Von der Hoffnung zum Albtraum

Migration im zentralen Sahel - Mediendienst 10/2021

Durch die Unsicherheit in Burkina Faso nehmen die Gefahren von Ausbeutung für Migrierende auf der Durchreise stark zu. Oft geht ihnen unterwegs das Geld aus, was sie in Abhängigkeitsverhältnisse treibt. Im schlimmsten Fall werden vor allem Frauen Opfer von Menschenhandel oder zur Prostitution gezwungen.

Die Hoffnung auf ein besseres Leben, ein geregeltes Einkommen: Oft sind es ökonomische Gründe, weshalb sich Menschen im zentralen Sahel (Burkina Faso, Mali, Niger) für die Migration entscheiden. Zwar wird dieses Unterfangen auch heute noch als «grosses Abenteuer» betrachtet, die Umstände der Migration haben sich in dieser Region jedoch durch Covid-19 stark verändert. Die Pandemie und die damit zusammenhängende Krise lässt neue Zweifel aufkommen, ob die erhofften besseren Lebensbedingungen am Zielort noch zutreffen. Viele, die bereits in Burkina Faso unterwegs sind, wollen nicht in ihr Heimatland zurückkehren. Ihnen drohen aufgrund der Verschuldung für die Reise und der Tatsache, ihr Ziel nicht erreicht zu haben, nicht selten Stigmatisierung und Demütigung.

Eine Rückkehr ist oder war zudem auch aus praktischen Gründen nicht möglich. Die geschlossenen Grenzen zur Eindämmung von Covid-19 führten dazu, dass Migrierende auf der Durchreise blockiert waren. Vielen ging mit der Zeit das Geld aus. Mit der Arbeit als Aushilfen, auf Baustellen oder Feldern und in Restaurants versuchen sie, etwas Geld zu verdienen, um die Reise fortsetzen zu können. Einige geraten dennoch in ein gefährliches Abhängigkeitsverhältnis, da von Migrierenden überhöhte Preise für die Unterkunft und Verpflegung verlangt werden, die Weiterreise systematisch verzögert wird, sie bestohlen oder erpresst werden.

Aufgrund fehlender Identitätsdokumente, mangelnden Kenntnissen der lokalen Gegebenheiten, schwachen staatlichen Strukturen sowie manchmal auch aus blosser Erschöpfung können sich Migrierende nicht verteidigen oder sich selbständig aus der schwierigen Lage befreien. Für viele wird die ursprüngliche Hoffnung zu einem Albtraum.

Unsicherheit schafft neue Hindernisse

In Burkina Faso kommt zudem die sich von den Grenzgebieten her ausdehnende Unsicherheit durch die Präsenz von bewaffneten Oppositionsgruppen sowie Terrororganisationen nahestehenden Akteuren dazu. Die Regierung errichtet deshalb zusätzliche Checkpoints auf den bedrohten Hauptverkehrsachsen. Zum Schutz der Bevölkerung vor Angriffen werden seither auch vermehrt Identitätskontrollen durchgeführt.

Gemäss zahlreichen Berichten erpressen aber sowohl Grenzbeamte als auch die Polizei daneben illegal Passiergebühren. Migrierende sind davon besonders betroffen und müssen höhere Beträge zahlen, denn sie verstehen die lokalen Sprachen nicht und es fehlen ihnen soziale Netzwerke, die sie im Umgang mit den Behörden unterstützen. Sie sind deshalb häufig auf Hilfe von Drittpersonen angewiesen – was sie anfälliger für Ausbeutung macht.

Oft werden Migrierende bei diesen Kontrollen schikaniert. Sie werden durchsucht und ihnen werden die persönlichen Wertsachen abgenommen. Um die Erpressung durch Beamte zu umgehen, verstecken Migrierende deshalb ihre Identitätspapiere oder werden diese sogar los. Dies fördert wiederum die irreguläre Migration. Oft versuchen sie auch, den Kontrollen mit der Hilfe von Schleppern ganz auszuweichen und meiden daher die offiziellen Transportmittel wie Fernbusse und private Autotransporte. Weil dadurch auch die Schlepper neue gefährlichere Routen wählen müssen, steigt das Risiko der Migrierenden an. Und da die Nachfrage nach den Diensten der Schlepper, die auch Unterkünfte organisieren und Wege über geschlossene Grenzen finden, während Covid-19 anstieg, erhöhten sich auch die Transportpreise. Die Weiterreise hängt in diesen Fällen also nicht von geltenden rechtsstaatlichen Prinzipien, sondern vom Ergebnis der informellen Preisverhandlungen zwischen Migrierenden, Schleppern und Beamten ab.

Falsche Versprechen

Mit den Unsicherheiten der Migration konfrontiert, werden vor allem Frauen sowie Jugendliche und Kinder zu Hausarbeit oder Prostitution gezwungen. So gibt es Berichte über Mädchen aus Burkina Faso, die im malischen Gao gestrandet sind und als Kellnerinnen in Bars oder als Prostituierte arbeiten. In Burkina Faso selber sind besonders die informellen Goldabbaugebiete exponiert. Das Land ist der am schnellsten wachsende Goldproduzent in Afrika, wobei mehr als 70% des industriell geförderten Goldes in die Schweiz exportiert wird. Der wachsende Goldabbau stellt für die einheimische Jugend eine Alternative zur Migration dar. Gleichzeitig hat das Wachstum auch den Menschenhandel und die Zwangsarbeit befeuert. Frauen und Mädchen aus anderen westafrikanischen Ländern werden in betrügerischer Absicht mit dem Versprechen für ein sicheres Einkommen in ihrem Heimatland rekrutiert und anschliessend in Burkina Faso in die Prostitution gezwungen. Vor allem Frauen aus Nachbarländern wie der Elfenbeinküste, Togo und Mali, aber auch aus Nigeria, arbeiten im Sexgewerbe bei Minen sowie in den urbanen Gebieten.

Bemühungen zur Bekämpfung des Menschenhandels reichen nicht aus

Die Sahelzone ist von komplexen Migrationsströmen geprägt – nationale und internationale Migrationsströme überlappen sich. Dabei bewegen sich die meisten Migrierenden innerhalb von Westafrika. Burkina Faso hat sich seit 2017 zu einem wichtigen Transitland für Migrierende entwickelt. Zuvor stellte es seit den 1960er-Jahren primär ein Reservoir für Arbeitskräfte dar, die in der Landwirtschaft und auf den Plantagen der südlichen Nachbarländer wie der Elfenbeinküste ein Einkommen fanden. Seit der dortigen von Gewalt begleiteten politischen Krise 2012 sind jedoch zahlreiche Burkinabè zurückgekehrt. Die meisten Menschen, die heute nach Burkina Faso migrieren, sind aus Nigeria, Mali, Elfenbeinküste, Togo, Senegal, Guinea und Ghana sowie burkinische Rückkehrende. Viele probieren dann rasch weiterzureisen, Richtung Europa oder in den Nahen Osten, was nicht immer gelingt. Aufgrund der aktuellen unsicheren Lage sowie den damit zusammenhängenden Schwierigkeiten versuchen Migrierende nun allerdings, Routen durch Burkina Faso zu vermeiden. Die Zahl der Migrierenden auf der Durchreise hat deshalb stark abgenommen und bestätigt die allgemeine Erfahrung, dass Migrationsrouten sehr flexibel sind und sich stark lokalen Veränderungen anpassen.

Die Regierung stellt sich auf den Standpunkt, dass die neuen Gesetze von 2008 zwar die Mindeststandards für die Bekämpfung des Menschenhandels nicht vollständig erfüllen, aber ausreichend sind, um gegen Fälle von Menschenhandel vorzugehen. Die Realität zeigt allerdings, dass die wenigen Massnahmen kaum Auswirkungen auf die informelle Migration haben, die aufgrund der gegenwärtigen Umstände vielmehr zunimmt. Viele Vorfälle bleiben dabei undokumentiert.

Bilder: Kongoussi, Burkina Faso. (c) Anne Mimault
 

Nothilfe für Migrierende im Sahel: Das Projekt der Caritas

Caritas-Engagement im Bereich Migration