Les personnes qui peuvent suivre une formation sont moins exposées au risque de pauvreté.
Les personnes qui peuvent suivre une formation sont moins exposées au risque de pauvreté.

Bildung als Privileg?

Hohe Hürden beim Zugang zu Weiterbildung

Adèle Villiger ist Mitglied des Reinigungskollektivs Flexifeen in Basel. Da die alleinerziehende Mutter Bildung als wichtig erachtet, absolviert sie ein Bachelor-Studium. Im Januar 2025 gab sie am Caritas-Forum zu ihren Erfahrungen Auskunft: «Die Ausbildung finanziere ich leider aus meiner eigenen Tasche.» Von der Sozialhilfe erhält sie dafür keinen Beitrag. Sie muss jeden Franken umdrehen und sogar einen Teil des Geldes einsetzen, das eigentlich für das Essen reserviert ist. «Ich bin mit zahlreichen Hürden aufgewachsen. Aber ich will zeigen, dass trotzdem viel möglich ist.»

Gebildetere haben leichteren Zugang zu Bildung

In keinem anderen Land in Europa sind die Bildungschancen so ungleich verteilt wie in der Schweiz. Besserverdienende profitieren mehr als doppelt so häufig von einer Weiterbildung, die von Arbeitgebenden unterstützt wird, als Geringverdienende. Wenn man den Bildungsstand betrachtet, ist der Zugang noch ungleicher.

«Armutsbetroffene können sich Zeit für Lehrgänge nicht nehmen, weil sie dann kein einkommen erzielen.»aline maséLeiterin Fachstelle Sozialpolitik bei caritas Schweiz

Paradoxerweise sind es also gerade Menschen mit finanziellen Schwierigkeiten und tiefem Bildungsstand, denen der Zugang zu Aus- und Weiterbildungen verwehrt bleibt. Dabei wären sie besonders darauf angewiesen, um Armut zu vermeiden oder zu überwinden. «Betroffene können sich die Zeit für Kurse und Lehrgänge nicht nehmen, weil sie dann kein Einkommen erzielen oder die Betreuung der Kinder nicht finanzierbar ist. Dies verfestigt die Prekarität», sagt Aline Masé, Leiterin der Fachstelle Sozialpolitik bei Caritas Schweiz.

Forderungen für mehr Chancengleichheit

Diesem Missstand kann entgegengewirkt werden. Caritas Schweiz schlägt im Positionspapier «Bildungschancen verbessern, Armutsrisiken verringern» verschiedene Massnahmen vor:

Die Ungleichheit der Bildungschancen beginnt bereits vor dem Kindergarten. Kinder, deren Eltern über eine geringere oder nicht anerkannte Bildung verfügen, sind benachteiligt. Mit früherer Einschulung und späterer Einteilung in schulische Leistungsniveaus könnte das Bildungssystem chancengerecht reformiert werden.

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Tausend Menschen

leben in der Schweiz unter der Armutsgrenze.

(2025)

Zudem benötigen Erwachsene mit knappem Budget während Aus- und Weiterbildungen existenzsichernde Stipendien, die nicht nur Kurskosten, Lehrmittel und Prüfungsgebühren decken, sondern auch den Erwerbsausfall kompensieren. Wichtig ist überdies der Ausbau von Verfahren zur Anerkennung von ausländischen Diplomen oder von langjähriger Berufserfahrung für möglichst viele Berufe.

Weiter sind Bildungsangebote gefragt, die sich an der Lebensrealität von Erwachsenen in prekären Verhältnissen orientieren. Die Arbeitgebenden haben die Aufgabe, die Weiterbildung von Personen mit geringer formaler Bildung und tiefen Einkommen stärker zu unterstützen. Nicht zuletzt ist eine kostengünstige Kinderbetreuung notwendig, damit auch Eltern mit tiefen Einkommen und insbesondere Alleinerziehende ihre Bildungspläne realisieren können. Denn Adèle Villigers Beispiel macht deutlich, dass Bildungswünsche oft nicht am Willen scheitern, sondern an strukturellen Barrieren.

Weitere Informationen

Titelbild: Wer sich aus- und weiterbilden kann, ist weniger armutsgefährdet.