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Das Camp der verbrannten Identitäten

Es sind 40 Grad im Schatten, in den Zelten ist es noch einmal fünf Grad wärmer. Für die Besucher dieses inoffiziellen Camps syrischer Familien mag das anstrengend sein. Doch die Menschen, die hier leben, haben ganz andere Probleme. Vier Familien wohnen in einem Zelt, das sie mit Materialien von der Caritas wieder neu errichten mussten. Vor einem Monat ist ihr Lager komplett abgebrannt. Und mit allen Dingen, die das Feuer nahm, verloren die Syrer auch ihre Pässe. Und damit ihre Identitäten.

Die Folgen sind für die Familien schwerwiegend: „Selbst wenn wir eines Tages zurück wollten, geht es nicht mehr. Wir können uns an der syrischen Grenze nicht mehr ausweisen“, erklärt Dib Ahmed, ein 60-jähriger Familienvater. Insgesamt 30 Personen, darunter 17 Kinder, drängen sich auf engem Raum in diesem Zelt. Seit zwei Jahren sind sie auf der Flucht und seit zwei Jahren auf dem Grund und Boden eines Bauern, der sie inzwischen mit allen Mitteln loswerden will. Alle hier sind sich sicher, dass die Bauernfamilie es war, die das Feuer gelegt hat. Verletzt wurde zum Glück niemand.

Überleben kostet Geld, das keiner besitzt

Aus Angst vor weiteren Bombardements, die bereits ihre Häuser zerstört haben, machten sich über 50 Menschen aus dem Dorf Hadla auf den Weg in den Libanon. Der angeheuerte Bus kostete sie 10 Dollar pro Person und frass damit bereits einen Teil des wenigen Geldes, das sie überhaupt für die Flucht auftreiben konnten. Angekommen im Bekaa-Tal errichteten sie auf dem Grundstück eines Bauern ihr Camp. Die Caritas besorgte ihnen Matratzen, Bettzeug, Kochöfen, Brennstoffgutscheine, Hygieneartikel und Babywindeln. Immer mal wieder hilft die Caritas mit Lebensmittelgutscheinen, aber um genug zu essen zu haben, müssen die Flüchtlinge bei den Lebensmittelhändlern in der Umgebung Kredit aufnehmen. Deshalb versuchen sie, mit so wenigen Lebensmitteln wie möglich auszukommen. Das gefährdet vor allem die Gesundheit der Kinder, die mit Durchfall, Erbrechen und den verschiedensten Infektionskrankheiten zu kämpfen haben.

Seit kurzem ist klar, dass Dib Ahmed und die anderen Flüchtlinge hier endgültig weg müssen, denn der Bauer fordert 300 US-Dollar pro Zelt im Jahr. Geld, das die Syrer niemals aufbringen können. Also errichten sie gerade ein neues Camp an einer anderen Stelle. Aber auch das ist nicht einfach. Dibs Sohn Ahmad, 35 Jahre alt, ist der Konstrukteur im Camp. Er hat früher auf Baustellen in Syrien gelernt und gearbeitet. Fast alle Männer hier lernen von ihm. „Viele sind Akademiker, die haben keine Ahnung, wie man so etwas richtig macht!“, erzählt Ahmad. Er erklärt den anderen, wie man einen ebenen Boden aus Beton giesst und darauf eine stabile Holzkonstruktion mit Abdeckplanen errichtet. Das Material dafür bekommen sie von der Caritas.

Kidnapping in Syrien

Immer noch gibt es Neuankömmlinge im Lager. Ahmads Schwester Roukoya beispielsweise, ist erst vor wenigen Monaten in das Camp dazu gestossen. Der Ehemann der 32-jährigen ist in der Gegend von Idlib gekidnappt worden und sie hat schon wochenlang nichts mehr von ihm gehört. Der Busfahrer, so erzählte man ihr, wurde mit den 13 Insassen des Busses verschleppt. Wo sie verblieben sind, weiss dagegen keiner.

Doch nicht alle Familienmitglieder sind im Exil. Noch immer gibt es Kontakt zu denjenigen, die weiterhin in Syrien wohnen. Diese Verwandten konnten den Flüchtlingen zumindest ein wenig helfen: Nach dem Brand im Camp haben sie neue Bettsachen geschickt, die sie im Winter gut gebrauchen können. Wenn draussen Schnee liegt, werden die Flüchtlinge nur durch eine dünne Plastikplane von den Minusgraden getrennt sein. Der schwache Heizofen hilft da nicht viel.

Resigniert ist Dib Ahmad, wenn er auf seine momentane Lage blickt: „Sterben ist besser, als in dieser Situation zu leben“. Nicht nur seine Identität ist im Brand erloschen, sondern auch jegliche Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Text: Jörg Schaper, Caritas International / Bild: Philipp Spalek, Caritas International

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