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Palästina

Behandlung traumatisierter Bevölkerung

Auf 2,5 Millionen Einwohner in der Westbank kommen lediglich 17 Psychiater und 15 Psychologinnen. Caritas baut einen Ausbildungsgang in klinischer Psychotherapie auf. Für die stark belastete Bevölkerung verbessert sich dadurch der Zugang zu psychologischer Betreuung.

 

Land/Region/Ort:
Palästina, Westbank, Hebron


Zielgruppe:
Während zwei Jahren werden 15 palästinensische Psychotherapeuten klinisch ausgebildet und 14'400 Klienten erhalten psychologische Betreuung in den Kliniken


Mittelbedarf:
208 063 Franken


Projektdauer:
01.01.2016 bis 31.12.2017


Projektnummer:
P150117


Projektziel:
Die Etablierung eines praxisorientierten Ausbildungsganges für lokale Psychotherapeuten in klinischer Psychotherapie ermöglicht eine berufliche Weiterentwicklung lokaler Fachleute und dadurch den Zugang einer stark traumatisierten Bevölkerung zu kultursensitiver und kontextspezifischer psychotherapeutischer Betreuung.


Projektverantwortlicher:
Patrick Koop, Tel: +41 41 419 23 13, pkoopto make life hard for spam bots@to make life hard for spam botscaritasto make life hard for spam bots.ch


Abteilung:
Asien/Europa

 
 

Worum geht es?

Die rechtliche, soziale, wirtschaftliche, politische sowie humanitäre Situation der mehr als vier Millionen Palästinenserinnen und Palästinenser verschlechtert sich laufend durch die seit 1967 andauernde israelische Besetzung der palästinensischen Gebiete. Die starke Einschränkung in ihrer Bewegungsfreiheit durch die physischen Kontrollposten und bürokratischen Hindernisse, wirtschaftlichen Handelsbarrieren, starke Zerstückelung der Westbank durch den voranschreitenden Siedlungsbau, Diskriminierung durch das israelische Militär sowie fehlende Kontrolle über die eigenen Boden- und Wasserressourcen verhindern eine nachhaltige Entwicklung der lokalen Bevölkerung. Die Arbeitslosenrate und die Bevölkerungsdichte sind ungebrochen hoch in den besetzten Gebieten, und der andauernde Konflikt mit Israel manifestiert sich vielerorts in der Westbank in täglichen Gewaltausbrüchen zwischen der palästinensischen Bevölkerung, den jüdischen Siedlern sowie dem israelischen Militär.

Die anhaltende Besatzung führt bei der palästinensischen Bevölkerung zu vielerlei Arten von psychologischem Stress, der sich in Depressionen, Frustration, Wut und Angst äussert. Die grosse psychologische Belastung verhindert sowohl langfristige Entwicklungsperspektiven als auch die Herausbildung von konstruktiven Bewältigungsstrategien im Umgang mit dem andauernden bewaffneten Konflikt. Die grosse Ohnmacht über die tagtäglich erfahrene Perspektivlosigkeit entlädt sich bei der männlichen Bevölkerung oftmals in der eigenen Familie. Dementsprechend sind Frauen und Kinder besonders stark von häuslicher und psychologischer Gewalt betroffen. Diese Gewalterfahrungen haben insbesondere bei Kindern schwerwiegende und langanhaltende psychologische Stresssymptome zur Folge.

Bis heute existiert in den besetzten Gebieten kein offiziell anerkannter praxisorientierter Ausbildungsgang für psychologisches Gesundheitspersonal. Die psychologische Grundversorgung wird weitgehend durch internationale Institutionen und Experten im Rahmen von humanitären Interventionen gesichert. Die psychologische Betreuung basiert dabei auf unterschiedlichen psychotherapeutischen Ansätzen aus Amerika oder Europa, welche den spezifischen kulturellen, wertebasierten und traditionellen Bedürfnissen der palästinensischen Bevölkerung oft nicht gerecht werden. Diese internationale Abdeckung der psychologischen Grundversorgung sowie die Nichtexistenz eines adäquaten Ausbildungsgangs für lokale Berufsleute verhindern die Entwicklung eines unabhängigen lokalen Arbeitsmarkts in der psychologischen Grundversorgung.

Auf 2,5 Millionen Einwohner in der Westbank kommen heute lediglich 17 PsychiaterInnen, 15 PsychologInnen, 22 SozialarbeiterInnen sowie fünf israelische BesatzungstherapeutInnen. Der dringende zusätzliche Bedarf an psychologischem Gesundheitspersonal wird von allen relevanten Interessengruppen wie Arbeitgebern, staatlichen Institutionen, Universitäten, den Vereinten Nationen, lokalen und internationalen Nichtregierungs- sowie Regierungsorganisationen, lokalen und internationalen Fachexperten sowie der palästinensischen Bevölkerung selber gleichermassen anerkannt und betont.

 

Was tun wir?

Das unmittelbare Ziel des vorliegenden Projektes ist es, einen nachhaltigen, lokal verankerten und kultursensitiven Ausbildungsgang in klinischer Psychotherapie für bereits praktizierende Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen zu etablieren. Dafür wurden im Projektvorfeld während einer Konferenz mit 27 nationalen sowie internationalen Psychotherapie-ExpertInnen die Rahmenbedingungen inklusive Curriculum erarbeitet. Nach der Zertifizierung des Ausbildungsgangs durch das palästinensische Bildungs- und Gesundheitsministerium als erster höherer Diplomlehrgang in klinischer Psychotherapie wird unsere Partnerorganisation AMAL (Arabisch für „Hoffnung“) in Zusammenarbeit mit der renommierten Al-Quds Universität in Ost-Jerusalem im Frühjahr 2016 den ersten akkreditierten Lehrgangskurs starten.

Das langfristige Ziel des Projektes besteht darin, der stark traumatisierten Bevölkerung in der Westbank Zugang zu einer auf ihren spezifischen Kultur- und Konfliktkontext massgeschneiderten psychologischen Betreuung zu gewährleisten. Dies soll die Menschen vor Ort dabei unterstützen, einen möglichst konstruktiven Umgang mit Gewalt- und Konflikterfahrungen zu entwickeln. Der regionale Fokus liegt insbesondere in der mit 230‘000 Menschen am dichtesten bevölkerten Region um Hebron, die immer wieder Schauplatz für grosse Gewaltspiralen zwischen den israelischen Siedlern und der palästinensischen Bevölkerung ist.

Der Diplomlehrgang in klinischer Psychotherapie dauert zwei Jahre. Pro Lehrgang werden 15 Studentinnen und Studenten aufgenommen, die neben der akademischen theoretischen Grundausbildung während aller vier Semester praktische Berufserfahrung in klinischer Psychotherapie im Bethlehem-Spital für Psychiatrie sowie an Partnerkliniken der Universität erhalten. Mittels ergänzender Einzel- sowie Gruppen-Supervisionen an den Arbeitsplätzen sowie am Ausbildungszentrum der Partnerorganisation AMAL können sie ihre Praxisfähigkeiten laufend überprüfen und verbessern. Der Ausbildungsgang wird von einer Experten-Beratungskommission überwacht und begleitet und bei Bedarf an sich verändernde Kontext- oder Konfliktsituationen angepasst.

Nach der Durchführung des ersten vollständigen Ausbildungsganges wird Ende 2017 ein Pool von 15 Psychotherapeutinnen und –therapeuten, holistisch ausgebildet in klinischer Psychotherapie, fähig sein, Kinder, Frauen und Männer in der Westbank bei der Verarbeitung von traumatisierenden Gewalt- und Konflikterfahrungen nachhaltig und spezifisch zu unterstützen. Bereits während ihres Ausbildungsganges werden die insgesamt 15 Psychotherapeuten bis zu 14‘400 PatientInnen fachlich kompetent behandeln und sich nach Abschluss des Diplomlehrgangs dann Vollzeit für das Wohl der palästinensischen Bevölkerung einsetzen.

Die Al-Quds Universität wird nach Projektende den akkreditierten Ausbildungsgang vollständig übernehmen. Durch die enge Kooperation mit dem Bildungs- sowie Gesundheitsministerium und den Partnerkliniken und durch die garantierte Weiterführung des Ausbildungsganges in Unabhängigkeit von internationalen Institutionen wird die lokale Ownership gesichert. Der Pool an lokal ausgebildeten Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten kann in den kommenden Jahren laufend erweitert werden und das Leid und der Stress der unter tagtäglicher Besatzung lebenden palästinensischen Bevölkerung langfristig gemildert sowie ihre konstruktiven Bewältigungsmechanismen gestärkt werden.

 

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