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Wenn Bedürftige Geld statt Hilfspakete erhalten

Geldtransfer-Programme als Trend in der humanitären Hilfe - Mediendienst 3/2018

In der internationalen Zusammenarbeit hat sich in den letzten Jahren ein Trend verfestigt: Anstelle von Gütern verteilen die Hilfsorganisationen Geld. Dabei sind sich die humanitären Akteure einig: Geldtransfer-Programme sind die Zukunft der humanitären Hilfe.

Der Krieg in Syrien hat Millionen Menschen in die Nachbarländer vertrieben. Dort ist die Mehrzahl der Geflüchteten permanent auf Unterstützung angewiesen, um überleben zu können. Doch wie sollen die Hilfsorganisationen die unterschiedlichen Bedürfnisse der Menschen abdecken, wie dies logistisch organisieren und wo die Hilfsgüter einkaufen?

Traditionell unterstützt die humanitäre Hilfe Menschen in Krisensituationen mit Nahrungsmitteln und andern Nothilfe-Gütern. Auch wenn diese Art von Hilfe sehr wertvoll ist, zeigen sich dabei drei Schwächen: Erstens nehmen standardisierte Hilfspakete keine Rücksicht auf die individuelle Situation der Menschen und treffen deren Bedürfnisse darum oft nur teilweise. Zweitens schadet die Hilfe den lokalen Märkten durch die Einfuhr von Gütern oder durch Grosseinkäufe der Hilfsorganisationen. Schliesslich sind Beschaffung, Transport und Verteilung von Gütern logistisch sehr aufwändig und kostenintensiv. Im Hinblick auf diese Schwächen bieten Geldtransfer-Programme eine Alternative: Anstelle von Gütern erhalten die Menschen Geld oder Gutscheine. Damit kaufen sie selber und vor Ort das ein, was sie brauchen.

Unter Geldtransfer-Programmen (auf Englisch «Cash Transfer Programming» CTP oder «Cash-Based Interventions» CBI) wird ein breites Set an Instrumenten verstanden. Dazu gehören Bargeld, Gutscheine, Bankkarten, Banküberweisungen oder Transaktionen via Mobiltelefone. Bei manchen Modalitäten ist die Zahlung an Bedingungen geknüpft: Du kriegst Geld, wenn du dafür in deiner Gemeinde beim Aufräumen der Trümmer mitarbeitest (Geld für Arbeit) oder wenn du deine Kinder statt zum Arbeiten zur Schule schickst. Weiter gibt es Instrumente, bei denen das Geld nach eigenen Prioritäten frei eingesetzt werden kann, und andere, bei denen es in Form von Gutscheinen nur in bestimmten Geschäften oder gegen bestimmte Güter getauscht werden kann. Je nach Situation und Zielsetzung muss die Hilfsorganisation entscheiden, welches Instrument für welche Zielgruppe geeignet ist.

Caritas Schweiz nutzt in Syrien und Jordanien unterschiedliche Geldtransfer-Ansätze. So können sich Menschen zum Beispiel in der Abfallentsorgung engagieren und so ein Einkommen verdienen. Alte und kranke Personen werden mit regelmässigen Zahlungen unterstützt, die sie nach eigenen Prioritäten frei verwenden können. Und zu Beginn des Winters verteilte Caritas Gutscheine für Winterkleider und -ausstattung, welche die Begünstigten in bestimmten Geschäften einlösen konnten.

Erfahrungen sind positiv

Geldtransfer-Programme werden oft noch kritisch wahrgenommen und mit Risiken von Missbrauch und Korruption assoziiert. Die Erfahrungen, inzwischen auch belegt durch grossangelegte Studien, zeigen aber, dass diese Risiken nicht grösser sind als bei herkömmlichen Hilfsmassnahmen.

Die Vorteile der Bargeldzuweisungen sind klar: Zu allererst stärken sie die Begünstigten und machen diese zu den Hauptverantwortlichen dafür, dass sie ganz gezielt ihre wichtigsten Bedürfnisse abdecken, ohne dass Geld für nicht Benötigtes ausgegeben wird. Dies, wie auch die wegfallende Logistik, spart Aufwand und Ressourcen bei den Hilfsorganisationen. Insgesamt sind Geldtransfer-Programme damit effizienter und effektiver als andere Interventionen. Ein weiterer sehr wichtiger Vorteil ist, dass die lokalen Märkte durch solche Programme profitieren können. Da die Begünstigten vor Ort einkaufen, wird die lokale Wirtschaft gestärkt und Arbeitsplätze werden geschaffen. Jeder Franken, der als Hilfe ausbezahlt wird, generiert so eine zusätzliche Wertschöpfung in der Wirtschaft vor Ort.

Analogie zur Sozialhilfe in der Schweiz

In der Schweiz erhalten Bezügerinnen und Bezüger von Sozialhilfe wie auch Asylsuchende seit Jahrzehnten Geld ausbezahlt. Niemand käme auf die Idee, an sie einen einheitlichen Warenkorb abzugeben. Gerade in langanhaltenden Krisen übernimmt die humanitäre Hilfe vorübergehend die Rolle der Sozialwerke. Es erstaunt darum nicht, dass auch dort zunehmend Geldtransfer-Programme eingesetzt werden. Trends wie die zunehmende Verstädterung, die auch mehr Unterstützung im urbanen Raum nötig macht, langfristige und wiederkehrende Krisen, die zunehmende Digitalisierung oder der Druck seitens der Geldgeber für Effizienz weisen darauf hin, dass diese Entwicklung weitergehen wird. Auch die internationalen Diskussionen im Bereich der humanitären Hilfe lassen keinen Zweifel daran, dass der Anteil der Geldtransfer-Programme künftig wachsen wird und dass dies als richtig und wichtig erachtet wird.

Auch Caritas Schweiz hat die Stärken der Geldzuweisungen erkannt. Geldtransfer-Programme legen im Volumen zu und wurden bisher in elf Ländern in den Bereichen Nothilfe, Einkommensförderung, Unterkunft und Bildung eingesetzt. Den Menschen helfen, ihre Selbstbestimmung stärken, eine Zukunft ermöglichen, effizient arbeiten – diese Ziele von Caritas lassen sich mit Geldtransfer-Programmen oft am effektivsten erreichen.

Bild: Von der Dürre betroffene Frauen in Somaliland erhalten Geldtransfers über das Handy. (c) Caritas Schweiz / Candlelight

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