Warum Armut ausgrenzt

Sozialalmanach 2021 - Mediendienst 01/2021

Im soeben erschienenen Sozialalmanach von Caritas Schweiz analysieren namhafte Expertinnen und Experten, weshalb in demokratischen und reichen Ländern wie der Schweiz immer mehr Menschen dem Risiko der sozialen Exklusion ausgesetzt sind. Die Corona-Krise hat die Problematik zusätzlich verschlimmert.  

Arm sein bedeutet weit mehr als materielle Entbehrungen. Geldnot benachteiligt und belastet und führt zu eingeschränkter oder gar verwehrter Teilhabe in verschiedener Hinsicht (Arbeits- und Wohnungsmarkt, Bildung, Kultur usw.). Das verfestigt am Ende die Armut – ein Teufelskreis. Der aktuelle Sozialalmanach von Caritas Schweiz beleuchtet deshalb erstmals Ausgrenzung als eigenständiges Problemfeld, analysiert ihre Verschränkung mit der Armut und nimmt die Bedingungen unter die Lupe, die dazu führen, dass Menschen abgehängt werden.

Ausgrenzung wird auch bewusst in Kauf genommen

Es gehört zu den grossen Widersprüchen der Gegenwart, dass Armut trotz wohlfahrtsstaatlicher Einrichtungen, die Inklusion versprechen, mit Ausgrenzung einhergeht. Je nach Herkunft der betroffenen Menschen wird Ausgrenzung sogar bewusst in Kauf genommen, indem ihnen Rechte vorenthalten werden. Die Ausgrenzungsproblematik stellt sich also bereits beim Sozial- und beim Rechtsstaat, die Universalität postulieren, aber Menschen nach Status und Herkunft kategorisieren, obschon Leistungsansprüche durch ökonomische Bedürftigkeit legitimiert sein sollten.

Neben diesen institutionellen Ausgrenzungsmechanismen sind Betroffene auch zunehmend dem Exklusionspotenzial des Arbeitsmarktes und der Arbeitslosigkeit ausgesetzt, ohne dass der Sozialstaat adäquat darauf antwortet. Er orientiert sich stattdessen noch immer am Paradigma der «Aktivierung» und an einer Vollzeit-Erwerbsbiografie ohne Unterbruch. Dabei bräuchte es ein neues Verständnis von Arbeit und die gleichwertige Anerkennung beispielsweise von Care-Arbeit. Solange an der vermeintlichen Alternativlosigkeit des Normalarbeitsverhältnisses festgehalten wird, sind immer mehr Menschen dem Risiko der Ausgrenzung preisgegeben. 

Corona-Krise macht mangelnde soziale Absicherung sichtbar

Selbst der ergänzende Arbeitsmarkt reproduziert soziale Ungleichheiten, statt die Integration zu fördern. Dies unter anderem, weil je nach Arbeitsbereich die eigene Tätigkeit nicht als Arbeit anerkannt, sondern als Gegenleistung betrachtet wird, die der Gesellschaft geschuldet ist. Die Konditionen sind zudem deutlich schlechter als auf dem regulären Arbeitsmarkt, und zwar nicht nur beim Lohn, sondern auch in sozialrechtlicher Hinsicht. Tiefe Löhne und hohe Beschäftigungsunsicherheit sind in der Schweiz aber auch auf dem regulären Arbeitsmarkt keine Ausnahmeerscheinung – vor allem nicht für Geringqualifizierte, Migrantinnen und Migranten sowie Junge und Frauen. Die Corona-Krise hat vor Augen geführt, wie folgenschwer die damit verbundene mangelnde soziale Absicherung für die Betroffenen ist und wie schnell sie ihre Stelle verlieren können.

Letztlich muss es das Ziel jeder Gesellschaft sein, Ausgrenzung zu überwinden. Der Sozialalmanach zeigt deshalb auch mögliche Lösungswege auf und sensibilisiert dafür, dass Armut sich nicht alleine mittels Investitionen in Bildung bekämpfen lässt. Denn dies impliziert, dass es der Einzelne in der Hand hat, sozial aufzusteigen, wenn er sich nur genug anstrengt. Diese Aufsteigerideologie lenkt von der zentralen Erkenntnis ab: Um Armut wirksam zu bekämpfen, muss eine Umverteilung des Reichtums von oben nach unten stattfinden.

Der Sozialalmanach 2021 ist unter dem Titel «Armut grenzt aus» erschienen und kann bestellt werden per E-Mail an shopnot shown@caritasto make life hard for spam bots.ch oder auf www.caritas.ch/shop.

Bild: Sozialalmanach 2021. (c) Caritas Schweiz