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Mit grossen Schritten in die Zukunft
Neue Schulen für Nepal
 

Eine Reportage von Sabine Schaller (Text) und Ramesh Maskey (Bilder)


Vor zwei Jahren bebte in Nepal die Erde. 45 Sekunden lang. Danach lag das Land in weiten Teilen in Trümmern. Im Distrikt Sindhupalchok scheint die Zeit seither stehen geblieben zu sein. Überall stehen Schuttberge und die Menschen verharren in einer kollektiven Trauer. Die von Caritas erdbebensicher wiederaufgebauten Schulen bringen etwas von der verlorenen Hoffnung zurück. Tempa und Nirjala zum Beispiel wagen wieder an eine bessere Zukunft zu glauben.  

 

Tempa hat sich zur Morgenversammlung auf dem Schulhof eingefunden. Die Kinder haben sich in Reih und Glied aufgestellt, wie zu einer Parade. Die rechte Hand liegt auf dem Herzen und im Chor singen sie inbrünstig die Nationalhymne: «Land des Wissens, Land des Friedens, Terai, Hügel, Berge. Unteilbar sei dies geliebte unser Mutterland Nepal». Aus den alten Lausprechern purzeln dumpfe Bässe, überschlagen sich und werden vom Wind über die Berge am Fusse des Himalaya getragen.

Der Unterricht an der Hauptschule in Palchok fällt heute aus. Letzte Arbeiten sind im Gang: die Wandtafeln werden installiert, die Türgriffe poliert und nach der Morgenversammlung schwärmt Tempa zusammen mit einigen Kindern aus, um im Wald Blumen zu pflücken und den Schulplatz zu schmücken. Andere bringen die alten Schulbänke nach draussen für die Eröffnungsfeier, die in weniger als 24 Stunden stattfinden wird. Die Vorfreude ist spürbar. Nach neunmonatiger Bauzeit ist es soweit: Der Umzug in die neue Schule steht an. 

 
 
 
 

Der Schulplatz ist von der Morgensonne in ein warmes Licht gehüllt. Das wiederaufgebaute Hauptgebäude leuchtet gelb, rot die beiden sanierten Schulhäuser. Wie eine kleine Festung thront die neue, erdbebensichere Schule über dem Dorf. Tempa freut sich, dass er hier künftig lernen darf. «Ich kann mich gar nicht entscheiden, was mir am besten gefällt. Die Schule ist einfach wunderschön», sagt er. Marode Gebäude und dunkle Klassenzimmer gehören der Vergangenheit an. Die neuen Räume sind hell und gross, das Mobiliar ist modern, draussen gibt es einen grosszügigen Spielplatz. Neu sind auch die Toiletten mit Spülung und auf dem Hof sprudelt aus zwei Hähnen frisches Trinkwasser. Niemand hätte erwartet, dass nach den Verheerungen in so kurzer Zeit etwas Neues entstehen könnte. 

 
 
 

Kein Tag ohne Schule

Es geschah an einem schulfreien Tag – zum Glück. Als der Rektor Netra Bahadur Bhuyel der Schule in Palchok am 25. April 2015 kurz vor Mittag das Beben unter den Füssen spürte, jagten sich in seinem Kopf die Gedanken. «Ich dachte an meine Familie, an meine Freunde und an die Schülerinnen und Schüler». Kurzerhand machte er sich gemeinsam mit anderen Lehrern auf den Weg zu seinem Arbeitsplatz. Dort angekommen fanden sie nur noch Trümmer vor. Die mit Lehm und Feldsteinen errichteten Schulhäuser warem beim Beben der Stärke 7,9 wie Kartenhäuser zusammengefallen. «Das Hauptgebäude war dem Erdboden gleich, die beiden anderen Gebäude waren beschädigt. Wir retteten an Schulmaterial was zu retten war», sagt Bahadur Bhuyel.

95 Prozent der Häuser, Strassen und Schulen zerstört, 3100 Klassenräume komplett ausradiert oder einsturzgefährdet. So lautete die Bilanz nach dem Beben im Distrikt Sindhupalchok, der in etwa so gross ist wie der Kanton Tessin. Im Wissen darum, dass jeder Tag ohne Schule für die Bildung der Kinder ein verlorener Tag ist, begann Caritas sofort nach dem Beben mit den Aufräumarbeiten und errichtete  200 temporäre Klassenzimmer an 41 Schulen im Distrikt – zwei davon an der Palchok-Schule.

«Als die Kinder zurückkehrten, waren sie traumatisiert und hatten Angst», sagt der Rektor. Der Unterricht wurde ausgesetzt und stattdessen ein fünftägiges Spezialprogramm mit Tanzen und Singen durchgeführt. Das habe geholfen, erklärt Netra Bahadur Bhuyel, der immer noch darunter leidet, dass zwei Schulkinder durch das Erdbeben umgekommen sind. Inzwischen habe sich die Situation etwas normalisiert. Seit sie im Unterricht gelernt haben wie sie sich bei einer Naturkatastrophe besser schützen können, ist die Angst weniger geworden.

 

Ziege oder Haus

Ein Weiler in der Gemeinde Duwachaur. Die Luft ist sanft und weich. Aber in einigen Wochen, wenn die Sonne ihre ganze Kraft entwickelt hat, wird sich in den Wellblechhäusern nach der Winterkälte wieder die Hitze festsetzen. In einer der asketisch eingerichteten Ein-Zimmer-Hütten wohnt Tempa zusammen mit seiner Grossmutter Budhu Tamang: Eine kleine Feuerstelle, ein Bett, kein Stuhl, kein Tisch. Das neue Leben ist nur Flickwerk, vom alten ist wenig übriggeblieben – hier und da erinnert ein Parabolspiegel auf dem Dach eines Nachbarn daran, dass es auch eine Zeit vor den Wellblechsiedlungen gab, als die meisten Familien ein mehrstöckiges Haus bewohnten und Fernsehen Standard war.  

 
 

Ob und wann sie das Haus wiederaufbauen und ein Stück Normalität zurückgewinnen können, weiss die Grossmutter nicht. Von der Regierung hat sie die erste Tranche für den Wiederaufbau erhalten. Aber statt ein neues Fundament zu bauen entschied sie sich dafür die 50 000 nepalesischen Rupien (500 Franken) in den Kauf von Ziegen zu investieren – das erschien damals dringlicher.

 

Alles für den Enkel

Die 66-Jährige kehrt gerade von der Arbeit auf dem Feld zurück. Die Haare hat sie mit einem Tuch zusammengebunden, ihr Gesicht ist tief gefurcht und unter ihren Fingernägeln klebt schwarze Erde. Nach dem Beben gefragt, ringt sie nach Worten und hält sich die Hände über die Ohren, wie wenn sie die Geräusche der einstürzenden Mauern nicht an sich heranlassen möchte. Tempas Mutter, ihre Schwiegertochter, ist im Erdbeben ums Leben gekommen. Der Vater hat wieder geheiratet und ist mit seiner neuen Frau nach Kathmandu gezogen. Seither kümmert sie sich um ihren Enkel und schuftet noch härter, um ihm den Besuch der Schule zu ermöglichen. Trotzdem reichen die Einkünfte nicht immer aus, um die Kosten für Schuluniform, Schulmaterial und Prüfungsgebühren zu decken. «Dann helfen die Onkel von Tempa aus», sagt die zierliche Frau. 

 
 
 

Jeden Morgen packt Tempa seinen roten Schulsack und macht sich auf den zwanzigminütigen Weg über terrassierte Felder und durch Waldstücke zur Schule. «Englisch ist mein Lieblingsfach», sagt der 15-Jährige. Künstler möchte er einmal werden, «ich liebe es zu malen und zu zeichnen». In seinen Augen liegt etwas Trauriges und sie werden ganz blicklos, als wäre in ihnen bereits die Entbehrungen eines ganzen Lebens. 

 
 

Tempa – ein Vorbild für andere

Viele Kinder aus Tempas Siedlung gehen nicht zur Schule oder brechen sie vorzeitig ab. Die Perspektivenlosigkeit lähmt. «Sie führt mitunter dazu, dass manche Erwachsenen in den Tag hineinleben, Karten spielen, sich dem Alkohol zuwenden und sich nicht darum kümmern, dass die Kinder zur Schule gehen», sagt der Rektor. Er, der einst selbst Schüler war in Palchok und sich das Schulgeld nach dem unerwarteten Tod seines Vaters mit Gelegenheitsjobs verdient hatte, weiss um die verändernde Kraft der Bildung. Er scheute keinen Aufwand, auch Tempas Familie davon zu überzeugen – mit Erfolg. «Tempa ist diszipliniert in der Schule. Wenn er so weitermacht, kann etwas aus ihm werden», sagt er und hofft, dass andere Kinder aus dem Weiler seinem Vorbild folgen werden.

 
 


Maschine und Mensch sind gefordert

Der Wiederaufbau von Schulen in abgelegenen Bergdörfern wie Palchok ist ein Kraftakt. Viel Material muss herangebracht werden und eine Eisenbahn gibt es nicht. Der einzige Weg nach Palchok führt über eine Strasse. 200 kleinere Lastwagen beladen mit Sand, Kies, Holz und Zement kämpften sich den Berg hoch –  vom Bezirkshauptort Melamchi geht es nur noch im Schritttempo voran – Zentimeter für Zentimeter nach oben über eine ungeteerte Strasse mit Schlaglöchern und Wassergräben. Und immer die Zeit im Nacken; wenn im Juni der Monsun einsetzt und der Regen die staubigen Strassen in eine seifige Rutschbahn verwandelt, ist das Dorf bis Ende September von der Umwelt abgeschnitten.  

Die Topografie stellte auch die Ingenieure vor grosse Herausforderungen. Das Baugelände ist von der Natur vorgegeben: eine kleine Plattform hoch über dem Dorf, gleich dahinter ein bewaldeter Felsen, der steil aufragt. «Wir müssen mit limitierten Möglichkeiten arbeiten und das Beste herausholen», sagt Caritas-Ingenieur Thakur Tapa.

 
 

Raus aus dem Provisorium

Vom Schulhof in Palchok geht der Blick auf terrassierte Mais-, Hirse- und Weizenfelder. In der Ferne funkeln in Jyotibhanjyang die Dächer einer weiteren Wellblechsiedlung. Hier ist Nirjala zu Hause. 

 

Das 13-jährige Mädchen ist schon seit 5 Uhr auf den Beinen, hat das Haus geputzt und um 6.45 Uhr wie jeden Morgen die Zusatzklassen besucht. Als sie von der Schule heimkommt, wartet ihre Grossmutter mit dem Essen auf sie. Beide hatten Glück am 25. April 2015. Nirjala, die wie häufig an einem Samstag mit ihren Freundinnnen im Schulhaus gespielt hatte, konnte sich rechtzeitig ins Freie retten, ihre Grossmutter, die gerade beim Mittagessen sass, wurde nach vier Stunden von ihrem Enkel aus den Trümmern ihres Hauses befreit. Sie sind mit dem Schrecken davongekommen. Aber verloren haben sie trotzdem viel – ein schönes Haus und ein mehr oder weniger komfortables Leben. In ihrem neuen Zuhause aus Wellblech findet alles auf kleinstem Raum statt, jeder Zentimeter wird ausgenutzt. In einer Ecke stehen die Betten, in der anderen der Gasherd, den Rest der Wand nimmt ein Regal mit Maiskolben ein. Hinter einem Vorhang sind weitere Vorräte gestapelt. „Die Kleider können wir nirgendwo aufhängen, deshalb sind die Kinder manchmal nicht ordentlich gekleidet“, beklagt die Grossmutter. Das Leben im Provisorium bringt nicht nur Entbehrungen mit sich, die Familie fühlt sich auch nicht sicher. «Wasser dringt von überall ein, die Mäuse zerstören die Lebensmittel und neulich kam sogar eine Schlange bis vor unser Haus.»

 
 

Dort spült Nirjala gerade das Geschirr. Das Wasser dafür kommt aus einem grossen Bottich, der jeden Tag aufgefüllt werden muss. «Ich habe nicht die Kraft um mehr als 5-Liter auf einmal zu schleppen. Deshalb muss ich mehrmals laufen», sagt die Grossmutter und schaut zu Nirjala. «Glücklicherweise hilft mir meine Enkelin im Haushalt, obwohl sie viel für die Schule arbeitet. Ich bin so stolz auf sie». Die 13-Jährige hat sich ins Haus zurückgezogen.  Schnell erledigt sie noch einige Hausaufgaben – als Schreibpult nutzt sie eines der Betten –  dann wird es Zeit für sie. Gleich beginnt der reguläre Unterricht.

 

Nirjala will Ärztin werden

Zum Glück sind es nur ein paar Minuten zu Fuss bis zur Schule. Nirjala sucht sich einen Platz auf einem der Schulbänke. Im Naturkundeunterricht dreht sich heute alles um das Thema Salz. Nirjala und ihre Klassenkameraden lesen laut einen Text vor. Die Wände sind dünn. Ihre Stimmen vermischen sich mit den Lesegeräuschen auf dem Klassenzimmer nebenan und immer wieder bewegen sich kleine Staublawinen den Hang hinunter bis in die Klassenräume, ausgelöst von den Lastwagen die auf einer unbefestigten Strasse etwas oberhalb der Schule verkehren. «Das macht das Lernen manchmal etwas schwierig», sagt Nirjala. 

 

Aber auch in Jyotibhanjyang werden beengte Verhältnisse, extreme Hitze im Sommer, Kälte im Winter, staubige Schreibtische und im Wind klapperndes Wellblech bald Geschichte sein. In Kürze werden die provisorischen Klassenzimmer geräumt und die von Caritas wiederaufgebaute Schule der Gemeinde übergeben. Nirjala freut sich riesig. «Nach dem Beben zweifelte ich, ob die Schule je wieder aufgebaut würde. Als ich dann vom Projekt der Caritas erfuhr, war ich überglücklich», sagt die 13-Jährige, die ihr langes Haar zu zwei Pferdeschwänzen zusammengebunden hat.

 
 

Das Mädchen mit den wachen, aufmerkenden Augen weiss genau was sie will. «Ärztin werden und den Menschen in der Gemeinde helfen, die keinen Zugang zur medizinischen Versorgung haben.» Sie arbeitet hart an ihrem Traum und die Familie unterstützt sie wo sie nur kann. Aber einfach ist das nicht. Wie Tempa wächst auch Nirjala ohne Vater auf. Er hat die Familie verlassen, als sie neun Jahre alt war. Während sich die Grossmutter um Nirjala und ihre drei Geschwister kümmert, führt die Mutter den familieneigenen Bauernhof und bestellt die Felder. Ein festes Einkommen hat die Familie nicht und die Ausbildung zur Ärztin ist teuer. Deshalb denkt ihre Grossmutter in gedämpfter Hoffnung an die Zukunft. «Ich frage mich manchmal, ob wir das alles schaffen».

 

Endlich Bewegung statt Stillstand

Das Erdbeben hat das Leben der Menschen in Nepal in ein Vorher und Nachher geteilt. Sie alle haben viel verloren, geliebte Menschen, Hab und Gut und Zuversicht. Der Schmerz sitzt immer noch tief und viele macht er sprachlos. Wie könnte die Erinnerung daran auch verblassen, wenn Schutt, eingestürzte Dächer und provisorische Schutzhütten sie wachhalten. An manchen Ecken sieht es fast so aus, als hätte die Erde eben gerade gebebt. Nur langsam erhebt sich Nepal aus den Trümmern und rappelt sich wieder auf. 

 
 

Die von Caritas wiederaufgebauten Schulen sind ein erster Schritt zurück in ein normales Leben. Bis Ende 2018 plant Caritas mit Unterstützung der Glückskette den Wiederaufbau von 34 erdbebensicheren und kinderfreundlichen Schulen im Distrikt Sindhupalchok. Helvetas stellt die Wasserversorgung sicher.

Die Schulen sind das Fundament, auf dem die Jugend Nepals ihre Zukunft aufbauen kann. Nirjala wird in Jyotibhanjyang die besten Voraussetzungen vorfinden, um ihr ehrgeiziges Berufsziel zu erreichen. Und falls die Erde in Nepal wieder beben sollte, weiss sie, dass sie in der Schule sicher ist.

 

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