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Palästina

Kinder verarbeiten den Krieg

Im Gazastreifen wachsen viele Kinder zwischen Krieg, Gewalt und Perspektivlosigkeit auf. Häufig ziehen sie sich zurück, werden apathisch oder aggressiv, und verlieren die Fähigkeit und Motivation, um zu lernen. Die Caritas hilft ihnen mit einem 10-Wochen-Programm dabei, mit den schwierigen Bedingungen umzugehen, mit zurückgewonnenem Lebensmut den Alltag zu meistern und gestärkt und lernfähig wieder am Schulalltag teilzunehmen.

 

Land / Region / Ort
Palästina: Gaza


Zielgruppe
Kinder zwischen 6 und 12 Jahren sowie Betreuerinnen und Betreuer in Gaza


Mittelbedarf
Rund 399'500 Schweizer Franken pro Jahr


Projektdauer
Langfristige Kinderpatenschaft


Projektnummer
P180042


Projektziel
Kinder im Gazastreifen können ihre Lernschwierigkeiten und Traumata, verursacht durch eine Kindheit in einem Krisengebiet, überwinden. Dank spezieller Programme nach der Schule erlangen Kinder ihre Lernfähigkeit wieder und können dadurch auch besser mit den Belastungen durch die anhaltende israelische Besetzung, die Unruhen innerhalb Palästinas, die Spaltung der Palästinenser, die latente Gefahr eines neuen militärischen Konflikts und ein überfülltes, von Lehrermangel gezeichneten Schulsystems im Alltag umgehen.


Projektverantwortliche
Caritas Schweiz, infonot shown@caritasto make life hard for spam bots.ch


Abteilung
Asien / Europa

 
 

Worum geht es?

Im Gazastreifen, einem der dichtestbesiedelten Gebiete der Welt, leben 2 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner unter sich ständig verschlechternden politischen und sozioökonomischen Bedingungen und in einem instabilen politischen Klima. Die anhaltende Besetzung durch Israel und die letzten drei bewaffneten Konflikte haben die Wirtschaft in die Knie gezwungen; auch die Infrastruktur für die Grundversorgung der Bevölkerung konnte nach ihrer Zerstörung nicht wiederaufgebaut werden. Hinzu kommt, dass die politische Spaltung in der palästinensischen Politik die öffentlichen Dienste und die Verwaltung lahmlegt. Dies führt zu wachsender Arbeitslosigkeit und demzufolge zu einer immer höheren Armutsquote und ist auch der Grund für die andauernde Stromknappheit. Als die USA Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannten, ist die Gewalt im Gazastreifen erneut eskaliert, was wiederum israelische Vergeltungsmassnahmen nach sich zog. Viele Bewohnerinnen und Bewohner im Gazastreifen fühlen sich wegen der desolaten Wirtschaftslage, der politischen Unsicherheit und der Besetzung bedroht, und die Gefahr vor weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen wird als real eingestuft. All diese Punkte tragen zu einer wachsenden Hoffnungslosigkeit und Verschlechterung der humanitären Lage bei.

Zu den Verwundbarsten im Gazastreifen gehören die Kinder – sie leiden nicht nur an ihren seelischen Verletzungen und der unzureichenden Grundversorgung. Ihnen fehlt auch ein Platz zum Spielen und generell der Zugang zu einem gesunden und ihnen wohlgesinnten Umfeld. Sie wachsen mit einem tiefen Gefühl von Hoffnungslosigkeit und einer grossen Zukunfts-Unsicherheit auf. Ein durchschnittliches 10-jährigen palästinensischen Kinder aus dem Gazastreifen hat die 365 Quadratkilometer lange Küstenenklave nie verlassen. Ausserdem war es bereits früh Zeuge von drei militärischen Eskalationen. Die Kinder gehen in 3-Stunden-«Schichten» zur Schule und sitzen zusammen mit 40 Klassenkameraden in völlig überfüllten Klassenzimmern. Sie sind es gewohnt, von Eltern und Lehrkräften körperlich bestraft zu werden. All diese einschneidenden Erlebnisse führen zu traumatischen Belastungsreaktionen, die ihre Aufnahmefähigkeit und die Möglichkeit, Informationen zu verarbeiten, beeinträchtigen. Das äussert sich hauptsächlich durch psychosoziale Reaktionen: eine zurückgebliebene persönliche Entwicklung, Lernschwierigkeiten und verminderte psychische Widerstandskraft, um mit einem Leben in diesem Krisengebiet klarzukommen.

Kinder reagieren auf Feindseligkeiten und Überbelastung normalerweise, indem sie ihren Bewegungsdrang drosseln und Sinne und Gefühle verschliessen, um sich vor weiteren negativen Erfahrungen zu schützen. Sie verstecken sich, bleiben zu Hause, werden apathisch und abgestumpft gegenüber Gleichaltrigen und verlieren häufig jegliche Motivation und das Interesse am Lernen. Einige Kinder werden aggressiv oder/und haben Konzentrationsschwierigkeiten. Kinder, die akuten negativen Stressfaktoren ausgesetzt sind, bleiben unter Umständen in ihrer Selbstentfaltung zurück und fühlen sich im Schulsystem überfordert. Frustration und emotionale Belastungsreaktionen sind die Folge davon. Die Schule im Gazastreifen hat auf diese Problematik keine geeigneten Antworten, da die Lehrkräfte weder die Ausbildung noch das Wissen haben, um auf Kinder individuell einzugehen. Viele Eltern wissen nicht, wie sie ihre Kinder unterstützen sollen, und reagieren, indem sie sie körperlich strafen, was die bereits gravierende Situation zusätzlich verschlimmert. Deshalb brauchen Kinder im Gazastreifen Hilfe und Unterstützung, damit für sie so etwas wie Normalität einkehrt und sie in der Lage sind, mit psychosozialen Notsituationen umzugehen und ihre Resilienz zu steigern. Für sie ist es wichtig, dass sie emotionale und sensorielle Fähigkeiten zurückgewinnen, welche die Basis für ihre Lernfähigkeit bilden.

 

Was tun wir?

Im Gazastreifen geht es geschätzten 300’000 Kinder so wie oben geschildert. Sie sind auf psychosoziale Hilfe angewiesen, da ihre Eltern hauptsächlich damit beschäftigt sind, den für die Familie nötigen Lebensunterhalt zu beschaffen, und da das Lehr- und Bildungspersonal – häufig selbst traumatisiert – überfordert ist.

Im Jahr 2014, nach der letzten Militäroffensive im Gazastreifen, wurden die spezifischen Bedürfnisse von Schulkindern mit Lernproblemen erkannt und thematisiert. Caritas Schweiz hat zusammen mit der lokalen Partnerhilfsorganisation Youth Empowerment Centre YEC das Konzept des integrierten pädagogischen und psychosozialen Lernprogramms überarbeitet. Dieses Programm, welches auf die Bedürfnisse der im Gazastreifen lebenden 6–9- und 9–12-jährigen Kinder abgestimmt ist, wird seit 2014 vor Ort umgesetzt. Jeder Programmzyklus dauert zehn Wochen und ist in vier Lerneinheiten pro Woche unterteilt, die von ausgebildeten Pädagoginnen und Pädagogen angeleitet werden.

Im Rahmen dieses Projekts wird dieses Programm in vier neuen mobilen Zentren angewendet (in den Grenzgebieten im Süden und Norden des Gazastreifens sowie in Gaza-Stadt) und integriert die Bedürfnisse von Kindern und Eltern, die vorher noch nicht an einem solchen Programm teilgenommen haben.

Das Projekt wendet einen ganzheitlichen, am Kind orientierten Lernansatz an und verbindet pädagogische mit strukturierten psychosozialen Elementen. Es greift Themen wie Angst, Verunsicherung, Wut und Rückzug auf und bietet ausserdem einen sicheren, geschlechtsneutralen Rahmen, wo Mädchen und Jungen spielen, lernen, sich treffen und gemeinsamen Aktivitäten nachgehen können. Auch hier stehen sie unter der Obhut von ausgebildeten Sozialarbeiter/innen und Heilpädagog/innen. Durch diesen Ansatz sollen Kinder mit Lernschwierigkeiten und Traumata ihre Lernfähigkeiten zurückerlangen und gleichzeitig psychisch stabiler und resistenter gegenüber einschneidenden Erlebnissen werden. Ziel ist, sie später wieder in ihre altersgemässe Schulstufe zurückzuführen. Im Programm versuchen die Caritas und YEC, die Sinne und die Körperwahrnehmung der Kinder mit unterschiedlichen sensoriellen Aufgaben sowie mit Malen, Zeichnen und durch das Geschichtenerzählen zu stimulieren. Die Programminhalte kreisen um ein bestimmtes Wochenthema, das auf die Fächer des Lehrplans abgestimmt ist. Diese Aktivitäten helfen den Kindern, ihre Gefühle zu traumatisierenden Erlebnissen freier auszudrücken, Eigenkompetenz zurückzuerlangen und Zugang zu ihren Erinnerungen zu finden. Das fürs Spielen, Lernen und Basteln benötigte Material ist Recyclinggut, das es in Hülle und Fülle in ihrer Umgebung gibt. Da Alltagsmaterial aus dem Umfeld der Kinder verarbeitet wird, wird auch die Kreativität und die Fähigkeit, sich selbst zu organisieren, gefördert, was wiederum die Resilienz steigert. So gelingt es, innerhalb von zehn Wochen die Fähigkeiten der Kinder so zu stärken, dass sie die ihrem Alter entsprechende Schulstufe wieder erreichen.

In vorgängigen Umsetzungsphasen des Projekts konnten etwa 85 Prozent der am Programm teilnehmenden Kinder ihre Lernfähigkeit wiedererlangen; Fähigkeiten entwickeln, um ihre Resilienz in Belastungsmomenten zu bewahren oder gar zu steigern. Kinder, denen dies nicht gelingt, können an einem weiteren Zyklus teilnehmen oder werden an spezialisierte Stellen weitergeleitet.

Das Projekt hilft auch Eltern: Sie lernen, wie sie ihre Kinder in ihrer Entwicklung unterstützen können; dazu erhalten sie Anweisungen zur Kleinkindentwicklung und zu den Lernphasen eines Kindes sowie zur Verwendung von Recyclingmaterialien und -ressourcen, um eine kinderfreundliche Umgebung zu schaffen. Das Programm schliesst für die Eltern auch Follow-up-Besuche zu Hause ein. Jeweils am Ende jedes 10-Wochen-Zyklus wird zusammen mit allen involvierten Interessensgruppen Rückschau gehalten, sodass neue Erkenntnisse in das nächste 10-Wochen-Programm einfliessen können.

 

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