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Brasilien

Altöl wird zu Biodiesel

Über 1‘250 Müllsammlerinnen und Müllsammler im Grossraum Recife erzielen ihr Einkommen durch die Verwertung von unsachgemäss entsorgtem Abfall. Viele von ihnen leben auf der Strasse unter prekären Bedingungen. In Zusammenarbeit mit der lokalen Partnerorganisation unterstützt Caritas Schweiz fünf Kooperativen von Müllsammlerinnen und Müllsammlern bei der Verarbeitung von Altspeiseöl zu Biodiesel und beim Verkauf dieses Produkts. So können die Abfallsammelnden ein zusätzliches Einkommen erwirtschaften, gleichzeitig leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag zum Klima- und Umweltschutz.

 

Land/Region/Ort
Brasilien, Bundesstaat Pernambuco, Recife


Zielgruppe
600 marginalisierte Personen (122 Familien) von Müllsammlerinnen und -sammlern von fünf  Kooperativen im Grossraum Recife


Mittelbedarf
CHF 210'000


Projektdauer
01.03.2016 bis 28.02.2018


Projektnummer
P150121


Projektziel
Mit dem Recycling von Altspeiseöl leistet das Projekt einen Beitrag zum Klima- und Umweltschutz und zur Verbesserung der Lebenssituation von marginalisierten Gruppen.


Projektverantwortliche
Esther Belliger, Tel: 041 419 24 41; E‑Mail: ebelligerto make life hard for spam bots@to make life hard for spam botscaritasto make life hard for spam bots.ch


Abteilung
Afrika / Lateinamerika

 
 

Worum geht es?

Die Einstufung Brasiliens als Schwellenland auf Grund makroökonomischer Durchschnittswerte lässt häufig die enormen regionalen Unterschiede innerhalb des Landes ausser Acht. Für Teile Brasiliens im Südosten und Süden würde eher ein Platz im europäischen Entwicklungsranking zutreffen, während grosse Teilregionen im Norden und Nordosten nach wie vor typische Merkmale von Armutsgebieten in Entwicklungsländern aufweisen. So ist der Anteil der Menschen, die in absoluter Armut leben, im Nordosten fast doppelt so hoch wie im übrigen Land.

Recife, die Hauptstadt des Bundesstaates Pernambuco und das Wirtschafts- und Handelszentrum der Region, ist mit 1,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern die zweitgrösste Stadt des brasilianischen Nordostens; die gesamte Metropolregion umfasst vier Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Im Vergleich zu 1950 ist die Bevölkerungszahl der Stadt heute mehr als sechsmal so hoch. Wie im Rest des Landes hat dieser rasante Urbanisierungsprozess gravierende soziale, ökonomische und ökologische Auswirkungen. Der Grossraum Recife beherbergt die fünftgrösste Anzahl von Favelas in Brasilien und 97 Prozent der 1‘075 Slums des Bundesstaates Pernambuco.

In Recife werden täglich 2‘300 Tonnen Müll produziert, wovon rund 40 Prozent unsachgemäss entsorgt und nur gerade 4% rezikliert werden. Ein Grossteil des Abfalls wird von Müllsammlerinnen und Müllsammlern, den catadores, gesammelt, verlesen und zum Teil rezykliert. Deren durchschnittliches Monatseinkommen liegt deutlich unter dem nationalen Mindestlohn. Mehr als ein Drittel sind Analphabeten und gerade einmal 20 Prozent  haben einen Schulabschluss. Häufig unterstützen bereits die Kinder ihre Eltern bei den Müllsammeltätigkeiten. Die mangelnde Schulbildung oder das Fehlen beruflicher Qualifikationen machen eine Eingliederung in den formellen Arbeitsmarkt fast unmöglich. Im Projektgebiet Recife gibt es rund 1‘250 Müllsammlerinnen und -sammler. Viele von ihnen leben auf der Strasse unter prekären Bedingungen.

Im Zuge der Klimaerwärmung und der knapper werdenden Ressourcen steht das Thema Biodiesel wieder im Zentrum globaler Debatten. Aufgrund eines Gesetzes, welches einen Mindestanteil von Biodiesel am Treibstoffgemisch vorschreibt, entwickelte sich Brasilien zu einem der grössten Produzenten von Biotreibstoff. Weltweit haben innovative Projekte bewiesen, dass auch gebrauchtes Altspeiseöl («Küchenöl») als Rohstoff für Biodiesel dienen kann. In der Metropolregion Recife werden jährlich 50 Millionen Liter Altspeiseöl nicht fachgerecht entsorgt, was verheerende Konsequenzen für die Umwelt – insbesondere die Ressource Wasser – hat.

 

Was tun wir?

Mit dem Recycling von Altspeiseöl leistet dieses Projekt sowohl einen Beitrag zum Klima- und Umweltschutz wie auch zur Verbesserung der Lebensbedingungen einer marginalisierten Gruppe.

In Zusammenarbeit mit unserer lokalen Partnerorganisation, der regionalen Caritas, unterstützen wir fünf Kooperativen von Müllsammlerinnen und Müllsammlern bei der Verarbeitung von Altspeiseöl zu Biodiesel und beim Verkauf dieses Produkts. Lokale Partnerunternehmen der Kooperativen sowie Restaurants, Hotels, Kantinen und Schnellimbisse stellen ihr gebrauchtes Speiseöl zur Verfügung, welches von den Müllsammelnden abgeholt und mit Hilfe einer Anlage verarbeitet wird. Durch die Beigabe von Zusatzstoffen entsteht aus dem Altspeiseöl Biodiesel sowie das Nebenprodukt Glycerin. Dieses wird in einem einfachen Prozess zu Seife verarbeitet und kann ebenfalls verkauft werden. Mit verschiedenen Partnerunternehmen der Kooperativen sind Abnahmevereinbarungen für den Biodiesel und die Seifen abgeschlossen worden. Damit ist der Verkauf dieser Produkte gesichert und die Müllsammlerinnen und Müllsammler haben ein zusätzliches, planbares Einkommen.

Das Projekt begünstigt insgesamt 122 Familien von Müllsammlerinnen und –sammlern aus den fünf Kooperativen. Die Müllsammlerinnen und Müllsammler erwirtschaften durch diese Tätigkeit ein monatliches Zusatzeinkommen von rund 35 Franken (110 Reais) oder zusätzliche 16%. Dieses hilft ihnen, die Kosten für ihre Grundbedürfnisse, wie beispielsweise bessere Wohnverhältnisse oder die Schulbildung ihrer Kinder, zu decken. Der Rest des Gewinns fliesst in einen Solidaritätsfond, aus welchem primär die Kosten für den Betrieb und den Unterhalt der Anlage gedeckt werden. Mit den verbleibenden Fondsmitteln werden Familien in Notsituationen (beispielsweise bei Krankheit) unterstützt, wobei in einem partizipativen und transparenten Prozess entschieden wird, wer mit welchem Beitrag begünstigt wird.

Nebst der Erhöhung des Einkommens zielt das Projekt auch darauf ab, die Müllsammlerinnen und -sammler in ihrem Selbstwertgefühl und ihren Rechten als Bürgerinnen und Bürger zu stärken. Zu diesem Zweck werden verschiedene Workshops durchgeführt. Zudem wird die Verantwortung für den Betrieb der Anlage und die Administration des Solidaritätsfonds sukzessive an die Abfallsammelnden übertragen.

Gleichzeitig leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag zum Klima- und Umweltschutz. Das Recycling des Altspeiseöls zu Biodiesel führt zu einer Verringerung des Ressourcenverbrauchs und der CO2-Emissionen. Der geringe Aromaten- und Schwefelgehalt von Biodiesel reduziert überdies den Ausstoss von Schwefeldioxid; zudem wird eine Reduktion der Emissionen von Kohlenwasserstoffen, Kohlenstoffmonoxid und Feinstaub erreicht. Das beim Verarbeitungsprozess entstehende Glycerin wird zu Seife weiterverwertet, sodass bei der Produktion keine giftigen Abfallstoffe entstehen. Ausserdem wird durch das Einsammeln von gebrauchtem Speiseöl verhindert, dass dieses über das Abwasser oder den Müll ins Grundwasser gelangt. 

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Projekts ist die Sensibilisierung der Bevölkerung sowie die Lobbyarbeit zu Umweltfragen bei politischen Behörden. So werden Kommunikationsmaterialen erarbeitet und beispielsweise die Restaurants, Hotels und Schnellimbisse, welche ihr Öl zur Verfügung stellen, als umweltfreundliche Unternehmen gekennzeichnet.

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