Wie Genf den Vergessenen der Pandemie zur Hilfe eilte 

«Wir haben viele neue Gesichter gesehen», sagt die Leiterin der Sozialdienste der Caritas Genf - Mediendienst 08/2021

Millionen Franken wurden im Kanton Genf bereitgestellt, um Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen, viele davon Sans-Papiers, in der Corona-Krise zur Seite zu stehen. Caritas Genf war daran beteiligt, dass diese Hilfe zu den Betroffenen kommt.

Im Frühjahr 2020 machte ihre Not Schlagzeilen. Als die Pandemie-Welle die Schweiz erfasste, standen Tausende im informellen Sektor Beschäftige von heute auf morgen ohne Einkommen da. Es blieb ihnen keine andere Wahl als das Anstehen für Lebensmittelhilfe. Ein in Genf ‒ einer der reichsten Städte der Welt ‒ noch nie dagewesenes Phänomen. Die meisten der Betroffenen arbeiteten in prekären Arbeitsverhältnissen oder zählten zu den Sans-Papiers, sie lebten ohne legalen Aufenthaltsstatus in der Schweiz. Folglich hatten sie keinen Anspruch auf die Unterstützungshilfe des Bundes wie Kurzarbeitsentschädigung oder Corona-Erwerbsersatz. Einige Städte und Kantone hatten ihrerseits in Ergänzung zu den Massnahmen des Bundes Hilfspakete geschnürt. 

In Genf entwickelte der Kanton zusätzlich zu den Initiativen der Hilfswerke zwei Unterstützungsprogramme, bei denen auch die «Waisenkinder» der Pandemie zu den Anspruchsberechtigten gehörten. Caritas Genf war hier Partner. Dank der ersten, im Juni 2020 verabschiedeten Massnahme hatten auch Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus Anspruch auf Erwerbsersatz. Doch gegen das Gesetz wurde das Referendum ergriffen und es konnte deshalb erst mit einem Jahr Verspätung in Kraft treten. Im März 2021 wurde das mit einem Budget von 15 Millionen Franken ausgestattete Gesetz vom Volk angenommen. Zweifelsohne etwas zu spät, um in einer Notsituation möglichst schnell zur Hilfe zu eilen.

Grosse Nachfrage für Nothilfe nach zweiter Welle

Als Reaktion auf die zweite Welle im Herbst stellte der Kanton einen mit 12 Millionen Franken dotierten Nothilfefonds bereit. Sechs Hilfswerke, darunter Caritas Genf, wurden ab dem 1. Januar mit der Zuteilung der Nothilfe beauftragt. Die Mittel wurden insbesondere zur Begleichung von Krankenkassenprämien, Gesundheitskosten und ausstehende Mietzinszahlungen eingesetzt. Die Hilfesuchenden mussten nachweisen, dass sie im Kanton Genf leben, und eine ehrenwörtliche Erklärung über ihre Situation abgeben. Die Nachfrage war so gross, dass Caritas Genf das Team verstärken musste. Auch die Telefonauskunft wurde personell aufgestockt.  

«Wir haben viele neue Gesichter gesehen ‒ Menschen, die sich bisher noch nie an uns gewandt hatten», erzählt Katia Hechmati, Leiterin des Sozialdienstes von Caritas Genf. Insbesondere Angehörige der mongolischen Gemeinschaft suchten Hilfe bei Caritas. Menschen, die sonst im Strassenbild der Stadt wenig sichtbar sind. Aber auch aus Brasilien oder Bolivien stammende Menschen klopften an die Türen von Caritas Genf. Mehr als drei Viertel der Hilfesuchenden lebten illegal in der Schweiz und die Mehrheit arbeitete in privaten Haushalten oder dem Gastgewerbe. Ende Juli lief das Unterstützungsprogramm aus, das Budget von 12 Millionen war ausgeschöpft. Caritas Genf hatte mehr als 1,3 Millionen Franken Direkthilfe an 416 Haushalte, in denen 808 Personen lebten, bewilligt. 

Ein Jahr Verzögerung und eine schwierige Umsetzung 

Das Gesetz über Entschädigung bei Erwerbsausfall konnte schliesslich fast zeitgleich im April 2021 in Kraft treten. Caritas Genf verstärkte daraufhin sein Team und stellte einen Sozialarbeitenden ein, der von Freiwilligen unterstützt wurde. Die Hilfswerke wurden beauftragt, die Dossiers der potenziell Anspruchsberechtigen für die vom Kanton Genf bereitgestellten Erwerbsausfallentschädigungen vorzubereiten und einzureichen. 

Die Umsetzung des auf drei Monate befristeten Gesetzes erwies sich in der Praxis als komplex. Eine einmalige Zahlung in Höhe von maximal 4000 Franken konnte für Einkommensausfälle gesprochen werden, die für den Zeitraum zwischen dem 17. März und 16. Mai 2020 des Vorjahres geltend gemacht werden konnten. Die zu erfüllenden Kriterien waren streng: So musste man in den vorangegangenen drei Monaten ununterbrochen in Genf gearbeitet haben, seit über einem Jahr in Genf leben und nicht bereits eine andere kantonale oder eidgenössische Hilfe bezogen haben. Auch die Verpflichtung, den Namen des Arbeitgebers zu nennen, führte anfangs zu sehr viel Zurückhaltung, obwohl viele der Hilfesuchenden inzwischen wieder eingestellt worden waren. «Wir mussten versichern, dass diese Informationen vertraulich bleiben und keinesfalls den Arbeitsplatz gefährden würden», erklärt Emmanuelle Mossuz, die bei Caritas Genf für das Programm verantwortlich ist. 

Die Zeit drängte, galt es doch, sämtliche Dossiers bis spätestens zum 6. Juli 2021 einzureichen. Noch ist nicht klar, welches Gesamtbudget der Kanton Genf für diese Massnahme zur Verfügung stellt. Fest steht aber, dass der Betrag von 15 Millionen Franken bei weitem nicht ausgeschöpft wird. Bis Ende Mai wurden lediglich 900 000 Franken des Budgets abgerufen. «Es war von vornherein unrealistisch, dieses Gesetz innerhalb von drei Monaten umzusetzen», kritisiert Emmanuelle Mossuz. «Es dauert einfach eine Weile, bis die Informationen an die Öffentlichkeit gelangten und sich die ganze Maschinerie in Gang setzte. Als dann immer mehr Anträge eingingen, mussten wir die Annahme stoppen, damit wir die Bearbeitung innerhalb der Frist korrekt umsetzen konnten», erläutert sie. 

Caritas Genf reichte 117 Anträge ein, 109 wurden bewilligt und damit insgesamt 446 600 Franken Hilfsgelder abgerufen. Das entspricht einer durchschnittlichen Hilfszahlung von 3817 Franken. Einigen Familien, die in prekären Verhältnissen leben und die die Krise schwer getroffen hat, konnte so geholfen werden. 

Bild: Wenn die Rechnungen einfach nicht mehr bezahlt werden können... (c) Kellenberger und Kaminski
 

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