

Halt in haltlosen Zeiten
Die Welt fühlt sich für viele Menschen haltlos an. Kriege, die Klimakrise und wachsende Spannungen erschüttern das Vertrauen in eine sichere Zukunft und in eine gerechte, stabile globale Ordnung. Gemeinsame Lösungen scheinen in weite Ferne zu rücken. Immer häufiger setzt sich das Recht des Stärkeren durch.
Doch Halt entsteht nicht von selbst. Er wächst dort, wo Menschen füreinander einstehen, Verantwortung übernehmen und gemeinsam Perspektiven schaffen. Genau das tun Entwicklungsorganisationen weltweit – gemeinsam mit ihren Partnerinnen und Partner sowie Millionen engagierter Menschen. Davon profitieren auch wir in der Schweiz. Denn unser Wohlstand und unsere Sicherheit hängen von einer stabilen, friedlichen und solidarischen Welt ab.
Was das mit uns zu tun hat? Viel. Als vernetzter Kleinstaat ist die Schweiz auf stabile globale Verhältnisse angewiesen. Und auf eine internationale Gemeinschaft, die gemeinsam Verantwortung trägt. Genau dafür stehen die Schweizer Hilfswerke ein.
Unter dem Motto «Halt in haltlosen Zeiten» stehen über 40 Schweizer Hilfswerke zusammen und zeigen auf, dass ihre Arbeit jetzt wichtiger ist denn je. Gemeinsam stärken sie Gemeinschaften, schaffen konkrete Lösungen und zeigen: Viele kleine Beiträge können Grosses bewegen.
Denn eine gerechte und lebenswerte Welt entsteht nicht von oben – sie wird von vielen Menschen gemeinsam von unten aufgebaut. So entsteht Halt – und mit ihm die Grundlage für eine friedliche und sichere Zukunft für uns alle.
Haltlose Zeiten
In Zeiten grosser geopolitischer Verwerfungen, erstarkender autoritärer Tendenzen und einer zunehmend entfesselten globalen Wirtschaft geraten gewachsene Strukturen ins Wanken. Verlässliche internationale Institutionen und Regeln verlieren an Durchsetzungskraft. Machthabende schaffen Tatsachen, während Verstösse gegen das Völkerrecht und grundlegende humanitäre Prinzipien mehrheitlich folgenlos bleiben. Immer häufiger scheint nur noch das Recht des Stärkeren zu gelten. Unsicherheit und Zukunftssorgen nehmen zu.
In den vergangenen Jahren hat die Gewalt weltweit deutlich zugenommen. Bewaffnete Konflikte mit staatlicher Beteiligung erreichten 2025 den höchsten Stand seit 1946, auch zwischenstaatliche Konflikte nahmen seit 2023 stark zu. Die Kriege in der Ukraine, in Gaza oder im Sudan zeigen, dass gleichzeitig auch die Intensität der Konflikte und die gezielte Gewalt gegen Zivilistinnen und Zivilisten zunimmt. Diese wachsende Instabilität führte dazu, dass Ende 2025 fast 118 Millionen Menschen gewaltsam vertrieben waren.
Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, die infolge von Konflikten, Menschenrechtsverletzungen und dem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung alles verlieren: ihre Lebensgrundlagen, ihre Sicherheit und ihre Zukunftsperspektiven.
Im Kampf gegen die Klimakrise zeigt sich, wie sehr die globale Handlungsfähigkeit erodiert. Die wissenschaftlichen Warnungen sind eindeutig, die Folgen längst sichtbar: Dürren, Überschwemmungen oder Hitzewellen zerstören auf der ganzen Welt Lebensgrundlagen. Dennoch bleibt die politische Antwort weit hinter den notwendigen Massnahmen zurück. Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen steuert die Welt mit der derzeitigen Politik weiterhin auf bis zu 2,8 Grad Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts zu.
Gleichzeitig werden Klimamassnahmen in vielen Ländern verzögert, abgeschwächt oder innenpolitisch bekämpft, während die Interessen der fossilen Energiewirtschaft wieder an Macht gewinnen.
Auch die Regeln, die Menschen schützen sollen, verlieren an Kraft. In 68 Prozent der 143 untersuchten Länder verschlechterte sich 2025 die Rechtsstaatlichkeit. Gleichzeitig wird das humanitäre Völkerrecht in bewaffneten Konflikten immer häufiger missachtet oder nicht durchgesetzt. Zivilpersonen werden nicht ausreichend geschützt, Hilfslieferungen blockiert, zivile Infrastruktur zerstört und humanitäre Helfer:innen angegriffen. Verstösse gegen das Völkerrecht und grundlegende humanitäre Prinzipien bleiben immer häufiger folgenlos – sei es in der Ukraine, in Gaza oder im Sudan. Oft kann sich die Staatengemeinschaft nicht einmal mehr zu einer Verurteilung durchringen.
Diese Entwicklung verweist auch auf eine tiefe Krise der internationalen Ordnung, die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut wurde, um Konflikte zu moderieren, gemeinsame Regeln durchzusetzen und Herausforderungen zu bewältigen. Jetzt, wo diese Herausforderungen grösser werden, zeigt sich, wie zahnlos viele Institutionen geworden sind.
Gerade jetzt, wo die globalen Herausforderungen grösser werden, geraten auch die Fundamente humanitärer Hilfe und der Entwicklungszusammenarbeit unter Druck – durch geopolitische Verschiebungen, Budgetkürzungen und schrumpfende staatliche Mittel. Die zweite Trump-Regierung hat kurz nach Amtsantritt drastische Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit beschlossen und auch andere Geberländer fahren ihre Beiträge deutlich zurück. Die sogenannte «Official Development Assistance» (ODA) – also öffentliche Mittel von Staaten oder staatlichen Institutionen für Entwicklungszusammenarbeit – schrumpfte 2025 laut OECD um über 23 Prozent.
Die Schweiz bildet hier keine Ausnahme. Bereits heute ist sie weit vom vereinbarten 0,7-Prozent-Ziel entfernt und in allen aktuellen Spardebatten gehört die internationale Zusammenarbeit zu den grossen Verliererinnen.
Die Folgen sind gravierend: Hilfsprogramme müssen eingeschränkt werden und Partnerorganisationen verlieren Planungssicherheit. Auch zahlreiche UN-Organisationen sind nicht mehr ausreichend finanziert.

Wo Halt entsteht
Wenn grosse Systeme versagen, beginnt Veränderung oft im Kleinen. Dort, wo politische Lösungen ausbleiben und staatliche Akteure und Akteurinnen an ihre Grenzen stossen oder sich gänzlich zurückziehen, schaffen lokale Initiativen und zivilgesellschaftliche Organisationen Räume des Handelns.

Gemeinsam für eine gerechte Welt
Ihre Stärke liegt in der Nähe zu den Menschen: Diese wissen, was ihre Gemeinschaften brauchen und welche Lösungen tragfähig sind. In Zusammenarbeit mit Hilfswerken entstehen daraus konkrete Projekte, die gemeinsam geplant und umgesetzt werden. Lokales Wissen wird gestärkt und Verantwortung geteilt.
Zivilgesellschaftliche Organisationen leisten unverzichtbare Hilfe, stärken lokale Gemeinschaften oder schaffen Räume, in denen Menschen ihre Rechte einfordern und gesellschaftlichen Wandel vorantreiben können. Die Schweizer Hilfswerke sind Teil dieses grossen zivilgesellschaftlichen Netzwerks. Gemeinsam erreichen sie jedes Jahr Millionen von Menschen. Caritas Schweiz allein arbeitete 2025 in 24 Ländern weltweit und führte 79 Projekte.
Aus vielen kleinen Initiativen entstehen so Zukunft und Stabilität von unten – lokal verankert und getragen von internationaler Zusammenarbeit. Wie stark solche Ansätze wirken können, zeigt sich in vielen unterschiedlichen Caritas-Projekten weltweit. In Venezuela, Äthiopien, im Nahen Osten und an vielen anderen Orten.
Und obwohl diese Regionen weit weg scheinen, ist die dortige Förderung von Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechten und demokratischen Prinzipien auch im Interesse der Schweiz. Denn unser Wohlstand, unsere Sicherheit und unser gesellschaftlicher Zusammenhalt hängen davon ab, ob Menschen weltweit in Würde leben, ihre Rechte wahrnehmen und Perspektiven entwickeln können.
Eine gerechte und lebenswerte Zukunft bleibt möglich. Vorausgesetzt, wir investieren in sie. Mit Engagement, Verlässlichkeit und einem klaren Bekenntnis zur internationalen Zusammenarbeit.

Titelbild: Folgen der verheerenden Überschwemmungen in Valencia 2024 © Pablo Blazquez Dominguez/Getty Images