Wenn das Klima zur Flucht zwingt

Fokus Internationale Zusammenarbeit: Somaliland zwischen Dürre und Aufbruch - Mediendienst 07/2019

Somaliland ist ein Unikum. Vor 28 Jahren erklärte es seine Unabhängigkeit, die jedoch kein Land der Welt anerkennt. Obwohl Somaliland politisch viel stabiler ist als Somalia, leidet es seit Jahren unter dramatischen Dürrekrisen und Armut. Dies bewegt viele, vor allem junge Menschen zur Flucht. Es gibt aber auch solche, die sich fürs Bleiben entscheiden. 

Blog: Wenn das Klima zur Flucht zwingt Die Sonne brennt erbarmungslos. Es ist über vierzig Grad heiss und extrem trocken. Seit Stunden fahren wir auf steinigen Pisten durch die Wüste Somalilands und lassen eine lange Staubwolke hinter uns. Dürre Kamele und Ziegenherden kreuzen ab und zu unseren Weg. Vereinzelt tauchen kleine Dörfer auf. Viel öfter sieht man jedoch Siedlungen mit intern Vertriebenen. Es sind ärmliche Hütten, die oft nur aus einem Holzgestell und darüber gehängten Tüchern bestehen aus Schutz vor der sengenden Sonne. Gemeinsam mit meinem Kollegen und unserer Partnerorganisation Candlelight bin ich unterwegs zu Projekten, welche Caritas Schweiz in Somaliland unterstützt. 

Die halbautonome Demokratie Somaliland ist ein Unikum. Nachdem 1991 der langjährige Diktator Somalias, Siad Barre, abgesetzt wurde, stürzte das Land in einen Bürgerkrieg. Die islamistische Terrororganisation Al-Shabab nutzte das Machtvakuum und legte an Stärke und Macht zu. Seit dieser Zeit kam Somalia nie mehr richtig zur Ruhe. Somaliland wollte sich von Somalia und dem dort herrschenden Bürgerkrieg lösen und hat 1991 einseitig die Unabhängigkeit ausgerufen, obwohl sie bisher von keinem Staat der Welt anerkannt wird.

Dürre, Fluten, Armut und Arbeitslosigkeit

Obwohl das Land im Vergleich zu Somalia, wo täglich Bomben explodieren, relativ stabil ist, grassiert seit Jahren eine humanitäre Krise. Diese ist vor allem klimabedingt. Immer wieder leiden Bewohnerinnen und Bewohner sowie Tiere unter Dürren und flutartigen Regenfällen. Seit drei Jahren herrscht eine der verheerendsten Dürrekatastrophen und letztes Jahr fegte zusätzlich ein Zyklon über das Land. Aufgrund von Dürre und Überschwemmungen sind seit 2016 neunzig Prozent der Viehherden gestorben. Das ist dramatisch, weil die meisten Menschen einfache Nomaden und Viehzüchter sind und somit ihre Existenzgrundlage verloren haben. Zugang zu Wasser, Ernährung und Gesundheit sind ein riesiges Problem. Hunderttausende Menschen leiden Hunger und müssen mit einer Mahlzeit pro Tag oder weniger auskommen. Somaliland hat weltweit eine der höchsten Raten an unterernährten Kindern. Momentan sind eine halbe Million Kinder von Hunger bedroht. Auf der Suche nach Wasser und Nahrung ist jede fünfzehnte Person intern vertrieben. 

Schwache staatliche Institutionen und fehlende Ressourcen führen zu schlechter Schulbildung und mangelnder Gesundheitsversorgung. Die Wirtschaft ist sehr schwach, auch aufgrund fehlender Investitionen aus dem Ausland, weil Somaliland international nicht anerkannt ist. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt mit weniger als 2 Franken pro Tag. Ein Grossteil ist arbeitslos. Vor allem junge Menschen finden fast keine Jobs. Hinzu kommt, dass der Arbeitsmarkt in Somaliland nicht frei ist. Für die meisten Stellen ist die Clanzugehörigkeit wichtiger als die Qualifikation. Junge Menschen haben das Gefühl, im Leben nicht weiterzukommen, weil es keine Perspektiven gibt.

Unterwegs Richtung Mittelmeer

Dürre, Hunger, Armut und fehlende Zukunftsperspektiven zwingen viele, vor allem junge Menschen zur Flucht. In Somaliland ist das Phänomen weit verbreitet, dass Jugendliche die gefährliche Reise nach Europa über die Sahara und das Mittelmeer antreten, auf «Tahriib» sind. «Tahriib» ist ein arabisches Wort und bedeutet ursprünglich illegale Aktivitäten wie Schmuggel und Menschenhandel. Es hat in jüngster Zeit an Bedeutung und Popularität in der somalischen Sprache gewonnen. Tahriib wird als «nationales Disaster» eingestuft. Die jungen Menschen erleben Grausames auf der Flucht, werden Opfer von Menschenhändlern und Gewalt. Auch die zurückgelassenen Familien sind traumatisiert. Sie hören wochenlang nichts von ihren Liebsten, wissen nicht, ob sie noch am Leben sind. Menschenhändler entführen die Jugendlichen und erpressen ihre Familien. Haben die Angehörigen kein Geld, müssen sie sich verschulden oder ihren Besitz verkaufen. Obwohl man sich den Gefahren bewusst ist, ist der Leidensdruck so gross, dass keine Abnahme der Migration in Sicht ist. 
 
Wie hat Caritas Schweiz bisher Hilfe geleistet?

Blog: Wenn das Klima zur Flucht zwingt Um die akute Not zu lindern und Menschen eine Zukunft in der eigenen Heimat zu ermöglichen, ist Caritas Schweiz in enger Zusammenarbeit mit lokalen Partnerorganisationen seit Jahren in Somaliland tätig. Durch Geldzahlungen, die über Mobiltelefone gutgeschrieben werden, können sich Familien Nahrungsmittel nach ihren individuellen Bedürfnissen leisten und so ihre Ernährungssituation verbessern. Unterernährte Kinder erhalten medizinische Versorgung in mobilen Gesundheitskliniken oder dem Hungerspital. Die Eltern können während dieser Zeit gratis im Spital wohnen und essen und erhalten Trainings in Hygiene und Ernährung. 

«Wir wollen hierbleiben»

Obwohl die Situation vor Ort dramatisch ist, kommen während unser Reise unzählige Menschen auf uns zu, verlangen, dass wir zu Hause von der Schönheit Somalilands erzählen. Und vom Willen der Bewohnerinnen und Bewohner, ihr Land aufzubauen. So wie Tadalesh Aw Hirsi, ein Dorfältester: «Erzählt zu Hause nicht nur vom Elend. Erzählt auch, wie schön Somaliland ist. Es gibt Berge, Strände, es hat eine Wüste. Wir sind stolz auf unsere Demokratie. Wir wollen hierbleiben, für uns und unsere Kinder eine Zukunft aufbauen. Die Unterstützung durch euch NGOs ist wichtig. Damit wir es irgendwann selber schaffen.» 

Bild oben: Rund 90% betragen die Verluste der Tierherden infolge der Dürre. (c) Fabian Biasio
Bild unten: Ein mobiles Team identifiziert Kleinkinder, die mit ihren Müttern ins Stabilisierungszentrum Berbera aufgenommen werden, wo die Unterernährung der Kinder behandelt wird. (c) Fabian Biasio

Unser Engagement gegen den Hunger in Ostafrika