Wie können wir uns nachhaltig ernähren?

Positionen der Caritas zur aktuellen Ernährungsdebatte - Mediendienst 09/2021

Armut und Hunger nehmen mit der Erderhitzung und häufigeren Extremwetterereignissen sowie mit der Covid-19-Gesundheits- und Wirtschaftskrise weltweit zu. Aufgrund der Dringlichkeit zum Handeln luden die Vereinten Nationen (UNO) am 23. September zum Gipfel für einen nachhaltigen Wandel im weltweiten Ernährungssystem ein. Die Caritas bringt sich mit klaren Positionen in die aktuelle Ernährungsdebatte ein.

Immer mehr Menschen hungern. Der Hunger in südasiatischen, lateinamerikanischen und afrikanischen Ländern steigt aufgrund von Armut und Ungleichheit, wegen gewaltsamen Konflikten sowie in zunehmendem Masse wegen der ungebremsten Erhitzung der Erde: Bereits stellen klimawandelbedingte Schocks eine der Hauptursachen für akute Ernährungskrisen dar.

Seit Anfang der 1990er Jahre haben sich Katastrophen wie Hitzewellen, Dürren und Überschwemmungen verdoppelt. Darunter leiden Bäuerinnen und Bauern in ländlichen Gebieten besonders. Die verheerenden Klimaauswirkungen zerstören ihre Ernte und ihren Viehbestand, ihre Häuser und Höfe, und somit unmittelbar ihre Lebensgrundlage: Die Klimakrise droht immer mehr zur Hungerkatastrophe zu werden.

Hinzu kommt mit Covid-19 eine weltumspannende Gesundheits- und Wirtschaftskrise. Erstmals seit den 1990er Jahren steigt die Zahl der extrem armen Menschen wieder an. Laut der Weltbank werden bis Ende 2021 bis zu 150 Millionen Menschen mehr um die nackte Existenz kämpfen. Im schlimmsten Fall geht die UNO von knapp 400 Millionen aus. Damit würde sich die Zahl der Menschen, die weltweit von weniger als 2 Franken pro Tag leben, auf mehr als eine Milliarde erhöhen.

Mehr Nachhaltigkeit in der landwirtschaftlichen Produktion

Beide Krisen, Klima und Corona, zeigen: Die Art und Weise, wie wir uns weltweit ernähren – also das gesamte Ernährungssystem, vom Anbau und der Ernte über die Verarbeitung bis zum Verzehr und der Entsorgung von Lebensmitteln –, ist weder sozial und ökologisch nachhaltig noch gut gegen Krisen gewappnet. Damit die Ernährung gerechter, krisenfest und klimaverträglich wird, braucht es zwei Dinge: mehr Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft und mehr Nachhaltigkeit im weltweiten Ernährungssystem.

In der industriellen, stark auf Export ausgerichteten Landwirtschaft wird versucht, die Produktionseinbussen aufgrund der Klimaveränderung durch weitere Intensivierung wettzumachen. Doch der Einsatz von immer grösseren Landwirtschaftsmaschinen und fossilen Treibstoffen, von noch mehr Kunstdünger und synthetischen Pestiziden erhöht den Ausstoss klimaschädlicher Gase, statt ihn zu vermindern. Hinzu kommen Waldrodungen und der Verlust von Biovielfalt, ein immenser Wasserverbrauch und eine schädliche chemische Belastung der Umwelt. Nicht nur wird die Übernutzung der natürlichen Ressourcen weiter vorangetrieben. Auch die Verwundbarkeit der Ärmsten gegenüber den Klima-Auswirkungen nimmt ständig zu.

Notwendig ist eine Landwirtschaft, die weniger schädlich für das globale Klima und gleichzeitig widerstandsfähiger gegenüber sich ändernden Klimabedingungen ist; eine Landwirtschaft, die auch ärmere Menschen sicher und gesund ernähren kann. Nachweislich erfüllt eine agrarökologische Bewirtschaftung von landwirtschaftlichem Boden diese Bedingungen. Gerade in Weltgegenden, die häufig stark von Hunger betroffen sind, können dank der Agrarökologie die Erträge auf eine nachhaltige und krisenfeste Art und Weise ausgebaut und die Ernährungslage insgesamt verbessert werden.

Mehr Nachhaltigkeit im weltweiten Ernährungssystem

Die schweizerische Wirtschaft ist stark in die globale Agrar- und Nahrungsmittelindustrie eingebunden. Viele gewichtige Saatgut-, Pestizid- und Nahrungsmittelfirmen haben ihren Sitz in der Schweiz. Zudem wickeln viele Agrarrohstoff-Handelsfirmen ihre Geschäfte über Genf oder Zug ab. All ihre Geschäftsmodelle hängen vom kontinuierlichen Ausbau eines auf Monokulturen basierenden und auf den Export spezialisierten Ernährungssystems ab.

Aufgrund ihrer Marktmacht sind Handelsfirmen mitverantwortlich für die oft unhaltbaren Zustände im Anbau von Agrarrohstoffen sowie von Früchten und Gemüse in Entwicklungsländern. Dazu gehören bisweilen Hungerlöhne, die vom Tagesoutput abhängig gemacht werden, die Gefahr gesundheitlicher Schädigungen beim Versprühen von Pestiziden sowie körperliche Schwer- und in manchen Fällen Kinderarbeit.

Die Corona-Krise zeigt die Notwendigkeit, problematische Aspekte des gegenwärtigen Ernährungsmodells zu reformieren: Vermehrt muss es gelingen, dass Entwicklungsländer und ihre Bewohner weniger abhängig von globalen Wertschöpfungsketten und von internationaler Preisgestaltung bei den Agrarrohstoffen sind. Vermehrt gilt es, Sozialsicherungssysteme zu fördern und menschenwürdige Arbeitsbedingungen sowie existenzsichernde Löhne garantieren zu können. Nicht verhandelbar sind das Recht auf angemessene Ernährung, die Menschenrechte von Landarbeitern und indigenen Völkern sowie der Schutz von Natur und Klima.

Bild: (c) Alexandra Wey
 

Zum Caritas-Positionspapier «Ernährung gerechter und klimaverträglich gestalten»