

Armutsbekämpfung wandelt sich
Flüchtlingshilfe, günstige Lebensmittel, Wiederaufbau und fairer Handel: Vier Beispiele zeigen, wie Caritas Schweiz Menschen heute stärker in die Gestaltung ihrer Zukunft einbezieht.
Dies ist ein Artikel aus unserem Jubiläumsmagazin zum 125-Jahr-Jubiläum der Caritas Schweiz im September 2026.
Asyl menschenwürdig gestalten
Die Caritas engagiert sich seit dem Ersten Weltkrieg für Geflüchtete. Während des Zweiten Weltkriegs verteilte sie in Nachbarländern sogenannte «Liebesgaben-Pakete» – und zwar nur an Katholikinnen und Katholiken. Erst recht problematisch war aus heutiger Sicht eine Aktion, mit der sie die Auswanderung deutschstämmiger Geflüchteter aus dem Balkan nach Brasilien förderte.
Vom Hilfspaket zur Integration
Später unterstützte die Caritas Schutzsuchende aus kommunistischen Regimen (Ungarn, Tibet, Tschechoslowakei, Vietnam) sowie in den 1980er und 90er Jahren Menschen auf der Flucht aus der Türkei, Sri Lanka und Ex-Jugoslawien. Erstmals rückte die soziale Integration in den Fokus. Die Caritas setzte sich für faire Verfahren ein und betreute um 1990 rund ein Sechstel aller Asylsuchenden in der Schweiz. Je nach Migrationslage öffneten und schlossen Asylzentren. Mit der Reform von 2019 wurden das beschleunigte Verfahren und die kostenlose Rechtsvertretung eingeführt. Letztere übernahm Caritas Schweiz in der Romandie; im Tessin und in der Zentralschweiz teilte sie sich diese Aufgabe mit SOS Ticino. Das Engagement setzt die Caritas auch in aktuellen Krisen wie dem Krieg in der Ukraine fort. Sie begleitet jene mit Menschlichkeit, die das Leben zur Flucht gezwungen hat.
Ein Markt gegen Armut
Am Anfang stand eine so simple wie überzeugende Idee: überschüssige Lebensmittel der Grossverteiler an armutsbetroffene Menschen zu vermitteln. Bevor Caritas Basel 1992 den ersten Caritas-Markt – noch unter dem Namen «Carisatt» – öffnen konnte, war Überzeugungsarbeit bei den Detailhändlern nötig. Aber bald durften die Caritas-Mitarbeitenden regelmässig Waren abholen, Brot bei der Bäckerin, Gemüse beim Grossisten. Der Basler Markt übertraf rasch die Umsatz ziele, weitere regionale Caritas-Organisationen öffneten Märkte.
Selbstbestimmt einkaufen
Mitte der 2000er Jahre war die Nachfrage mit gespendeten Produkten nicht mehr zu decken. Einige regionale Caritas-Organisationen und Caritas Schweiz schlossen sich zur Genossenschaft Caritas-Markt zusammen. Diese begann, Produkte dazuzukaufen. Ab da war ein ausgewogenes Grundsortiment gesichert. Von Anfang an gaben die Caritas-Märkte die Waren bewusst stark vergünstigt ab, aber nicht gratis. So ermöglichen sie beim Bezug Menschenwürde und Handlungsspielraum – wichtige Aspekte zeitgemässer Armutsbekämpfung. Die inzwischen 22 Caritas-Märkte schweizweit bieten über den Detailhandel hinaus auch soziale Begleitung und berufliche Integration.
Ein Dach, ein Neuanfang
Als in den 1990er Jahren der Krieg nach Europa kam, begann Caritas Schweiz das grösste Wiederaufbau-Programm ihrer Geschichte. Zwischen 1995 und 2010 baute sie in über 200 Dörfern in Bosnien und im Kosovo 8600 Häuser und Wohnungen sowie Strom- und Wasserinfrastruktur wieder auf. Die Menschen sollten in ein sicheres Zuhause zurückkehren und in Würde einen Neustart wagen können. Der Ansatz «Ein Dach über dem Kopf», 1991 bereits im Nordirak angewendet, wurde zum Markenzeichen der Caritas-Katastrophenhilfe. Er kam auch nach Naturkatastrophen wie dem Tsunami in Südostasien zum Einsatz.
Selbst Hand anlegen
Vor Ort verankerte Partnerorganisationen setzten die Projekte mit viel Engagement und lokalem Know-how um. Die Besitzerinnen und Besitzer der Häuser beteiligten sich aktiv an den Bauarbeiten. So konnten sie mitgestalten und waren ihren neuen Häusern von Anfang an verbunden. Auch über den Wiederaufbau hinaus liess die Caritas die Menschen nicht allein: Etwa im Landwirtschaftssektor schuf sie Einommensmöglichkeiten. Bis heute zeichnen Nachhaltigkeit sowie die Zusammenarbeit mit lokalen Partnern und Projektteilnehmenden auf Augenhöhe das humanitäre Engagement der Caritas aus.
Mit Honig zur Fairtrade-Pionierin
«Dass es viele ‹unserer› Produzentinnen und Produzenten immer noch gibt – das ist für mich der schönste Erfolg!» Dies ist Monica Hagens Fazit zum Fairtrade-Handel von Caritas Schweiz. Hagen war von 1978 bis 2013 zuständig für diesen Bereich, der seine Anfänge in Guatemala hat: 1976 gab es dort ein verheerendes Erdbeben. Beim Wiederaufbau hat die Caritas Honig-Produzenten unterstützt. «Da haben wir gemerkt: Sie müssen den Honig zu gerechtem Preis verkaufen können.»
So hat Caritas Schweiz Honig als erstes Fairtrade-Produkt gehandelt, teils in farbenfrohen Tassen. Ebenfalls in den 1970er Jahren unterstützte sie die faire Produktion von Jute-Taschen in Bangladesch. Dank ihr konnten Kriegswitwen ein eigenes Einkommen erzielen.
Mehr Gleichheit dank Handel
Der faire Handel der Caritas etablierte sich – im Sortiment waren bald auch Kaffee, Kunsthandwerk, Schmuck. Beliefert wurden Weltläden in der ganzen Schweiz. 1992 gehörte die Caritas überdies zu den Gründerinnen der Stiftung Max Havelaar Schweiz. Die Caritas spezialisierte sich zunehmend auf Mode, unter der Marke Unica betrieb sie vier Läden. Um Doppelspurigkeit zu verhindern, übergab sie den Fairtrade-Handel per 2013 an claro.
Titelbild: Bei einer Dürre verloren viele Reisbauern in Bangladesch ihre Zugtiere – mit Kleintraktoren können sie ihre Felder weiterhin bestellen. © Karl Gähwyler