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«Wir wollen leben»
Sechs Jahre Krieg in Syrien
 

Eine Reportage aus Syrien von Fabrice Boulé (Text) und Alexandra Wey (Bilder)

Wir besuchten die Menschen, die mit der Hilfe von Caritas versuchen, in Syrien zu überleben. Mit einigen Familien konnten wir sprechen. Doch angesichts der Millionen Menschen, die im eigenen Land oder ins Ausland fliehen, in den Libanon und Irak, nach Jordanien, die Türkei und Griechenland, nach Europa oder in die ganze Welt, konnten wir nur einzelne Schicksale dokumentieren. Syrien ist ins siebte Kriegsjahr eingetreten und die Bevölkerung muss sich mit der traurigen Gewissheit abfinden, dass Friede noch weit weg ist. Trauer und Schmerz sitzen tief: Familien sind auseinandergerissen worden und Herzen sind zerbrochen am Tod geliebter Menschen. Viele haben ihr Hab und Gut und ihre Arbeit verloren. Caritas hilft vor Ort und gibt den Menschen wieder Lebensmut.

 

Eine zerbrochene Familie

Abu Mohamad, «Vater von Mohamad». So nennen die Nachbarn Ali Al-Ahmad ehrfürchtig und voller Zuneigung. Er ist 49 Jahre alt. Bis zum 9. Juli war er Vater von vier Kindern. Sein ältester Sohn, Mohamad*, kämpfte als Freiwilliger in der syrischen Armee. Am 9. Juli starb er im Kampf gegen die Islamisten in Deir ez-Zor. Er wurde gerade einmal 22 Jahre alt. Sein Porträt ist der einzige Schmuck an den kahlen Wänden der Dreizimmerwohnung, die Ali und seine Familie in Jaramana, einem Vorort von Damaskus, gemietet haben. Immer wieder nimmt der Vater das Bild von der Wand, um es fest zu umklammern. Und immer wieder füllen sich seine Augen dabei mit Tränen. Ali sucht den Blickkontakt zum Besucher, still aber eindringlich scheint er ihn zu fragen: «Begreifst du, was ich sage? Kannst du überhaupt nachvollziehen, was ich fühle?»

 
Ali Al-Ahmad (49 Jahre) nimmt jede Arbeit an, um Geld für seine Familie zu verdienen.
 

Es ist, als hätte die Familie sich in den letzten sechs Monaten selbst verloren. Die Mutter Zahra* und der zweite Sohn Hussein* leben nur noch vor sich hin. Viele Stunden am Tag sitzt Zahra zusammengekauert gegen eine Wand gelehnt und starrt ins Leere: «Ich denke an meinen Sohn, mehr nicht.» Jeden Freitag begibt sich die ganze Familie ans Grab von Mohamad in einem zwanzig Kilometer entfernten Dorf. Auch Hussein hat durch den Tod seines älteren Bruders jegliche Stabilität verloren. Sein Zimmer verlässt er kaum noch. Er ist unfähig, irgendetwas zu tun. Immer wieder entladen sich Hilflosigkeit und Ohnmacht in Gewalt. So hatte er am Vorabend unseres Besuches mit seinen Fäusten die Plastikfolien niedergerissen, die im grössten Zimmer der Wohnung die Fensterscheiben ersetzen.

 
Was die Familie an brennbarem Material auf der Strasse findet, verwendet Alis Ehefrau Zahra, um den Ofen zu heizen.
 

Die unermüdliche Suche nach Arbeit

Zenab*, die zwanzigjährige Tochter und der 12-jährige Hassan, der jüngste Sohn, kämpfen unermüdlich, damit die Familie nicht auseinanderbricht. Und auch Ali versucht mit all seinen Kräften, seine kleine Welt zusammenzuhalten. Er gönnt sich keine Ruhe. Von frühmorgens bis spätabends ist er mit seinen zu grossen Gummistiefeln, die Mütze tief ins Gesicht gezogen, im Quartier unterwegs auf der Suche nach Arbeit. Hier repariert er einen undichten Gartenschlauch, dort eine Satellitenschüssel. Er reinigt Häuser und transportiert Waren zum Markt. Keine Arbeit schlägt er aus. Der Bauer aus Aleppo kann einfach alles. Zum Glück.  

 
 

Schon vor dem Krieg ging der Vater als Tagelöhner und Hilfsarbeiter nach Jaramana, um das Familieneinkommen aufzubessern. Dann marschierten die Islamisten in der Region von Aleppo ein, bedrohten und misshandelten Menschen. Seine Familie flüchtete und folgte ihm in den Vorort der Hauptstadt.

Die Islamisten boten Alis ältestem Sohn wiederholt Geld an, damit er sich ihnen anschliesst. Er hatte sich immer geweigert. Beim letzten Rekrutierungsversuch war seine Antwort: «Lieber habe ich kein Geld, aber Eltern, die stolz auf mich sind.» Zwei Wochen später war er tot. «Kannst du dir das vorstellen?»,  erzählt mir Ali. «Sie haben mir Geld geboten, damit meine Söhne für sie kämpfen.»

 
 

Unverzichtbare Hilfe

Alis unregelmässige Einkünfte reichen bei weitem nicht aus, um auch nur die Grundbedürfnisse seiner Familie zu decken. Ab und zu kommt er bei der Nothilfe von Caritas vorbei, die sich ein paar Strassen weiter befindet. Hier bekommt er einen Gutschein für Lebensmittel und Kleider oder Unterstützung für die Miete der beiden halbfertigen Ziegelsteinzimmer auf dem Dach: 10'000 syrische Pfund, ungefähr zwanzig Dollar. Auch Hassan wird von der Caritas unterstützt. Er geht wieder zur Schule und nimmt Nachhilfe, um den verpassten Unterrichtsstoff nachzuholen, nachdem die Islamisten ihm zuvor den Schulbesuch verboten hatten.

Auf die Hilfe von Caritas und anderer Hilfsorganisationen ist Ali genauso angewiesen, wie auf die Unterstützung der Nachbarn. Tag für Tag muss er seinen Stolz überwinden und lernen, sich für die Hilfe, die er so dringend braucht, nicht zu schämen. Er hat keine Wahl: «In Aleppo lebten wir sehr einfach, aber wir hatten das Nötigste. Ein Haus, zu essen und die Kinder gingen zur Schule», erinnert sich Ali. «Wir hatten Tiere, Oliven…», ergänzt seine Frau Zahra, die kurz aus ihrer Lethargie erwacht.

 
 

Die Hilfe der Caritas

Die Lücke zwischen den vorhandenen Ressourcen und den Bedürfnissen der Menschen ist enorm. Behörden und Hilfsorganisationen versuchen sie zu verkleinern.

In Kashkoul, einem der drei Zentren von Caritas in der syrischen Hauptstadt sind mehr als 5000 Familien registriert. In Homs sind es über 11'000.

  • Die Caritas leistet Direkthilfe durch das Verteilen von Gutscheinen über 25'000 oder 40'000 syrische Pfund, je nach Grösse der Familie. Umgerechnet sind das 50 beziehungsweise 80 Dollar. Mit diesem Geld können die Familien Kleider, Putzmittel, Decken und Nahrung kaufen (jedoch keine Zigaretten und keine Kosmetikprodukte). Mit bestimmten Geschäften konnten Vereinbarungen über Preisnachlässe abgeschlossen werden. Der Gutschein lässt den Menschen die Wahl, denn sie wissen am besten, was genau sie brauchen.
  • Die Caritas unterstützt die Menschen auch bei den Mieten, die aufgrund der sehr hohen Nachfrage rasant ansteigen. Und das, obwohl die Menschen in halbfertigen oder stark zerstörten Gebäuden wohnen.
  • Medizinische Versorgung: Die Caritas konnte mit Spitälern und Kliniken Vereinbarungen über die Behandlungskosten abschliessen, die von der Caritas übernommen werden. Psychologische Begleitung ist ein starkes Bedürfnis.
  • Unterstützung beim Schulbesuch: Die öffentlichen Schulen sind zwar gratis (mit 80 Schülerinnen und Schülern pro Klasse und Zweischichtbetrieb jedoch vollkommen überfüllt), aber die Kosten für Transport, Essen, Material und Schuluniformen sind für viele Familien schlichtweg nicht bezahlbar. Auch hier unterstützt die Caritas.

Mehr zur Hilfe der Caritas für die Opfer der Syrienkrise

 

Unvorstellbar grosse Bedürfnisse

  • Der Krieg geht in sein siebtes Jahr.
  • Die Opfer sind hauptsächlich Zivilistinnen und Zivilisten.
  • 13,5 Millionen Menschen benötigen in Syrien selber humanitäre Hilfe.
  • Die Hälfte der ursprünglichen Bevölkerung von 22 Millionen musste – oft mehrmals – fliehen, innerhalb des Landes oder ins Ausland. Die Hälfte der Vertriebenen sind Kinder und Jugendliche.
  • 70 Prozent der im Land Vertriebenen leben jetzt in den Städten und Vorstädten.
  • Etwa 70 Prozent der Bevölkerung lebt in extremer Armut
  • Eines von drei Kindern geht nicht zur Schule. Das sind 1,75 Millionen Kinder.
  • Eine von vier Schulen ist beschädigt, zerstört, zweckentfremdet oder geschlossen.
  • 12,8 Millionen Menschen brauchen medizinische Hilfe. 2,8 Millionen Menschen sind dauerkrank. Monatlich schädigt der Konflikt die Gesundheit von 30'000 Menschen.
  • Ende 2015 betrug die Arbeitslosigkeit 50 Prozent.
  • 11,8 Millionen Menschen haben bis zu 18 Stunden am Tag keinen Strom.
  • Der während des Kriegs verursachte wirtschaftliche Schaden wird auf 254 Milliarden Dollar geschätzt.

Quelle: UNOCHA, Humanitarian Needs Overview 2017.

 

Jaramana, die Stadt der Zuflucht

Jaramana, ein Vorort einige Kilometer südöstlich von Damaskus, hat eine lange Tradition in der Aufnahme von Flüchtlingen. Die ersten kamen aus Palästina, gefolgt von den Fluchtsuchenden aus dem Irak. Seit Beginn des Krieges 2011 suchen Syrierinnen und Syrier aus dem ganzen Land hier Zuflucht.  Die Bevölkerung von Jaramana hat sich in den letzten 15 Jahren mehr als verdoppelt. Tag für Tag kommen sie hier an, der Flüchtlingsstrom scheint kein Ende zu nehmen. Ganze Familien suchen hier Schutz, Dorfbevölkerungen oder alle Einwohnerinnen und Einwohner von Quartieren, die oft nur wenige Kilometer entfernt sind und in denen die Kämpfe zwischen der syrischen Armee, den Rebellen oder islamistischen Kämpfern das Leben zur Hölle machen. 

 
Der Blick auf die Dächer von Jaramana. Die Bevölkerung im Quartier hat sich seit Beginn des Krieges 2011 verdreifacht.
 

Für den Vorort, dessen Bewohner traditionell Drusen oder Christen sind, ist das Zusammenleben der verschiedenen Religionsgemeinschaften des Landes nichts Ungewöhnliches. Zwar kam es auch hier schon mehrmals zu mörderischen Attentaten, bisher jedoch blieb Jaramana von den Kampfhandlungen und Bombardierungen relativ verschont. Je nach Kriegsverlauf war die Vorstadt mehr oder weniger eingeschlossen von aktiven Kampfgebieten.

 
 

In einer kleinen Seitenstrasse, abseits von der Hauptverkehrsader von Jaramana liegt das Zentrum von Caritas Syrien. «Der Gutschein lässt den Menschen die Wahl, sie wissen am besten was sie brauchen», erklärt uns Dr. Louis Kawa, der Direktor des Zentrums. Vor dem Krieg befand sich an diesem Ort eine medizinische Ambulanz, die Dr. Kawa, ein ausgebildeter Chirurg mit Spezialisierung in Orthopädie und inzwischen in Rente, leitet. Seit Kriegsbeginn engagiert sich der Arzt, um Menschen zu helfen, die auf der Flucht oft alles verloren. 

Zwischen zwei Stromausfällen erläutert uns Dr. Kawa die Situation: «Tag für Tag klopfen neue Hilfesuchende an unsere Tür. Menschen, die gestern noch ein Haus, eine Familie und Arbeit hatten und von heute auf morgen alles verloren. Was sie haben ist Hunger, und sie bitten um Hilfe», seufzt der Arzt.

 

Immer wieder fliehen

Einige Stunden später steht eine Frau vor der Tür. Vor zwei Tagen floh sie aus der Region Ain al-Fijah. Aus dieser Gegend stammt ein Großteil des Trinkwassers der syrischen Hauptstadt. Noch Mitte Januar kontrollierten die Islamisten diese Region und hinderten die Bevölkerung an der Flucht. Doch die Frau konnte nachts mit ihren beiden Töchtern fliehen. Ende 2011 musste die Familie schon einmal Hals über Kopf ihr Zuhause in Babila, einer Nachbargemeinde von Jaramana, verlassen aufgrund der immer heftigeren Kämpfe zwischen den Rebellen und der syrischen Armee. Geblieben ist ihr und den beiden Töchtern lediglich das, was sie am Leibe tragen. Heute Abend schlafen sie in der Dreizimmerwohnung einer Cousine, in der bereits zehn weitere Personen Zuflucht gefunden haben. 

 
 

Bewundernswerte Grosseltern

Zwei Strassen weiter liegt die Wohnung, in der Abduljalil Kutaib und seine Frau Salwa Mohamad Ali Unterschlupf fanden. Vor zwei Jahren flohen sie aufgrund der Bedrohungen durch die Islamisten aus Deir ez-Zor. Nach dem Tod ihrer Tochter, deren Leben durch einen Schuss aus dem Hinterhalt ein jähes Ende fand, verließen sie ihre Stadt von heute auf morgen. Ihr jetziges Zuhause ist eine Wohnung ohne Fenster, feucht und im Winter eisig kalt. Hier leben sie jetzt mit ihren vier Großkindern, zwei Kinder ihrer getöteten Tochter, die zwei weiteren Enkel vertraute ihnen ihre zweiten Tochter an, da sie ihren krebskranken Mann pflegt. Als ehemaliger Angestellter des Staates bezieht der Großvater eine Rente von 30 000 syrischen Pfund (60 Franken). Doch allein die Miete verschlingt 80 Franken monatlich. Die Großeltern sind krank und auch die Kinder leider immer häufiger an Atemwegserkrankungen. Überleben können sie nur dank der Solidarität der Nachbarn und der Hilfe von Caritas und anderen Organisationen.

 
 

Der Schreinermeister

Ortswechsel. Homs, die erste Stadt, die der Syrienkrieg zerstörte. Zwischen 2012 und 2014 wurden mehrere Stadtviertel beim Kampf zwischen Rebellen, Islamisten und der syrischen Armee dem Erdboden gleichgemacht. Das einzige, was Schreinermeister Mustafa Ghali noch zu leisten vermag sind Auslieferungen an ein Lebensmittelgeschäft und kleinere Reparaturarbeiten. «Ich kann keine schweren Gegenstände mehr heben», erklärt er uns. Vor dem Krieg hatte er einen Unfall. Seither kann er seine Beine nicht mehr bewegen. Zwischen 2012 und 2015 musste er mit seiner Familie aus dem Quartier fliehen. Seine Werkstatt wurde während der Kämpfe zerstört und geplündert. Eine Operation würde ihn ein Vermögen kosten, das kann er sich nicht leisten. Caritas unterstützt ihn, damit seine Tochter und sein Sohn (19 und 12 Jahre) weiter die Schule besuchen können.

 
 

Eine Familie voller Hoffnung

Einige Strassen weiter lebt die zwölfjährige Nour Ghozam mit ihrer Familie. Sie gehören zu denen, die wieder in das Altstadtquartier, in dem sie früher lebten, zurückkehrten. In ihr altes Haus konnten sie nicht mehr einziehen, es war zerstört. Jetzt wohnen sie in der vierten Etage eines Wohnhauses, das in einem besseren Zustand ist als die zerbombten Häuser in der Nachbarschaft. Die Miete ist günstig und der Besitzer hat ihnen sogar einige Möbel überlassen – glücklich darüber, dass die Wohnung wieder belegt ist.

 

Begabte Kinder

In einem der Zimmer, eisig kalt ist es dort, steht ein Piano. Rafi, der grosse Bruder (18), ist ein begabter Pianist und wie Nour, die eine schöne Stimme hat und Gedichte schreibt, der Stolz der Familie. Gemeinsam tragen sie ein paar Musikstücke vor. Rafi am Piano, Vater Houssam spielt Oud und Nour singen. Die Texte stammen von Mutter Rita. Im Viertel bricht langsam die Nacht ein, weiches Licht erhellt den Raum und die Musik lässt uns die Ruinen des Krieges vergessen. Tod, Zerstörung, in alle Winde zerstreute Familien, Kälte, Entbehrungen, die ungewisse Zukunft – all die Fragen und Ängste scheinen sich aufzulösen –, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick.

Aber Musik vermag die Familie nicht zu ernähren. 2011 flüchtete sie in die Nachbarstadt Mashta-al-Helou. Hier hatten viele Kriegsvertriebene aus Homs und Aleppo Zuflucht gesucht. Houssam ist ein erfahrener Koch und hatte immer Arbeit gefunden. Die Kinder gingen zur Schule, irgendwie kam man zurecht. Nach vier Jahren, als die Regierungsarmee Homs zurückerobert hatte, fand der Vater Arbeit in einem der Restaurants, in denen er früher tätig war. Die Familie folgte ihm wenige Monate später an ihren alten Wohnort. «Mit fremder Hilfe kommen wir gerade mal so über die Runden», erzählt Houssam. «Vor dem Krieg arbeitete ich in zwei Restaurants. Wir hatten ein Haus und kamen gut zurecht.»  

Die Hoffnungen der Familie sind gross, ihre Kinder begabt. Rafi, das junge Piano-Talent, träumt von einer Ausbildung zum Pianisten im Ausland. Nour dagegen ist bodenständiger: «Ich habe in Homs einige Freunde von früher wiedergefunden. Früher lebten wir mit der ganzen Familie hier im Quartier, doch jetzt sind die einen hier, die anderen dort, viele sind auch im Ausland. Ich bin immer so gern zu meinen Cousinen gegangen. Meine grosse Familie fehlt mir sehr.»

* Al-Ahmad ist ein Pseudonym zum Schutz der genannten Personen. Alle anderen Familien haben der Veröffentlichung ihres Namens zugestimmt. 

 
 

Ersatzinhalte

 

Hilfsprojekte der Caritas für die Opfer der Syrienkrise