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«Wir sind zu Bettlern geworden»
Der Klimawandel hat dem Viehbauern Abdullahi Hashi Yusuf die Existenz geraubt
 

Eine Reportage aus Somaliland von Jörg Arnold (Text) und Fabian Biasio (Bilder)


Wenn Abdullahi Hashi Yusuf von der grossen Dürre erzählt, scheint sogar die Wüste beschämt zu lauschen. Kein Vorwurf liegt in seiner Stimme, keine Wut über das harte Schicksal. Abdullahi ordnet seine Gedanken, Wort für Wort. Um selber zu verstehen, was ihm und seiner Familie widerfahren ist. «Uns hat es an nichts gefehlt», sagt der 52-Jährige. «Wir haben von unseren 450 Tieren gut gelebt. Wir waren stolz. Heute sind uns drei Tiere geblieben. Die Dürre hat uns zu Bettlern gemacht.»

 

Im somalischen Lamodheere, wo Abdullahi mit seinen zwei Frauen und seinen Kindern Zuflucht gefunden hat, ist der Klimawandel kein Gegenstand eines politischen Streits. Die Männer, die etwas abseits vom Dorfplatz in einer Gruppe zusammenstehen, beschäftigt nicht die Frage nach zwei oder sechs Grad mehr in den kommenden dreissig Jahren. Sie versuchen, das nackte Überleben zu organisieren. Hier und jetzt.

Lamodheere ist eines von unzähligen Dörfern, die in Somaliland in den vergangenen drei Jahren neu entstanden sind. In der Sprache der Regierung und der Helferinnen und Helfer sind es «IDP-Camps». IDP steht für «Internally Displaced People», für Vertriebene im eigenen Land. Es sind die neuen Dörfer von aus ihrem Leben vertriebenen Nomaden, die Dörfer der Klimaflüchtlinge. Sie siedeln sich dort an, wo es Wasser gibt, einen Brunnen, ein Reservoir. Zehntausende von Nomadenfamilien haben in den vergangenen drei Jahren ihre ökonomische Basis an die Dürre verloren. In Lamodheere beklagen die Viehzüchter den Verlust von 95 Prozent des Viehbestandes. Nicht nur für die einzelnen Familien, sondern für den ganzen Staat Somaliland, dessen Volkswirtschaft wesentlich von der Viehzucht abhängt, ist die Dürre der letzten Jahre ein beispielloses Drama.

 

«Vor der Dürre hatte ich 450 Schafe und Ziegen, zehn Kamele und zwei Kühe», erzählt Abdullahi Hashi. «Wir haben sehr gut gelebt. Die Kinder hatten Milch und Fleisch zu essen. Sie haben zu den Tieren geschaut und gespielt. Dann blieb der Regen aus, drei Jahre lang. Die Regierung hat zwar Wasser organisiert und die Brunnen gefüllt. Und wir hofften immer, dass der Regen noch kommen würde. Aber es blieb trocken. Die Tiere hatten nichts zu trinken und nichts zu fressen. Sie waren so geschwächt, dass sie nicht mehr gehen konnten. Auf dem Markt haben wir nichts mehr für sie bekommen. Der Wert einer abgemagerten Ziege fiel von fünfzig auf vier Dollar.»

 

Abdullahi Hashi Yusuf erzählt

 

Das Sterben

Und dann begann das grosse Sterben. Abdullahi führt uns hinaus in den Busch, dorthin, wo sie die Kadaver hingetragen und zu Haufen gestapelt haben. Manchmal, erzählt Abdullahi, sei der Leichengeruch so penetrant gewesen, dass sie die Haufen mit teurem Diesel übergossen und angezündet hätten. Aus Angst, dass die Kinder vom Gestank krank würden.

Die Kinder sind aus einem anderen Grund erkrankt. Mit dem Sterben der Tiere kam der Hunger. Welch erbärmliches Gefühl es ist, von den Hunderttausenden in Somaliland zu sprechen, denen der von uns im Norden verursachte Klimawandel die Existenz geraubt hat. Vor Menschen zu stehen, die nichts mehr zu essen haben und sich nichts zu essen kaufen können, weil sie deswegen kein Einkommen mehr haben. Welche Scham in mir aufsteigt, wenn die fünf Monate alte Hikuma in der Hungerklinik der Hafenstadt Berbera nach meinem Finger greift. Das Mädchen wurde stark unterernährt in die Klinik eingeliefert. Hikuma war bewusstlos, litt an schwerem Durchfall und an Tuberkulose. Sie hat überlebt. Auch dank der Hilfe der Caritas, die Krankentransporte finanziert und den Aufenthalt der Eltern im Spital ermöglicht.

 
 

Die Hilfe

Die Hungernden werden nicht allein gelassen. Die Hilfe kommt von der Regierung, die Wasser verteilt. Aus den Solidaritätsfonds der Clans, die alles tun, um von der Not betroffenen Familienangehörigen über die Runden zu helfen. Von Verwandten im Ausland, die etwas Geld nach Hause schicken. Von Hilfsorganisationen wie der Caritas, die Nahrungsmittel verteilen und die medizinische Versorgung stärken. Vor allem aber helfen sich die Menschen mit Erfindungsreichtum und Überlebenswillen selber. Sie machen Schulden, um Essen zu kaufen, sie produzieren etwas Holzkohle, um sie in der Stadt zu verkaufen.

 

Der mobile Gesundheitsdienst

 

Die Hungerklinik in Berbera

 

Die Hilfe, welche die Familie von Abdullahi von der Caritas erhält, verblüfft auf den ersten Blick. «Cash-Based Intervention» lautet der Terminus technicus für die neue Art der Unterstützung. Konkret bekommt Sahra, die Frau von Abdullahi, rund 80 Franken monatlich auf ihr Handy-Konto ausbezahlt. Damit kann sie auf dem Markt einkaufen, was sie braucht: Reis, Gemüse, Mehl, Fleisch, Öl, Seife. Mit ihrem Mobiltelefon bezahlt sie sicher und einfach per SMS. Die wichtigsten Vorteile dieser Art der direkten Hilfe liegen auf der Hand. Die enorm teure Logistik für Einkauf und Transport entfällt, das Geld bleibt dem Kreislauf der lokalen Wirtschaft erhalten und die Bedürftigen haben die Wahl: «Mit dem Geld, das ich auf mein Telefon bekomme, kann ich jetzt selber entscheiden, was ich brauche und was ich kaufen möchte.»

 

Die Caritas-Projekte in Somaliland

 

Die Zukunft

Die Klimaflüchtlinge in Somaliland werden noch lange Zeit Nothilfe brauchen. Zu komplex ist das Problem, als dass es sich mit schnellen Lösungen aus der Welt schaffen liesse. Ein Regen allein genügt nicht, um das Leid vergessen zu machen.

Die Menschen in Lamodheere haben keinen Plan, wie es weitergehen soll. «Aber wir haben Ideen, wie wir wieder auf die Beine kommen», meint Abdullahi. «Vielleicht erholt sich unser Tierbestand wieder. Vielleicht müssen wir uns andere Fähigkeiten aneignen, damit wir unsere Existenz sichern können und zu Jobs kommen. Vielleicht müssen wir lernen, den Boden zu bearbeiten und Wasser zu speichern. Oder wir lernen, als Maurer oder Schneider zu arbeiten. Dann haben wir eine Chance.»

 

Sahra, die um nichts in der Welt in die Stadt will, weil sie das Leben dort nicht kennt und weiss, dass der Alltag dort viel mehr kostet, Sahra zweifelt daran, dass das Leben so weitergeht wie bisher: «Ich bin im Busch aufgewachsen und habe nie eine Schule besucht. Für meine Kinder hoffe ich, dass sie einmal zur Schule gehen und einen Beruf lernen können. Wenn man Geld hat, hat man zu leben, wer kein Geld hat, ist nichts. Ich glaube, dass wir in Zukunft in der Stadt leben werden.»

Bis dann bleibt diesen Menschen nur eine Hoffnung: dass Gott ihnen hilft, über diese schlimme Zeit hinweg zu kommen. Und bis dann brauchen sie auch unsere Hilfe.

 

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