«Viele verzichten aus Scham auf die Sozialhilfe»

5 Fragen an Barbara Lucas zum Nichtbezug von Sozialleistungen - Mediendienst 07/2019

Viele Menschen in der Schweiz, die in prekären Verhältnissen leben, nehmen keine Sozialleistungen in Anspruch, obwohl sie durchaus Anspruch darauf hätten. Wie lässt sich das erklären? In einer kürzlich in Genf durchgeführten Studie kamen die Betroffenen zu Wort und ein komplexes Phänomen trat zutage. Die Studie wurde von Caritas Genf mitgetragen. Ein Gespräch mit Barbara Lucas, Professorin an der Genfer Hochschule für Sozialarbeit HES-SO, die an der Studie beteiligt war. 

Blog: «Viele verzichten aus Scham auf die Sozialhilfe»Barbara Lucas, wie lässt sich erklären, dass viele Menschen, die durchaus Anspruch auf Sozialleistungen hätten, diese nicht beziehen?

Oft ist der Nichtbezug von Sozialleistungen auf mangelnde Informationen zurückzuführen. Aber auch die komplexen Bedingungen und sozialen Barrieren spielen eine Rolle. Zahlreiche Menschen in der Schweiz verzichten aus Scham auf die Leistungen oder aus Angst vor Stigmatisierung. Für Ausländerinnen und Ausländer ist der Sozialhilfebezug zudem eine Gefahr für ihren Aufenthaltsstatus, das eidgenössische Ausländergesetz ist in dieser Hinsicht eindeutig. Dass die Sozialhilfe in den Zuständigkeitsbereich der Kantone fällt, trägt auch nicht zu einer grösseren Transparenz des Systems bei. Die Leute haben Angst, dass sie die bezogenen Leistungen zurückzahlen müssen oder die Eltern zur Zahlung verpflichtet werden. Hinzu kommt, dass in einigen Kantonen die Gemeinden für die Sozialhilfe zuständig sind. Auch das erklärt einen Teil der Nichtbezugsquote und führt darüber hinaus zu einer Ungleichbehandlung. Insbesondere in kleinen Ortschaften, in denen die Dossiers von den lokalen Gemeindevertretern entschieden werden, bestehen Ängste im Hinblick auf die Anonymität der Anträge. Mangelndes Fachwissen oder knappe Ressourcen können den Zugang zu gewissen Leistungen einschränken. Aufgrund der schweizweit unterschiedlichen Verfahren ist auch bei Antragstellung kaum absehbar, ob einem Antrag auf Unterstützung stattgegeben wird oder nicht. 

Entsprechen die Massnahmen vielleicht nicht den Bedürfnissen der Betroffenen? Oder anders formuliert, haben wir die richtigen Massnahmen, um dieser Zielgruppe zu helfen?

Das ist eine gute Frage, die wir uns zu selten stellen. Wir haben tatsächlich beobachtet, dass Anfragen aufgrund einer prekären Lage oder einer schwierigen Lebenssituation mit bürokratischen Erklärungen über die Bezugsrechte abgewimmelt werden. Ein Teil der Frauen beantragt keine Unterstützung, weil sie das Gefühl haben, dass man ihre Schwierigkeiten verkennt, sie wollen nicht von staatlicher Hilfe abhängig sein. Sie möchten eine Ausbildung machen und wünschen sich Hilfe bei der Kinderbetreuung. Oft wollen sie sich aus einer Beziehung befreien, in der sie von einem Mann unterdrückt werden und sich selbstständig ihren Lebensunterhalt verdienen. Und auf diesem Weg suchen sie Unterstützung.  

Arbeiten die zuständigen staatlichen Strukturen – Staat, Sozialbehörden, NGOs usw. – effizient zusammen? 

Die Zusammenarbeit zwischen staatlichen Institutionen und den Verbänden ist entscheidend für die europäischen Programme, die den Nichtbezug bekämpfen. In Genf, wie auch in anderen Kantonen, spielen die Verbände in der Sozialberatung eine entscheidende Rolle. Dank ihrer Überzeugungsarbeit machen viele bereits abgelehnte Anspruchsberechtigte einen zweiten Versuch, um ihr Recht auf Unterstützung geltend zu machen. Problematisch ist, dass die Verbände lediglich die Funktion des «Besenwagens» übernehmen. Die Bekämpfung des Nichtbezugs hat weder eine gesellschaftliche Anerkennung noch ist sie Gegenstand eines strukturierten politischen Prozesses.  

Welches sind die wichtigsten Themenfelder bei der Bekämpfung des Nichtbezugs? 

Dieses Phänomen, das man in der Schweiz zu lange ignoriert hat, muss man besser verstehen. Dazu muss man den Nichtbezug dokumentieren und die Leistungsbezieherinnen und -bezieher motivieren, bei einem entsprechenden politischen Monitoring mitzumachen. Leistungen müssen neu definiert und Fachpersonen ausgebildet werden. Denkbar ist auch, Leistungen durch eine Umstrukturierung der Institutionen niederschwelliger zu gestalten oder gar automatisch auszuzahlen. Proaktive Information, die Stärkung der Kooperationen und schlankere Verfahren sind weitere wichtige Stichwörter. Und natürlich muss sich das Bild der Leistungsempfängerinnen und -empfänger in der Gesellschaft ändern. Die Behörden und auch die Bevölkerung dürfen die Begünstigten nicht stigmatisieren. 

Was denken Sie über das Ergebnis der Abstimmung zur Sozialhilfe im Kanton Bern am 19. Mai? Und wie wird sich die Situation ihrer Meinung nach entwickeln? 

Das Ergebnis bestätigt den Status Quo. Und es stärkt die Legitimität der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS). Aber im Hinblick auf die Fragen rund um die Sozialhilfe brachte die Abstimmung keinen Fortschritt. Wie können wir Menschen, die keinen oder kaum noch sozialen Schutz haben, schützen und gleichzeitig die Kosten im Griff behalten? Die Vorstösse zu immer strengeren Kriterien für den Leistungsbezug häuften sich in den letzten Jahren. Doch Argumente für diese Haltung verlieren immer mehr an Überzeugungskraft und vielleicht erreichen wir einen Wendepunkt. Es wird immer offensichtlicher, dass die Gesundheits- und Sozialkosten, verursacht durch den Nichtbezug sowie durch Armut, sehr hoch sind. Sicherlich sind diese Kosten viel höher als der Preis einer zielgerichteten, auf Unterstützung und Integration ausgerichteten Politik.

Die offiziellen Statistiken können die Zahl der Anspruchsberechtigten nicht abbilden. Caritas Genf sowie das Centre social protestant stellen jedoch bei ihrer Arbeit mit Bedürftigen fest, dass mindestens eine von zwei unterstützungsberechtigten Personen entweder ihre Rechte nicht kennt oder in eine Notlage geraten ist, weil sie ihren Anspruch auf Sozialleistungen bei den Behörden nicht geltend machen konnte. Im Kanton Bern wird der Prozentsatz an Nichtbezug auf 26% geschätzt. Andere Untersuchungen gehen von weitaus höheren Zahlen aus: bis zu 60% schweizweit. Esther Alder, Verantwortliche der Stadt Genf für soziale Kohäsion und Solidarität, kommentiert diese Situation mit folgenden Worten: «Der eigentliche Skandal in unserer Gesellschaft ist nicht der Missbrauch von Sozialhilfe, sondern der Nichtbezug von Sozialleistungen, die der Staat geschaffen hat!»

 

Bild: Stigma Armut. (c) Zoe Tempest

Weiterführende Informationen zur Studie der Genfer HES-SO

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