieren zu Missverständnissen. Oder unterschiedliche Erwartungen.

Die Bedürfnisse sind sehr verschieden. So brauchen manche Menschen zum Beispiel Ruhe und Erholung nach dem Erlebten, andere dagegen lechzen regelrecht danach, aktiv zu werden und etwas zu tun. Eine Mediation kann helfen, die Herausforderungen klar zu benennen und auf dieser Grundlage einen Konsens zu bilden. Bei schwerwiegenderen Problemen können wir die Geflüchteten umplatzieren, natürlich nur, wenn es noch «freie» Gastfamilien gibt. Flüchtlinge, deren Aufnahme die Gastfamilien aufgrund ihrer besonders schwierigen Situation überfordern könnte, werden in einer Gemeinschaftsunterkunft untergebracht.
 

Wie empfindest du persönlich diese Erfahrungen? 

Es bereichert mich sehr, diese Begegnungen miterleben zu dürfen. Zwischen den aufnehmenden Familien und ihren Gästen passiert oft etwas sehr Starkes. Die gelebte Solidarität der Gastfamilien berührt mich zutiefst. Ich beobachte, dass die Geflüchteten sehr selbstbeherrscht auftreten und nur wenig Gefühle zeigen. Doch manchmal hat sich bereits ein starkes Vertrauensverhältnis zu den Gastfamilien entwickelt. In solchen Fällen sprechen sie über ihr Leid und ihre Trauer und zeigen zumindest ansatzweise auch ihre Gefühle. Das Mitgefühl der Gastfamilien ist sehr wertvoll. Doch sie haben keinerlei Ausbildung im Umgang mit posttraumatischen Belastungsstörungen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass sie die Unterstützungsangebote kennen, die gerade bei solchen Aspekten in Anspruch genommen werden können.  

 

 

  

 

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