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Brasilien

Perspektiven für Strassenkinder und gefährdete Kinder in Recife

Rund 500 Kinder und Jugendliche leben in der Stadt Recife auf der Strasse. Sie haben oft keinen Zugang zu sozialen Diensten und ihre Rechte sind nicht gewährleistet. Viele können nicht lesen und schreiben. Dies und ihr ungeregelter Tagesablauf, Drogenmissbrauch und gewalttätiges Verhalten sind fast unüberwindliche Hindernisse für einen Eintritt in die Arbeitswelt. In diesem Projekt motivieren Streetworker die Kinder, in ihr Zentrum zu kommen, wo sie duschen, schlafen und etwas essen können. Die Kinder können auch an verschiedenen Freizeitangeboten teilnehmen. Im Gespräch helfen die Fachleute den Kindern, Schritte aus dem Dasein auf der Strasse hinaus zu tun. Sie helfen Jugendlichen, einen Einstieg ins Arbeitsleben zu finden.

 

Land / Region / Ort
Brasilien / Recife


Zielgruppe
4‘400 Kinder und Jugendliche von der Strasse oder aus armen Quartieren und ihre Familien, Gemeindemitglieder und Mitarbeitende von öffentlichen Sozialeinrichtungen 


Mittelbedarf
Rund 242'000 Franken pro Jahr


Projektdauer
Langfristige Kinderpatenschaft


Projektnummer
P180014


Projektziel
Die Lebensqualität von Strassenkindern und -jugendlichen sowie ihrer Familien im Grossraum Recife ist durch die Förderung ihrer Rechte, Empowerment und aktive Bürgerbeteiligung verbessert.


Projektverantwortliche
Esther Belliger, Tel: 041 419 24 41, ebelligerto make life hard for spam bots@to make life hard for spam botscaritasto make life hard for spam bots.ch


Abteilung
Afrika / Lateinamerika

 
 

Worum geht es?

Nach Jahren des Wachstums zählt Brasilien heute mit einem Bruttoinlandsprodukt von 1‘796 Milliarden US-Dollar zu den zehn grössten Volkswirtschaften der Welt. Seit einigen Jahren durchlebt das Land jedoch eine schwere wirtschaftliche Rezession. Zwischen 2011 und 2016 ist beispielsweise das durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von 13‘200 um über 30 Prozent auf knapp 8‘700 US-Dollar gesunken. Zwar konnte seit 1990 der Anteil der Brasilianer und Brasilianerinnen, die in absoluter Armut leben, dank diverser Sozialprogramme deutlich reduziert werden. Diese sind indes infolge der sich verschlechternden wirtschaftlichen Situation akut gefährdet.

Trotz aller Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte bestehen in Brasilien nach wie vor gewaltige soziale und regionale Ungleichheiten und Defizite zwischen einzelnen Regionen und Bevölkerungsgruppen:  So sind im Norden und Nordosten des Landes gewisse Sozialindikatoren auf dem Niveau von Ländern Subsahara-Afrikas, in der 54 Prozent aller Armen und 72 Prozent aller extrem Armen leben. Besonders von der Armut betroffen sind Kinder und Jugendliche, von denen über 60 Prozent aus Familien stammen, deren monatliches Pro-Kopf-Einkommen unter 120 Franken liegt. Dies entspricht knapp einem halben Mindesteinkommen.

Die prekäre Situation des Nordostens spiegelt sich in den Kriminalitätsraten wider. Im Jahr 2015 verzeichnete Brasilien insgesamt 59‘000 Tötungsdelikte, mit steigender Tendenz im Norden und Nordosten. Der Bundesstaat Pernambuco, in welchem das Projekt angesiedelt ist, liegt mit durchschnittlich sechs getöteten Jugendlichen und jungen Erwachsenen täglich deutlich über dem nationalen Durchschnitt. Die Stadt Recife, Hauptstadt von Pernambuco, zählt rund 1,6 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Davon sind 36 Prozent Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Wie viele andere brasilianische Grossstädte ist auch Recife von Hunderten von Favelas (Slums) durchzogen. Diese Viertel, in welchen die ärmsten Bevölkerungsgruppen mit einem tiefen Bildungsniveau leben, sind gekennzeichnet durch das Fehlen öffentlicher Dienste, Informalität und prekäre Arbeitsbedingungen, Alkohol- und Drogenmissbrauch, ein grosses Gewaltpotential in den Familien und der Öffentlichkeit, Auseinandersetzungen mit der Polizei und Drogenhandel. Kinder und Jugendliche werden oft zu Opfern sexueller Ausbeutung, müssen Kinderarbeit leisten oder werden im Drogenhandel eingesetzt.

Laut Partnerorganisation Grupo Ruas e Praças leben in Recife rund 500 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren auf der Strasse. Unter den auf der Strasse lebenden Personen sind insbesondere Kinder und Jugendliche sehr hohen Risiken ausgesetzt, weil sie in der Regel keinen Zugang zu sozialen Diensten und Einrichtungen haben und ihre grundlegenden Rechte nicht gewährleistet sind. Viele dieser Jugendlichen sind zudem Analphabeten, da sie oft nicht einmal die Grundschule abgeschlossen haben. Dies und ihr ungeregelter Tagesablauf, Drogenmissbrauch und gewalttätiges Verhalten sind fast unüberwindliche Hindernisse für einen Eintritt in die Arbeitswelt.

 

Was tun wir?

Die Grupo Ruas e Praças (GRP), unser Partner im vorliegenden Projekt, kann auf nahezu drei Jahrzehnte Erfahrung in der Arbeit mit Strassenkindern und –jugendlichen im Grossraum Recife zurückblicken. In den letzten Jahren ist es der Organisation gelungen, von den rund 330 von ihr betreuten Strassenjugendlichen gut 160 wieder in ihre Familien zu reintegrieren. Zudem hat sich der Zugang der Jugendlichen zu Basisgesundheits- und Sozialdiensten sowie anderen staatlichen Dienstleistungen wie etwa Schulen spürbar verbessert.

Im vorliegenden Projekt führt die GRP ihre Aktivitäten mit 750 Kindern und Jugendlichen weiter, welche entweder auf der Strasse oder in vulnerablen Situationen in einer Favela leben. Pädagoginnen und Pädagogen suchen regelmässig Strassen und Plätze Recifes auf und suchen das Gespräch mit den Strassenkindern, die sich dort aufhalten. Oft laden sie diese dann ein, den Hauptsitz der Organisation im Stadtzentrum zu besuchen, wo die Jugendlichen in einer geschützten Umgebung duschen, sich ausruhen und etwas essen können. Sie haben dort auch die Möglichkeit, sich verschiedenen Freizeitaktivitäten wie Musik, Fussball oder Capoeira (brasilianischer Kampftanz) zu widmen oder an Workshops und Exkursionen teilzunehmen.

Während den verschiedenen Aktivitäten werden die Kinder und Jugendlichen dazu ermutigt, über ihre aktuelle Lebenssituation nachzudenken und sich zu überlegen, wie sie ihrem Leben eine neue Wendung geben könnten. Zu diesem Zweck verwendet die GRP das Instrument des Individuellen Entwicklungsplans (IEP). Dabei formulieren die Kinder und Jugendlichen mit Unterstützung von Pädagogen und Sozialarbeiter/innen einen neuen Lebensentwurf mit konkreten Zielen und Aktivitäten.

Brasilien verfügt über ein dichtes Netz von öffentlichen Einrichtungen und Dienstleistungen, welche jedoch den Kindern und Jugendlichen sowie deren Familien in der Regel unbekannt sind. Die Hürde, Unterstützung in Anspruch zu nehmen, ist entsprechend gross. Je nach Bedarf vermittelt GRP den Kontakt zu den jeweiligen Einrichtungen und stellt sicher, dass die Begünstigten die Unterstützung erhalten, welche ihnen zusteht.

Für viele Jugendliche aus den Favelas stellt der Eintritt in ein formelles Arbeitsverhältnis eine unüberwindbare Hürde dar. Meist fehlt es ihnen sowohl an Wissen über Ausbildungsmöglichkeiten, die dafür notwendigen Fähigkeiten und Verhaltensweisen sowie eine Orientierung seitens der Eltern. Hinzu kommt Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe und Herkunft. Um den Einstieg in die Arbeitswelt zu vereinfachen, bietet GRP Jugendlichen aus sozial benachteiligten Stadtvierteln, parallel zum staatlichen Regelunterricht, einen berufsvorbereitenden Kurs an.

Nebst der direkten Betreuung, Förderung und Wiedereingliederung der vulnerablen und auf der Strasse lebenden Kinder und Jugendlichen geht es auch darum, die Gesellschaft für die sozialen Probleme dieser Jugendlichen und deren Rechte zu sensibilisieren. Zu diesem Zweck führt GRP verschiedene Aktionen durch, wie z.B. Informationsveranstaltungen zur Senkung des Strafmündigkeitsalters, die Dienstleistungen der Sozialhilfeeinrichtungen oder die weit verbreitete Polizeigewalt. Unsere Partnerorganisation setzt sich jedoch auch für die Verbesserung der politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen ein. Sie versucht, auf die Formulierung der entsprechenden Sektorpolitiken Einfluss zu nehmen und überwacht die Umsetzung der bestehenden Politiken.

 

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