

«Armut bekämpfen wir am besten, wenn lokale Akteure entscheiden»
Während vielerorts immer mehr Menschen unter Armut, Krieg und der Klimakrise leiden, werden Milliarden an öffentlichen Entwicklungsgeldern gestrichen. Welche Folgen das hat und wie Caritas Schweiz darauf reagiert, erklärt Martina Weber, Leiterin des Bereichs Internationale Zusammenarbeit.
Martina Weber, das Jahr 2025 begann mit einem Knall: Die Trump-Regierung kürzte die Finanzen der Entwicklungsbehörde USAID um 80 Prozent. Was ging Ihnen damals durch den Kopf?
Ehrlich gesagt, war das ein Schock. Quasi von heute auf morgen brach eine zentrale Finanzierungsquelle der weltweiten Entwicklungszusammenarbeit weg, etwa 50 Milliarden Dollar pro Jahr. Diese Entsolidarisierung bereitet mir Sorgen, auch in der Schweiz.
Nimmt die Solidarität in der Schweiz ab?
Wir dürfen zum Glück auf treue Unterstützerinnen und Unterstützer zählen. Aber in der Politik haben sich die Prioritäten verschoben. Nicht nur die USA kürzen ihre Entwicklungsgelder, auch die Schweiz und andere Länder.
Wie wirken sich die Kürzungen aus?
Ersten Schätzungen zufolge führen die Einsparungen bis 2030 zu etwa 14 Millionen Todesfällen. Was über Jahrzehnte aufgebaut wurde, droht zusammenzubrechen. Das konnte ich im November im Flüchtlingslager Bidibidi in Uganda selbst beobachten. Die UNO musste Kürzungen vornehmen – nun fehlt den Menschen das Geld für Lebensmittel oder Kleidung. Folglich verdient auch die Gemüsehändlerin oder der Schneider nichts mehr, die Not wächst.
Sind auch Projekte von Caritas Schweiz von den Kürzungen betroffen?
Bisher nicht. Aber die Rahmenbedingungen werden deutlich anspruchsvoller. Und es wird schwieriger, Projekte weiterzuführen oder neue zu finanzieren. Wie reagiert die Caritas auf diese Herausforderung?

«Die weltweite Entsolidarisierung bereitet mir Sorgen.»MArtina WeberLeiterin Bereich Internationale Zusammenarbeit
Wir fokussieren stärker auf Projekte, welche die Menschen befähigen, ein Einkommen zu schaffen. Damit lässt sich Armut direkt und nachhaltig verringern. Eine weitere Massnahme ist die Lokalisierung. Wir übergeben sukzessive mehr Verantwortung und Mittel an unsere Partnerorganisationen. Diesen Prozess beschleunigen wir nun. Dadurch senken wir Strukturkosten und schaffen gleichzeitig eine zeitgemässe Form der Zusammenarbeit.
Wie sieht diese Zusammenarbeit aus?
Unsere Rollen verändern sich: weg von der klassischen «Geberin» und dem «Empfänger», hin zu Partnern auf Augenhöhe. Es geht darum, gemeinsam Lösungen zu entwickeln, statt auf vorgefertigte Massnahmen aus der Schweiz zu vertrauen. Schliesslich kennen unsere Partner die Realitäten vor Ort besser als wir. Ich bin überzeugt: Armut bekämpfen wir am besten, wenn lokale Akteure entscheiden.
Welche Rolle bleibt dann Staaten wie der Schweiz?
Der Globale Norden steht in der Verantwortung. Unser Wohlstand basiert bis heute auf Ungleichheiten zulasten der Länder des Globalen Südens. Gleichzeitig verursachen wir einen Grossteil der weltweiten Krisen – etwa beim Klima –, während andere die Folgen tragen. Verantwortung heisst, diese Ungerechtigkeiten aktiv anzugehen. Leider geschieht derzeit das Gegenteil: Die Mittel sinken, der Bedarf steigt. Das ist schwierig auszuhalten.
Was motiviert Sie, trotz allem weiterzumachen?
Wir haben ein grossartiges Team. Mich beeindruckt, mit welcher Flexibilität und auch Kreativität unsere Mitarbeitenden Herausforderungen angehen. Auch Begegnungen in Projektländern motivieren mich. Im Südsudan erzählte mir ein Bauer, wie er seine Anbaumethoden dem veränderten Klima angepasst hat und nun seine Familie ernähren kann. Dieser Moment von Stolz und Selbstständigkeit war sehr bewegend. Das zeigt, was möglich ist und warum unsere Arbeit weiterhin so wichtig ist.
Weitere Informationen
Titelbild: Menschen befähigen, ihre Existenz selbst zu sichern: Dies ist das Ziel von Martina Weber, hier im Gespräch mit einer Verkäuferin in Uganda.