«Immer wieder denken wir die Planung durch, damit die Hilfe richtig ankommt»

Ein Jahr ist es her, seit Erdbeben und Tsunami auf Sulawesi die Lebensgrundlagen von Hunderttausenden Menschen zerstörten. Heute ist der Wiederaufbau im Gang. Alexander Angermaier ist als Experte für Wiederaufbau eng in die Projektgestaltung eingebunden. In den vergangenen Monaten ist er mehrmals nach Indonesien gereist, um mit unserer Partnerorganisation Yaysan IBU den Bau und die Reparatur von Wassersystemen zu planen. Im Gespräch erzählt er von der Lage vor Ort und von dieser spannenden Aufgabe.

Wie geht es den Menschen heute?

Die Normalität kehrt langsam zurück. Doch noch immer ist der Zugang zu vielen der entlegenen Dörfer sehr schwierig. Das Dorf Olu ist zum Beispiel seit dem Erdbeben nur noch per Boot zu erreichen. Eines der grössten Probleme – darin sind sich die Menschen einig – ist aber, dass sie ihre Einkommensquellen verloren haben. Die Äcker eines Kakaobauern zum Beispiel sind um 50 Zentimeter abgesunken, die Pflanzen zerstört. Oft liegt es an der beschädigten Infrastruktur, dass die Betroffenen keine Lebensgrundlage mehr haben. Eine Bäuerin hat erzählt, dass das Bewässerungssystem verschüttet ist. Wie aber soll sie anpflanzen ohne Wasser? Überhaupt sind die zerstörten Wassersysteme ein grosses Problem. Sie führen dazu, dass die Menschen dreckiges Wasser zum Trinken und Kochen brauchen müssen. Die Gefahr von Krankheiten ist gross.

Die Caritas hilft unter anderem in neun Dörfern dabei, diese Wassersysteme langfristig zu reparieren. Was ist dabei deine Aufgabe?

Zusammen mit unserer Partnerorganisation plane ich den Bauprozess im Detail. In Workshops arbeiten wir gemeinsam an der Umsetzung: Wie müssen die Wassersysteme genau gebaut werden? Wie beschaffen wir das Material? Immer wieder prüfen wir das Vorhaben, damit es sicher bis zum Ende durchdacht ist. Es gab zum Beispiel in den Haushalten keine Wasserhähne. Unsere Hauptaufgabe – den Wasserzugang zu verbessern – war zwar mit der Reparatur der Leitungen erfüllt, aber das Wasser würde versickern und damit andere Probleme verursachen. Dafür mussten wir eine Lösung suchen. Das Ziel ist, Fehlplanungen zu vermeiden.

Abgesehen von technischen und praktischen Fragen: Was gibt es sonst zu berücksichtigen?

Blog Indonesien: «Immer wieder denken wir die Planung durch, damit die Hilfe richtig ankommt»Eine gute, partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Dorfbewohnern gehört nicht nur zu den Grundsätzen der Caritas-Arbeit, sie ist auch zentral für den Erfolg der Projekte. Gemeinsam mit ihnen schaffen wir Austauschgefässe und Strukturen, damit alle – Dienstleister, Partnerorganisationen und Dorfbewohner – ihre Sicht einbringen und ihren Beitrag leisten können. Dazu gehört auch, dass es einen anonymen Beschwerdeprozess für Begünstigte gibt. Gleichzeitig müssen wir beachten, dass die Hilfe wirklich bei allen ankommt, die sie am dringendsten nötig haben.

Hast du dafür ein Beispiel?

Das Wasser wird in einem Tank, meist ausserhalb des Dorfes, gesammelt und gelangt durch eine zentrale Leitung ins Dorfzentrum. Ein Verteilsystem leitet das Wasser in die verschiedenen Haushalte. Die Ärmsten wohnen aber meist am Dorfrand. Wie können wir sicherstellen, dass das Wasser auch zu ihnen gelangt? Dass es nicht von den Häusern abgeleitet wird, die sich näher am Verteiler befinden?

Der Wiederaufbau in Indonesien wird voraussichtlich noch über ein Jahr andauern. Ein Blick in die Zukunft: Was wird die Caritas dabei aus deiner Sicht besonders beschäftigen?

Blog Indonesien: «Immer wieder denken wir die Planung durch, damit die Hilfe richtig ankommt»Mir ist das sogenannte «gender mainstreaming» sehr wichtig. Das heisst, dass von Anfang an konsequent Frauen in die Projektgestaltung einbezogen und ihre Bedürfnisse berücksichtigt werden. Die Dorfvorsteher sind ja meistens Männer, auch in den Komitees mit Vertretern der Dörfer gibt es vor allem Männer. Es ist aber gut möglich, dass die Frauen ganz andere Probleme haben in ihrem Alltag.
Auch ökologische Fragen beschäftigen mich je lange je mehr: Wie können wir unser Engagement noch klimafreundlicher gestalten?

Bild oben rechts: Das Dorf Olu ist nur per Boot erreichbar. Die Menschen holen Trinkwasser aus dem See. (c) Bambang Febriandi Wibowo

Bild mitte links: Sartian (71) und seine beiden Grosskinder holen Wasser direkt von der zerstörten Leitung. (c) Bambang Febriandi Wibowo

Bild unten rechts: Alexander Angermaier, Experte für Wiederaufbau bei Caritas Schweiz und ab Oktober 2019 Landesdirektor Indonesien. (c) lauperzemp

Interview: Anna Haselbach, Caritas Schweiz

 
 

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