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Interview

«Unsere Kinder schmeissen wir mit 18 auch nicht aus dem Haus»

In der Schweiz leben etwa 5000 Kinder und Jugendliche, die als Flüchtlinge ohne Begleitung ihrer Eltern in die Schweiz gekommen sind. Diese Kinderflüchtlinge brauchen besondere Unterstützung, wie Martin Flügel, Leiter Politik bei Caritas Schweiz, erklärt.

 

Was unterscheidet Kinderflüchtlinge von Erwachsenen oder Familien im Asylbereich?

Sie leben hier ohne Eltern, ohne ihr gewohntes familiäres Umfeld. Bereits auf der Flucht mussten sie alles selbst bewältigen und dabei permanent einschätzen, wer ihnen gut oder böse gesinnt ist. Manche haben ihre Eltern oder andere Familienangehörige unterwegs verloren. Das sind schwere zusätzliche psychische Belastungen. Auf der anderen Seite steht ihr jugendliches Alter, sie träumen vom Leben, sind motiviert und bringen ein grosses Potenzial mit sich.

Wie beurteilen Sie den Umgang der Schweiz mit Kinderflüchtlingen?

Ich denke nicht, dass wir ihnen gerecht werden. Vor zwei Jahren stieg die Zahl unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender dramatisch an. In der Folge gab es teilweise schlimme Verhältnisse, was Betreuung und Unterkünfte anging. Viele 15-Jährige waren ohne spezifische Unterstützung mit fremden Erwachsenen untergebracht. Das hat sich inzwischen stark verbessert. Es gibt aber noch immer Defizite.

Wo sehen Sie die grössten Probleme?

Den jüngeren Kindern fehlt es an einem stabilen Netz. Sie bekommen nicht die nötige Geborgenheit und Erziehung. Die älteren Jugendlichen sind psychisch oft stabiler, leiden aber unter einem gravierenden Bildungsmanko. Sie dürfen nach dem 16. Geburtstag nicht mehr die öffentliche Schule besuchen. Wegen fehlenden sprachlichen und schulischen Kenntnissen sind sie auch nicht in der Lage, einen Beruf zu erlernen, und fallen durch die Maschen.

Die allermeisten Kinderflüchtlinge werden vorläufig aufgenommen. Da sie aus Ländern mit lange andauernden Konflikten stammen, werden sie kaum je zurückkehren können. Gleichzeitig ist die vorläufige Aufnahme ein unsicherer Status. Was bedeutet das für die Zukunft dieser jungen Menschen?

Dieses Vorgehen ist aus Sicht der Caritas mindestens unklug. Wenn wir möchten, dass die Kinder und Jugendlichen ihre ganze Energie, ihre Power hier investieren, müssen wir ihnen eine Perspektive gebenstatt ihnen Steine in den Weg zu legen. Am besten würde man sie aus dem Asylprozess herausnehmen und ihnen eine Aufenthaltsbewilligung geben. Es sind ja nicht Zehntausende. Wenn jemand trotzdem in sein Land zurück will, bleibt ihm das ja nicht verwehrt. Mit dem Asylverfahren legen wir den jungen Menschen Fesseln an, dass es einem bange wird.

Kinderflüchtlinge sind in erster Linien Kinder, schreibt die Caritas. Was heisst das?

Sie brauchen das Gleiche, was unsere Kinder auch brauchen: Liebe, Zuneigung, Erziehung mit klaren Grenzsetzungen, ein stabiles Umfeld, die Grundsicherheit, dass es am Schluss gut wird. Sie benötigen Bildung so vermittelt, dass sie sie aufnehmen können. Dabei sind die Voraussetzungen sehr unterschiedlich: Manche Kinderflüchtlinge sind Analphabeten, andere Mittelschüler. Sie brauchen ein Daheim. Unsere Kinder haben ein Bett, ein Zimmer vielfach für sich allein, eigene Kleider, eine eigene Welt, über die sie ein Stück weit verfügen können.

 

Bezüglich Bildung gibt es in der Schweiz ja die Schulpflicht.

Die Schule ist aktuell nicht in der Lage, diese Heterogenität abzudecken. Bei 12-Jährigen gelingt die Schulintegration meistens gut, bei älteren reicht die Schulpflicht nicht aus. Das Bildungssystem hat heute noch keine Antwort auf die Frage, was man mit einem 16-jährigen Afghanen macht, der in seiner eigenen Sprache nur knapp lesen und schreiben kann. Es fehlt an den nötigen Mitteln für eine Förderung über die obligatorische Schulzeit hinaus, wobei es grosse Unterschiede zwischen den Kantonen gibt.

Was fordert die Caritas bezüglich Schulbildung konkret?

Es soll das Gleiche gelten wie für die hiesigen Kinder. Für sie stellen wir den Anspruch, dass sie durch die allgemeine Schulbildung ein bestimmtes Niveau der Allgemeinbildung erreichen. Nach der obligatorischen Schulzeit sollen 95 Prozent der Kinder in der Lage sein, eine Lehre oder eine weiterführende Schule zu absolvieren. Dieses Ziel wird heute nahezu erreicht, doch dafür wurden auch grosse Anstrengungen unternommen. Es wurden spezielle Brückenangebote eingerichtet. Wir sind der klaren Ansicht, dass dieses Ziel auch für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge zu gelten hat. Dafür muss wie bei den Schweizer Kindern investiert werden. Denn wenn diese jungen Leute den Anschluss nicht finden und ihr Leben lang von der Sozialhilfe leben müssen, dann wird es sehr, sehr teuer.

Caritas fordert auch, dass die Schweiz über das 18. Altersjahr hinaus Verantwortung übernimmt. Wieso?

Wenn bei uns jemand 18 Jahre alt wird, bleibt die Familienstruktur bestehen. Es ist ja nicht so, dass wir unsere Kinder rausschmeissen und nicht mehr mit ihnen sprechen, wenn sie volljährig werden. Das ist aber bei genauer Betrachtung bei unbegleiteten Kinderflüchtlingen der Fall: Sie verlieren ihre Bezugspersonen, die Rechtsberatung fällt weg, sie müssen Unterkunft und Wohnort verlassen und das soziale Umfeld fällt weg. Das behindert sie massiv in ihrer Entwicklung und konfrontiert sie mit einer völlig neuen Situation. Sie ziehen ja nicht um, weil sie das so wollen, sondern weil sie 18 werden. Dies ist ein radikaler Einschnitt in ihr Leben, der völlig künstlich ist.

Sie sind regelmässig im Gespräch mit Bundespolitikerinnen und -politikern. Wie gross ist das Bewusstsein für diese Thematik?

Es hat mich erstaunt, wie wenig politische Vorstösse es zum Thema Kinderflüchtlinge gibt. Diese Entwicklung ist noch nicht richtig angekommen in der Bundespolitik. Die Kantone haben Richtlinien von hoher Qualität formuliert. Dies zeigt, dass ein gewisses Bewusstsein vorhanden ist, aber die Heterogenität in der Umsetzung ist sehr gross. Für die Kinderflüchtlinge wird es so zu einer Lotterie, wo sie hinkommen. In gewissen Kantonen treffen sie eine relativ gute Situation an, in anderen Kantonen stimmt vieles noch nicht.

Welche politischen Weichenstellungen braucht es?

Es ist vor allem eine finanzielle Frage. Aus unserer Sicht muss sich der Bund stärker beteiligen und dafür sorgen, dass die Kinderrechtskonvention und die Richtlinien der Kantonalen Sozialdirektorenkonferenz wirklich eingehalten werden in der ganzen Schweiz. Und es braucht eine Harmonisierung der Betreuungs- und Bildungsstandards zwischen den Kantonen.

 

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