

Flexibilität – Tag für Tag
Krisen, Klimaerhitzung, knapper werdende Mittel: Die internationale Zusammenarbeit steht unter Druck. Um Menschen in Armut wirksam zu unterstützen, muss Caritas Schweiz ihre Projekte ständig anpassen. Eine komplexe Aufgabe.
Wegen Kriegen und Konflikten haben 2025 rund 120 Millionen Menschen als Vertriebene gelebt. Auch die Klimakrise gefährdet die Lebensgrundlagen vieler. Währenddessen schauen etliche Staaten vermehrt für sich: Der Multilateralismus, also das Zusammenspannen über Landesgrenzen hinweg, wird grundsätzlich infrage gestellt und Gelder für die internationale Zusammenarbeit werden gestrichen. Kurz: Die Herausforderungen werden grösser, die weltweite Solidarität sinkt. Was das für Menschen in Armut bedeutet und wie Caritas Schweiz darauf reagiert, zeigen vier konkrete Beispiele aus dem Projekt-Alltag.
Herausforderung 1: Politische und wirtschaftliche Umbrüche
Angesichts der aktuellen Unsicherheiten muss Caritas Schweiz in ihren rund 20 Projektländern jederzeit bereit sein, auf ein einschneidendes Ereignis zu reagieren. In Syrien beispielsweise ist die Hoffnung Anfang 2025 gross, dass sich nach dem Sturz des Assad-Regimes die Lebensbedingungen verbessern.
«Der Zusammenhalt zwischen den verschiedenen Gemeinschaften ist unglaublich wichtig.»Patricia KernProgrammmitarbeiterin
Doch mit dem Regierungswechsel bricht die öffentliche Ordnung zusammen – Liquidität ist nirgends mehr vorhanden. So wird die bislang bewährte Bargeldhilfe der Caritas ausgebremst. Caritas Schweiz und ihre lokalen Partnerorganisationen erreichen die ärmsten Bevölkerungsschichten trotzdem: Durch einen Wechsel vom syrischen Pfund zum US-Dollar können die Zahlungen nach wenigen Wochen wieder aufgenommen werden. Ausserdem erhalten die Menschen Schulungen, damit sie eigene kleine Geschäfte eröffnen und ein Einkommen erwirtschaften können.
Im Verlauf des Jahres 2025 zeigt sich, wie enorm die Herausforderungen in Syrien sind. Immer wieder flammt Gewalt auf. Religiöse und ethnische Spannungen und eine tiefgreifende Unsicherheit erschweren den Wiederaufbau. Umso bedeutsamer wird, Gemeinsinn intensiv zu pflegen: «Der Zusammenhalt zwischen den verschiedenen Gemeinschaften ist unglaublich wichtig», sagt Programmmitarbeiterin Patricia Kern. Die Caritas bringt Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Bevölkerungsgruppen zusammen. Sie erarbeiten Initiativen wie Gemeinschaftsgärten oder eine Verbesserung der Strassenbeleuchtung. Kern sagt: «Mindestens so wichtig wie die Resultate ist der Prozess: Da begegnen sich Menschen aus verschiedenen Glaubensrichtungen und Kulturen auf Augenhöhe, Frauen, Männer, Menschen mit und ohne Behinderungen.» Der Sonder-Effort zahlt sich aus. Insgesamt konnte die Caritas im vergangenen Jahr mit verschiedensten Projekten 40 550 Menschen in Syrien unterstützen.
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Personenwurden mit humanitärer Nothilfe oder mit Massnahmen, welche die Lebensbedingungen nachhaltig verbessern, unterstützt.
(2025)
Herausforderung 2: Die Klimakrise
Seit 1988 engagiert sich Caritas Schweiz in Bolivien. Neben der weit verbreiteten Armut ist die Klimaerhitzung ein grosses Problem für das Land. Überschwemmungen, Dürren und Waldbrände sind häufige Folgen. Umso relevanter ist es, die Widerstandskraft der lokalen Bevölkerung zu stärken, etwa entlang des Río Coroico: Er wird belastet durch Quecksilber aus der zumeist illegalen Goldschürferei, durch Agrochemikalien sowie durch das unbehandelte Abwasser von Siedlungen. Brandrodungen und Monokulturen tragen zu den Problemen bei.
«Es ist möglich, ein tragfähiges Geschäftsmodell umzusetzen und gleichzeitig Ökosysteme zu stärken.»
Caritas Schweiz schult deshalb mit Partnerorganisationen Mitarbeitende lokaler Verwaltungen in Wasser- und Umweltmanagement. Ein Augenmerk liegt auf dem besseren Schutz von Wasserquellen und auf Biodiversität. Um auch die Bevölkerung zu sensibilisieren, werden Sendungen über die beliebten Lokalradios ausgestrahlt. Zudem lernen Kleinbäuerinnen und -bauern Methoden für ökologischen Landbau. Die Trinkwasserversorgung hat sich bereits deutlich verbessert.
Das Engagement zahlt sich nun doppelt aus. Im Herbst 2025 hat nach 20 Jahren die Opposition die Macht übernommen. Die neue Regierung ändert das gesamte Planungssystem beim Katastrophen-Management, Entscheidungen werden zunehmend auf regionaler statt nationaler Ebene gefällt. Amparo Ergueta, die das Team von Caritas Schweiz vor Ort leitet, sagt: «Die Gemeinschaften rund um den Coroico-Fluss haben durch das Projekt wertvolles Know-how zum Katastrophenschutz gewonnen. Sie sind sich jetzt der Risiken bewusst und wissen, wie damit umzugehen ist.» Insgesamt haben die Projektaktivitäten der Caritas 2025 rund 6748 Menschen entlang des Río Coroico erreicht.
Im Handel mit äthiopischen Kaffee zeigt sich: Von nachhaltigem Anbau und fairen Bedingungen profitieren die Natur, die Kleinbäuerinnen und -bauern, die Wirtschaft und die Kundinnen und Kunden.


Herausforderung 3: Der Finanzdruck
110 Millionen Franken: Um diesen Betrag hat allein die Schweiz das Budget 2025 für die internationale Zusammenarbeit gekürzt. Zahlreiche weitere Staaten haben ebenso den Rotstift angesetzt. Weniger Geld bedeutet, dass man weniger Menschen in Not beistehen kann. Neue Wege des Zusammenwirkens sind gefragt.
Kooperationen mit dem Privatsektor stehen immer öfter im Fokus. Zum Beispiel in Äthiopien: In der Region Bale gedeiht eine einzigartige botanische Vielfalt, darunter Wildkaffee. Caritas Schweiz unterstützt Kleinbäuerinnen und -bauern dabei, Zertifizierungen für den aufwändig gesammelten Wildkaffee zu erlangen. Denn nur damit kann er über den Nischen- und Spezialitätenmarkt vertrieben werden. Von Anfang an sicherte die Firma Original Food mit ihren Betrieben in Kriens und im deutschen Freiburg den Kaffeeproduzenten die Abnahme zu. Dadurch ermutigt, nahmen diese die Investitionen für die Zertifizierung vor. Doch auch Original Food investiert in Qualitätssteigerung und -sicherung des Wildkaffees: Das Unternehmen schult die Bäuerinnen und Bauern und stellt Materialien für die Trocknung und Lagerung des Kaffees bereit. Es entsteht ein beiderseitiges Interesse an langfristigen Geschäftsbeziehungen. Diese sicherten im ersten Jahr der Zusammenarbeit bereits den Lebensunterhalt von 335 Kaffeebäuerinnen und -bauern und ihren Familien.
Zudem beweist das Projekt, dass es möglich ist, ein tragfähiges Geschäftsmodell umzusetzen und gleichzeitig Ökosysteme zu stärken. Um sowohl die Biodiversität zu fördern als auch weitere Einkommensmöglichkeiten zu erschliessen, wird das Projekt nun zusätzlich auf Macadamia-Nüsse erweitert.
Herausforderung 4: Ändernde Ansprüche
Caritas Schweiz überträgt seit Jahren vermehrt Ressourcen, Entscheidungskompetenzen und Führung an lokale und nationale Partnerorganisationen in ihren Projektländern. Dadurch entstehen Massnahmen, die noch näher an den Bedürfnissen der Menschen vor Ort sind. Sie wirken nachhaltiger und ermöglichen langfristig mehr Verantwortung, Selbstständigkeit und Resilienz. Diese sogenannte Lokalisierung fordern mittlerweile auch Geldgebende wie die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) ein.

«Lokalisierung passiert nicht von heute auf morgen», sagt Lena Edouard, Programmverantwortliche für den Sahel bei Caritas Schweiz. Der eigentliche Wandel bestehe darin, Verantwortung und Entscheidungsspielräume konsequent zu verlagern – und die eigene Rolle neu zu definieren. Im Sahel beispielsweise führt eine langjährige Partnerorganisation landwirtschaftliche Aktivitäten durch. Sie entscheidet, welche Gemeinden sie prioritär unterstützt. Generell übernehmen die Partner die vollständige Planung und Umsetzung der Projekte – von der Bedarfsanalyse bis zur Budgetkontrolle. Caritas Schweiz begleitet und unterstützt sie dabei auf Augenhöhe. «Das braucht Zeit, Abstimmung und gegenseitiges Vertrauen. Aber es lohnt sich. Denn so stellen wir sicher, dass Hilfe lokal verankert ist und die grösstmögliche Wirkung entfaltet.»
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Titelbild: Diese Familie weiss: Trotz Trümmerhaufen in Aleppos Strassen gilt es, vorwärtszugehen. Der Wiederaufbau der syrischen Infrastruktur benötigt Durchhaltewillen und vereinte Kräfte.