Die schweizerische Caritas verteilt nach dem Zweiten Weltkrieg in Mainz über 980'000 Essensportionen an kriegsversehrte und ältere Menschen.
Die schweizerische Caritas verteilt nach dem Zweiten Weltkrieg in Mainz über 980'000 Essensportionen an kriegsversehrte und ältere Menschen.

Geschichte von Caritas Schweiz

Die wichtigsten Ereignisse seit der Gründung 1901

Am 23. September 1901 wird an der Versammlung des schweizerischen Katholikenvereins ein Verband zur «planmässigen Förderung der christlichen Nächstenliebe» gegründet: die Caritas. Treibende Kraft war der Kapuzinerpater Rufin Steimer. Doch ebenso wichtig waren die unzähligen Frauen, die bereits seit den 1850er-Jahren in Erziehungsanstalten, Heimen oder Mütterorganisationen die «Nächstenliebe» gelebt hatten – etwa die Obwaldner Fürsorgerin Dora Stockmann.

Die Not während des Ersten Weltkriegs verlangt nach mehr Koordination. 1919 entsteht mit der Caritas-Zentrale in Luzern die erste Geschäftsstelle. Trotz Geld- und Personalmangel organisiert die Caritas Hilfe im In- und Ausland. Einen Fokus richtet sie auf Unterstützung für Kinder. Ausserdem legt sie die Basis für regionale Sektionen. 1946 zieht die Caritas an die Löwenstrasse (Bild), 2014 an den heutigen Sitz an der Adligenswilerstrasse, beides in Luzern.

Im Zweiten Weltkrieg wird die Unterstützung katholischer Geflüchteter in der Schweiz zu einer zentralen Aufgabe der Caritas. Im Frühjahr 1945 erreicht sie mit 18'000 betreuten Menschen mehr denn je zuvor. Das damalige Engagement ist der Ausgangspunkt für die heutige Arbeit der Caritas im Asylbereich.

In der Geschichte von Caritas Schweiz gibt es Kapitel, die heute kritisch betrachtet werden müssen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Caritas an einem Projekt beteiligt, bei dem sogenannte «Donauschwaben» aus Europa nach Brasilien umgesiedelt wurden. Ziel war der Aufbau einer landwirtschaftlichen Siedlung in einer ethnisch geschlossenen Gruppe.

Das Projekt wurde von mehreren Schweizer Hilfsorganisationen im Rahmen der damaligen Schweizer Europahilfe getragen und vom Bund genehmigt sowie finanziell unterstützt. Dabei wurden zentrale humanitäre Grundsätze verletzt. Die Auswahl der Siedler wurde ungenügend geprüft: Unter den 2’446 Beteiligten befanden sich auch 16 ehemalige Angehörige der Waffen-SS. Zudem wurde die lokale Bevölkerung in Brasilien enteignet, um Land für die Siedlung bereitzustellen.

Die historische Analyse zeigt: Das ganze Projekt war sowohl bei den beteiligten Eliten in der Schweiz wie in Brasilien von völkischen und kolonialen Überzeugungen geleitet. Den eigentlichen Opfern der NS-Kriegsverbrechen in Europa, vorab den Jüdinnen und Juden, kam hingegen keine Hilfe zu. Die damalige Caritas übernahm eine wichtige Rolle bei der Initiierung. Heute anerkennt sie die Fehler und Versäumnisse dieser Zeit und stellt sich ihrer historischen Verantwortung.

1965/66 leistet die Caritas erstmals in grossem Umfang Hilfe im Ausland. Die 1960 gegründete Abteilung für Not- und Katastrophenhilfe liefert gemeinsam mit dem Fastenopfer Lebensmittel und Medikamente nach Indien. Zugleich entstehen Bewässerungs- und Landwirtschaftsprojekte.

Zwischen 1967 und 1970 flogen kirchliche Organisationen tonnenweise Hilfsgüternach Biafra, das vom nigerianischen Militär abgeschnürt worden war. Dies rettete Hunderttausende von Menschen vor dem Tod. Die umfangreiche und komplexe Hilfe war eine neue Dimension für die Auslandarbeit der Caritas. Bis dahin beschränkte sich diese vor allem auf Wiederaufbauhilfe und Unterstützung von katholischen Vertriebenen im kriegszerstörten Europa. Biafra brachte die bisherige Organisationsstruktur an ihre Grenzen und machte eine Professionalisierung des internationalen Engagements unumgänglich.

Nach schweren Unwettern im Kanton Uri organisiert die Caritas 1977 einen Einsatz mit über 1'000 Helferinnen und Helfern für die Menschen in den betroffenen Bergregionen. Daraus entsteht mit dem Caritas-Bergeinsatz ein dauerhaftes Angebot. Heute vermittelt Caritas Schweiz jedes Jahr mehrere hundert Freiwillige, die Bergbauernfamilien in ihrem arbeitsintensiven Alltag unterstützen.

Während der Hungersnot in Äthiopien beteiligt sich die Caritas 1983/84 nicht nur an der Lebensmittelhilfe. Gemeinsam mit der Bevölkerung entstehen Projekte zum Schutz von Wasser und Böden. Damit ist ein wichtiger Schritt hin zu einer nachhaltigen Entwicklungszusammenarbeit getan. Sie prägt Caritas Schweiz bis heute.

Das Engagement im ehemaligen Jugoslawien nimmt in den 1990er-Jahren einen wichtigen Stellenwert für die Caritas ein. Die Organisation leistet Nothilfe in den betroffenen Gebieten und unterstützt Geflüchtete in der Schweiz sowie in Flüchtlingslagern vor Ort. Nach Kriegsende beteiligt sie sich am Wiederaufbau, unter anderem durch den Bau neuer Häuser.

Am Anfang stand eine so simple wie überzeugende Idee: überschüssige Lebensmittel der Grossverteiler an armutsbetroffene Menschen zu vermitteln. Bevor Caritas Basel 1992 den ersten Caritas-Markt – noch unter dem Namen «Carisatt» – öffnen konnte, war Überzeugungsarbeit bei den Detailhändlern nötig.

Aber bald durften die Caritas-Mitarbeitenden regelmässig Waren abholen, Brot bei der Bäckerin, Gemüse beim Grossisten. Der Basler Markt übertraf rasch die Umsatzziele, weitere regionale Caritas-Organisationen öffneten Märkte.

Selbstbestimmt einkaufen

Mitte der 2000er- Jahre war die Nachfrage mit gespendeten Produkten nicht mehr zu decken. Einige regionale Caritas-Organisationen und Caritas Schweiz schlossen sich zur Genossenschaft Caritas-Markt zusammen. Diese begann, Produkte dazuzukaufen. Ab da war ein ausgewogenes Grundsortiment gesichert.

Von Anfang an gaben die Caritas-Märkte die Waren bewusst stark vergünstigt ab, aber nicht gratis. So ermöglichen sie beim Bezug Menschenwürde und Handlungsspielraum – wichtige Aspekte zeitgemässer Armutsbekämpfung. Die inzwischen 22 Caritas-Märkte schweizweit bieten über den Detailhandel hinaus auch soziale Begleitung und berufliche Integration.

1996 entsteht die KulturLegi in Zürich aus einer Initiative der IG Sozialhilfe: Menschen mit knappem Budget erhalten mit einem persönlichen Ausweis vergünstigten Zugang zu Angeboten in den Bereichen Kultur, Sport, Bildung und Gesundheit. Caritas Zürich unterstützt das Projekt bereits in der Aufbauphase, weitere regionale Caritas-Organisationen folgen. 2008 wird KulturLegi Schweiz der Caritas gegründet. So entwickelt sich aus der lokalen Idee ein landesweites Angebot mit heute über 220’000 Nutzenden und 4’300 Angeboten.

Am 26. Dezember 2004 verwüstet ein Tsunami Länder rund um den Indischen Ozean. Caritas Schweiz reagiert sofort und unterstützt nach Kräften in Sri Lanka, Indonesien, Indien und Thailand. Insgesamt setzt sie 92,6 Millionen Franken ein, unterstützt 422’000 Menschen und baut 3’914 Häuser – der wohl grösste Einsatz der Caritas nach einer Naturkatastrophe.

Durch die Corona-Pandemie geraten mehr Menschen in finanzielle Not, weltweit wie auch in der Schweiz. Im Inland weitet Caritas Schweiz ihre Angebote gemeinsam mit den regionalen Caritas-Organisationen deutlich aus: Sie erweitern ihre finanzielle Einzelfallhilfe für Menschen in akuten Notlagen, bieten Beratung in rechtlichen Fragen an und fördern die digitale Teilhabe.

Der landesweite Krieg in der Ukraine löst in der Schweiz enorme Bestürzung und eine Welle grosser Solidarität aus. In der Anfangszeit vermittelt die Caritas Geflüchtete an rund 2000 Gastfamilien und unterstützt ihre Integration. In der Ukraine selbst setzt Caritas Schweiz gemeinsam mit lokalen Organisationen Projekte im ganzen Land um – bis heute.

Im Mai 2025 verschüttet ein Bergsturz grosse Teile des Dorfes Blatten. Caritas Schweiz hilft von Beginn an: Alle Einwohnerinnen und Einwohner erhalten 2'000 Franken Soforthilfe. Danach folgen Überbrückungshilfen und Beiträge an ungedeckte Kosten. Die Unterstützung dauert weiter an.

Auch 125 Jahre nach ihrer Gründung ist Armut in der Schweiz und weltweit längst nicht überwunden. Caritas Schweiz führt deshalb an ihrem Hauptsitz in Luzern die Ausstellung «Ungleich verteilt – was Armut mit uns zu tun hat» durch.

Weitere Informationen

Titelbild: Die schweizerische Caritas verteilt nach dem Zweiten Weltkrieg in Mainz über 980'000 Essensportionen an kriegsversehrte und ältere Menschen. © Caritas Schweiz